Frankreich geht als Favorit ins EM-Finale gegen Portugal. Der Gastgeber hat die besseren Einzelspieler, den besten Angriff, den Top-Torjägers des Turniers und eine aufsteigende Formkurve. Aber die Portugiesen um Cristiano Ronaldo haben sich bisher als unkaputtbar erwiesen - und den Superstar dürstet es bei seiner womöglich letzten Chance nach dem Titel mit der Selecao.

Der heimliche Star des Abends kommt nicht aus Portugal oder Frankreich, sondern aus England. Mark Clattenburg darf das Europameisterschaftsfinale pfeifen, der 41-Jährige krönt damit ein fantastisches Jahr: Für Clattenburg ist es nach dem Endspiel im FA-Cup und dem Champions-League-Finale das dritte ganz große Ding binnen weniger Wochen.

Im Stade de France wird Clattenburg dann auch wieder auf jene beiden Großkopferten treffen, die er bereits Ende Mai im Kampf um Europas Vereinskorne angeleitet hatte: Cristiano Ronaldo und Antoine Griezmann. Auf die beiden Superstars spitzt sich das Duell zwischen Portugal und Frankreich unweigerlich zu.

Aber diese Euro kommt bisher so eigenartig und schrullig daher, dass auch im 51. und letzten Spiel noch einiges zu erwarten sein dürfte. Frankreich geht dabei als eindeutiger Favorit ins Rennen. Die Equipe Tricolor hat ihr Deutschland-Trauma überwunden und den Weltmeister nach fast 60 Jahren wieder einmal bei einem großen Turnier eliminieren können.

Hoffen auf die Achse

Die Mannschaft von Didier Deschamps musste sehr lange nach ihrer Form suchen, die zweite Halbzeit im Achtelfinale gegen Irland darf als Erweckungserlebnis gelten. Seitdem läuft es bei den Franzosen und ganz besonders bei Griezmann, der zu Beginn lediglich als Bankdrücker in Erscheinung trat und nun mit sechs Toren die Torjägerliste anführt.

Frankreichs Formkurve zeigt ebenso steil nach oben wie die Euphorie im Land gewachsen ist. Spätestens mit dem Kantersieg gegen Island ist die EM auch bei den Fans angekommen, die ihrem Team bis dato noch mit Argwohn begegneten. "Wir haben sehr viel gezeigt in diesem Turnier, wir müssen den Job jetzt nur beenden. Es ist ein letzter Schritt, aber es ist auch der härteste", sagt Hugo Lloris. Der Torhüter ist einer der besten des Turniers bisher und ein großer Hoffnungsträger der Franzosen.

Aber Lloris, im Nebenberuf Kapitän der Mannschaft, warnt nach dem Sieg über Deutschland auch. "Wir müssen ganz schnell wieder runter von der Wolke sieben, wir müssen uns neu konzentrieren. Wenn wir das schaffen, wird es ganz schwer, uns zu schlagen!" Frankreich hofft auf die bewährte Achse Lloris-Koscielny-Pogba-Payet-Griezmann.

Gemessen an den Einzelspielern sind "Les Bleus" dem Gegner auf fast jeder Position überlegen und von der Bank können die Franzosen auch noch prominent nachlegen. Natürlich liegt der Fokus auf den Stars Paul Pogba, Dimitri Payet und Griezmann. Aber die kleinen Nebenrollen werden mindestens ebenso großen Einfluss auf den Ausgang der Partie haben. Denn gegen Portugal wird sich Frankreich nicht wie gegen die Deutschen auf eine klare Defensivtaktik einlassen können.

Frankreich muss das Spiel machen

Der Gastgeber wird das Spiel mehr machen müssen, als ihm lieb ist. Und damit hatte Frankreich in den ersten Partien so seine liebe Not. Portugal habe sich ins Finale laviert, moserten nicht wenige Experten. Auch Joachim Löw rümpfte die Nase, mit fünf Remis nach der regulären Spielzeit sollte keine Mannschaft in der Vorschlussrunde stehen, war bei Löw zwischen den Zeilen heraus zu hören.

