• Am 8. Juli startet das DFB-Team gegen Dänemark in die Europameisterschaft in England. Schon die Gruppenphase könnte eine große Herausforderung für Deutschland sein.
  • Finnland könnte trotz klarer Rolle als Außenseiterinnen zum Stolperstein für die großen Favoritinnen werden und auch Dänemark ist schwer zu knacken.
  • Spanien ist favorisiert, hat in der Vergangenheit aber oft genug kleine Schwächen gezeigt.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen des Autors einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Deutschland hat die EM bislang achtmal gewonnen und will in diesem Jahr mit dem neunten Titel zeigen, dass es nach wie vor zur Weltspitze zählt. So viel Konkurrenz wie in diesem Jahr gab es aber noch nie und das zeigt allein schon die anspruchsvolle Gruppe mit den Mitfavoritinnen aus Spanien, Vize-Europameisterinnen Dänemark und dem potenziellen Stolperstein Finnland.

"Wir haben gute Experten im Team, die uns darauf vorbereiten werden", antwortete Linda Dallmann am Sonntag auf einer Pressekonferenz auf die Frage, wie intensiv man sich bisher mit den drei Gruppengegnerinnen auseinandergesetzt habe. Diese Vorbereitung wird dringend notwendig sein. Denn Gruppe B hat es in sich.

Finnland: Stolperstein für die Favoritinnen?

Spanien, Dänemark, Deutschland – die große Frage wird wohl sein, welche beiden Teams aus diesem Trio den Sprung ins Viertelfinale packen. Auf dem Weg dorthin könnten die Außenseiterinnen aus Finnland aber ein fieser Stolperstein werden. Im skandinavischen Raum, der im Fußball der Frauen eine besondere Rolle einnimmt, spielt die Nationalelf von Finnland sportlich keine überragende Rolle.

Ihr größter Erfolg bei einer Europameisterschaft ist eine Halbfinal-Teilnahme im Jahr 2005 – damals allerdings noch mit acht Teilnehmerinnen. Aber Finnland durchläuft spätestens seit 2017 eine positive Entwicklung. Damals übernahm Anna Signeul als Trainerin, die über immense Erfahrung verfügt. Schon seit den Achtzigern arbeitet die 61-Jährige als Trainerin, ihre Karriere auf der Bank startete 1981 als Spielerinnentrainerin beim IK Brage in Schweden.

Zwischen 2005 und 2017 prägte sie den schottischen Fußball der Frauen. In ihrem ehemaligen Arbeitsumfeld fällt kaum ein schlechtes Wort über Signeul. Trotz schwierigen strukturellen und finanziellen Bedingungen soll sie für im Rahmen der Möglichkeiten für deutlich professionellere Rahmenbedingungen gesorgt haben.

Finnland sollte nicht unterschätzt werden

Auch mit Finnland hat sie viel erreicht. Das Team ist lauf- und zweikampfstark, verschiebt im 4-4-2 klug über den ganzen Platz, macht die Räume eng und kann an guten Tagen dafür sorgen, dass sich auch starke Teams an ihnen die Zähne ausbeißen. Signeul wird nachgesagt, dass sie eine sehr enge zwischenmenschliche Beziehung zu ihren Spielerinnen pflegt und das zeigt sich oftmals auch auf dem Platz.

Gegen die favorisierten Gegnerinnen in der Gruppe B ist damit zu rechnen, dass sich Finnland auf das Verteidigen konzentriert. Gleichzeitig gibt es immer wieder Phasen im finnischen Spiel, in denen das Team kollektiv im etwas höheren Mittelfeldpressing anläuft. Dass die Außenseiterinnen sich ausschließlich am eigenen Strafraum verschanzen, ist also unwahrscheinlich – wenngleich es das Bild sein wird, was man am häufigsten sieht.

Beim Tournoi de France kassierte Finnland Anfang des Jahres eine deutliche 0:5-Niederlage gegen Frankreich, zeigte beim 0:0 gegen Brasilien aber auch, was mit etwas Glück möglich ist. Warum nicht auch in einer EM-Gruppe, in der noch gar nicht so richtig klar ist, wo die Favoritinnen überhaupt stehen? Finnland sollte trotz klarem Niveauunterschied nicht unterschätzt werden.

