Der FC Bayern scheitert in der Champions League klar an Manchester City und verpasst damit erneut das Halbfinale. Während hausgemachte Probleme augenscheinlich sind, wird der Schiedsrichter das Ziel des Münchner Frustes.

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Patrick Mayer sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Es hatte in München den ganzen Mittwoch über in Strömen geregnet. Ganz zum Leidwesen von Thomas Tuchel. Nach dem Champions-League-Aus des FC Bayern im Viertelfinale gegen Manchester City motzte der Trainer regelrecht über die Platzverhältnisse in der Allianz Arena. Der Rasen sei "nicht auf dem Niveau" gewesen, wie es "dem Rahmen dieses Spiels" gerecht geworden wäre, ließ der 49 Jahre alte Coach auf der Pressekonferenz wissen.

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Bayern scheitert an ManCity: Tuchel wettert gegen den Schiri

Tuchel wirkte nach dem 1:1 (0:0) im Rückspiel gegen die Citizens richtig angefressen. Das Ergebnis bedeutete nach dem 0:3 (0:1) im Hinspiel eine Woche zuvor den dritten Viertelfinal-K.-o. des Bundesliga-Rekordmeisters in der Königsklasse in Folge.

Ihren Frust entluden die Bayern hinterher insbesondere durch Kritik am teils unglücklich agierenden Schiedsrichter Clement Turpin. Tuchel bescheinigte dem französischen Referee "die Note 6", Thomas Müller haderte in der Mixed Zone: "Wir hatten Schwierigkeiten mit dem zwölften und dreizehnten Mann. Sowohl der Schiedsrichter als auch der Platz waren bei den kleinen Entscheidungen nicht auf unserer Seite. Über den Schiedsrichter äußere ich mich eigentlich selten, aber heute war schon sehr auffällig, welch schwache Entscheidungsfindung er hatte. Für den Schiedsrichter können wir nichts. Dass der Platz rutschig ist, haben wir gewusst. Das kannst du aber nicht verhindern."

FC Bayern: Eklatante Fehler in der Abwehr, harmlos vor dem Tor

Zur Wahrheit gehörte letztlich auch, dass den Münchnern in der Abwehr erneut haarsträubende Patzer unterliefen - und dass sie im Angriff viel zu harmlos waren. Beim 1:0 durch Superstürmer Erling Haaland (57. Minute) rutschte dessen Bewacher Dayot Upamecano tückisch weg. Zuvor hatte der französische Innenverteidiger das Laufduell gegen den Norweger um mehrere Meter verloren.

Die Szene war bezeichnend für hausgemachte Fehler der Bayern. Noch 16 Sekunden vor dem Führungstreffer des englischen Meisters spielte Kingsley Coman den Ball aussichtsreich an der gegnerischen Torlinie quer. Der formschwache Mittelstürmer Eric Maxim Choupo-Moting (nur zwei Zweikämpfe bis zur Pause) ahnte die Finte nicht. Und der, der solche Szenen voraussieht, Thomas Müller, saß nur auf der Bank. Warum, das erklärte Tuchel nicht.

Stattdessen ärgerte sich der bayerische Schwabe auf der Pressekonferenz dünnhäutig über eine kritische Reporterfrage ("Ich weiß nicht, ob mir Ihre wertende Tonlage in der Frage gefällt") und meinte: "Wir waren komplett auf Augenhöhe mit der formstärksten Mannschaft Europas, hatten sie in beiden Spielen am Haken." Konkret: Der FCB dominierte etwa durch 58 Prozent Ballbesitz lange das Spielgeschehen. Aber: Leroy Sané (17.) und der engagierte, aber glücklose Kingsley Coman (57.) ließen beste Torchancen ungenutzt.

Negativer Höhepunkt der Sturmflaute: Unmittelbar vor der Pause (45.+1) schoss Coman aus bester Position im Sechzehner Choupo-Moting an.

Einziges Tor durch Kimmichs Handelfmeter

City-Coach Pep Guardiola, zwischen 2013 und 2016 selbst Trainer der Münchner, analysierte folgerichtig: "Wir haben in der Box gut verteidigt. Das ist das Wichtigste." Und das bekamen die Bayern zu spüren, ehe der erst 17-jährige Mathys Tel nach seiner Einwechslung (71.) für wirklich ernsthafte Gefahr sorgte. Sein vermeintlicher Treffer (76.) zählte wegen einer klaren Abseitsposition Comans beim Zuspiel aber nicht. Bezeichnend: Das einzige Bayern-Tor fiel schließlich nach einem Handelfmeter durch Joshua Kimmich (83.) - es war erst der dritte Treffer in den letzten fünf Pflichtspielen.

Apropos Strafstoß: Der viel gescholtene Turpin hatte das strafbare Handspiel des Ex-Dortmunders Manuel Akanji richtig gesehen. Ebenso hatte der erneut nervös spielende Upamecano beim ersten Handelfmeter (35.) den Ball nach einer unnatürlichen Armbewegung weg vom Körper gegen den Ellenbogen bekommen. Haaland vergab (37.). Und als Turpin Upamecano zuvor nach einer klaren Notbremse gegen Haaland (19.) vertretbar mit Rot vom Platz schicken wollte, nahm er diese Entscheidung gegen seinen Landsmann wegen einer Abseitsstellung umgehend zurück.

Thomas Tuchel kämpft mit Altlasten von Vorgänger Julian Nagelsmann

Vor Tuchels Rundumschlag bewahrten den Referee die gemäß Regelwerk nachvollziehbaren Entscheidungen nicht. Während der Trainer seine Mannschaft starkredete, kritisierte Routinier Müller kritischer die mangelnde Chancenverwertung: "Am Ende schießen wir natürlich zu wenige Tore. Da müssen wir ehrlich sein. Der Aufwand ist brutal. Da fehlt uns die Kaltschnäuzigkeit, der Punch."

Sein Coach kämpft derweil weiter mit Altlasten, die ihm sein Vorgänger Julian Nagelsmann hinterlassen hat. Vor allem mit dem offensichtlich abhanden gekommenen Selbstverständnis, gemeinhin als "Mia san mia" bekannt.

"Ich habe dem Uli Hoeneß bei der Unterschrift versprochen, dass wir auf die Werte des Vereins aufpassen werden", erzählte Tuchel interessante Details zu seiner Verpflichtung und forderte mit Blick auf das Bundesliga-Spiel am Wochenende in Mainz (Samstag, 15:30 Uhr) "Gier und Hunger. Samstag ist eine Charakterprobe." Sonst gerät sechs Spieltage vor Saisonende bei aktuell zwei Punkten Vorsprung auf den BVB selbst die Meisterschaft in Gefahr. Es wäre nach dem DFB-Pokal-Aus (ebenfalls im Viertelfinale) die erste titellose Spielzeit seit 2011/12.

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