Die Portugiesen interessiert das herzlich wenig. Sie haben den Modus nicht erfunden - sie haben die Chance, als Dritter bis ins Finale vorzustoßen, einfach beim Schopf gepackt. Und sie sind, wie die Franzosen auch, jetzt definitiv die einzige Mannschaft, die noch ungeschlagen ist. So kann man die Flut an Remis nämlich auch interpretieren.

"Niemand hat uns bisher in diesem Turnier besiegt, und ich hoffe, dass Frankreich das auch nicht schaffen wird. Es wird ein sehr hartes Spiel für beide", prophezeit Ronaldo. Portugal, das seit 1975 in acht Spielen gegen Frankreich ausnahmslos verloren hat, hat seine Goldene Generation längst verlebt.

Mit einer blitzsauberen Defensivtaktik, schnellem Umschalten und einer ordentlichen Portion Pragmatismus hat sich Fernando Santos‘ Mannschaft gegen Geheimfavorit Kroatien, Polen und zuletzt das Überraschungsteam aus Wales durchgesetzt.

Cristiano Ronaldos letzte Chance?

Für Ronaldo, mittlerweile auch schon 31 Jahre alt und mit Ricardo Carvalho einziger Zeitzeuge des verlorenen EM-Finals von 2004, würde ein Kindheitstraum in Erfüllung gehen. Mit seinen Klubs hat der Superstar längst alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt.

Mit Portugal war CR7 mal krachend, mal tragisch immer wieder gescheitert. Jetzt bietet sich dem Weltfußballer die womöglich letzte Chance, seine fantastische Karriere auch mit der Selecao zu vergolden. "Das würde mir sehr viel bedeuten, ich habe immer davon geträumt."

Neben Ronaldo stehen bei Portugal besonders Abwehrchef Pepe, der sich nach dem wegen einer Verletzung verpassten Halbfinale wieder fit gemeldet hat, Renato Sanches und Nani im Blickpunkt. Und mit Ricardo Quaresma hat Trainer Santos einen der besten Joker des Turniers noch in der Hinterhand.

Viel wird darauf ankommen, wie Portugal die Kreise von Griezmann einschränken kann und ob sie mit der robusten Gangart der Franzosen zurechtkommen. Frankreich stellt die körperlich stärkste Formation des Turniers, für die teilwiese feingliedrigen Portugiesen wird das besonders im Mittelfeld eine neue Herausforderung.

Santos hat es gewusst

Das Selbstvertrauen der als wankelmütig und latent melancholisch titulierten Portugiesen dürfte nach 13 Spielen am Stück ohne Niederlage gewiss nicht klein sein. Und Coach Santos darf sich bis hierher auch bestätigt fühlen. "Ich plane nicht, vor dem 11. Juni nach Hause zu kommen, und ich habe das Gefühl, dass dort eine Party auf mich wartet", hatte Santos nach dem müden 0:0 in der Gruppenphase gegen Österreich getönt und wurde dafür selbst in der Heimat ausgelacht.

Jetzt ist Portugal der letzte Gast der Party. Und Santos mit seiner einst umstrittenen Taktik und dem angeblichen Zynismus gegen spielerisch begabtere Teams einer der viel besungenen Helden. Und nicht wenige sehen in ihm den klügeren Kopf im Vergleich zu seinen französischen Pendant Deschamps. Vielleicht kann das auch ein kleiner Vorteil für den Außenseiter sein.

Vor zwei Jahren begannen Coach Santos und die Selecao ihre Reise mit einem Testspiel im Stade de France gegen Frankreich. "In der Teamansprache damals setzten wir uns zusammen das Ziel, zum EM-Finale zurückzukehren", erinnert sich Santos. "Jetzt haben wir das Finale. Und wer immer diesen Satz als Erster gesagt hat: Finals spielst du nicht - du gewinnst sie!"