Spielerin im Fokus

Tinja-Rikka Korpela, einst beim FC Bayern München unter Vertrag, wird vermutlich die Schlüsselspielerin für Finnland sein. Die Torhüterin wird viel zu tun haben. Beim 0:0 gegen Brasilien vor einigen Monaten zeigte sie ein paar starke Paraden. Auch für Tottenham war die 36-Jährige oft eine Unterschiedspielerin.

Dänemark: Die Vize-Europameisterinnen

Für viele sind die Favoritinnen in dieser Gruppe Deutschland und Spanien, aber mit Dänemark ist zu rechnen. Zuletzt gewannen sie ihre Testspiele gegen Österreich und Brasilien jeweils mit 2:1. Vor allem gegen die Südamerikanerinnen zeigten sie eine starke Leistung.

Von Dänemark ist unter Trainer Lars Söndergaard kein Spektakel zu erwarten. Die Stärke der Auftaktgegnerinnen des deutschen Teams liegt in der Verlässlichkeit. Sie funktionieren wie ein Uhrwerk, haben vor allem gegen den Ball gut abgestimmte Defensivmechanismen und achten in Ballbesitz nahezu penibel darauf, nicht zu viel Risiko einzugehen.

Einige Spielerinnen stehen aktuell bei Top-Klubs unter Vertrag. Rund um die erfahrene Achse bestehend aus Simone Boye Sörensen (FC Arsenal), Sofie Pedersen (Juventus Turin) und Pernille Harder (FC Chelsea) kann der Trainer auf junge Talente wie Sofie Svava (Real Madrid) zurückgreifen. Die 21-Jährige ist auf den Außenbahnen flexibel einsetzbar und bereitete in der WM-Qualifikation in acht Einsätzen zehn Treffer vor.

Dänemark: Pernille Harder im Mittelpunkt

Harder ist aber der Superstar des Teams. Und dementsprechend ist das System unter Søndergaard auch auf die 29-Jährige ausgelegt. Zwar verpasste die Angreiferin in den letzten Monaten das eine oder andere Spiel, aber bei der EM wird auf sie wohl Verlass sein.

Die Ex-Wolfsburgerin weicht in der Offensive häufig in die Halbräume aus, um sich anzubieten und entwickelt dann auf einmalige Art und Weise Zug zum Tor durch schnelle Doppelpässe oder Dribblings. In der WM-Qualifikation agierte Dänemark meist in einem 3-4-3, zuletzt erprobte Sörensen ein 4-4-2.

Von Dänemark sind hohes Pressing, ein geduldiges Ballbesitzspiel und eine gute Defensivordnung zu erwarten. An diesem Team müssen Spanien und Deutschland erstmal vorbeikommen.

Spielerin im Fokus

Neben Pernille Harder ist auch Signe Bruun (Olympiqe Lyon) eine wichtige Offensivspielerin. Auf Klubebene hat sie sich bisher noch nicht durchsetzen können, aber für Dänemark traf sie in der WM-Qualifikation in sechs Einsätzen zwölfmal.

Spanien ist nicht Barcelona

Die Spanierinnen werden vielerorts als kommende Europameisterinnen gehandelt. Vor allem der Vergleich zum FC Barcelona, der trotz Niederlage im Champions-League-Finale eine unglaubliche Dominanz entwickelt hat, liegt nahe. Zumal auch viele Spielerinnen von Barca im spanischen Kader stehen.

Dabei sind die Unterschiede zwischen Barcelona und Spanien kaum zu übersehen. Seit 2015 ist Jorge Vilda Rodriguez spanischer Nationaltrainer – damals hatte Barca noch nie zuvor das Champions-League-Halbfinale erreicht.

Der 40-Jährige hat zwar sehr von der positiven Entwicklung des Top-Klubs profitiert, aber er verfolgt eine eigene Philosophie mit leicht anderen Ansätzen. Spanien pflegt kein so komplexes Positionsspiel wie Barca. Das dürfte auch daran liegen, dass Vilda als Nationaltrainer deutlich weniger Zeit mit den Spielerinnen hat als ein Klubtrainer.

Es liegt aber auch daran, dass Caroline Graham Hansen, Lieke Martens, Fridolina Rolfö oder Ingrid Engen keine Spanierinnen sind. Vilda muss im Nationalteam auf Spielerinnen von unterschiedlichen Klubs setzen und diese mit all ihren Stärken und Schwächen möglichst gut einbinden. Kompromisse sind da unausweichlich.

Spanien ist nicht übermächtig

Das führt dazu, dass Spanien nicht ganz so geschmeidig und dominant daherkommt wie der FC Barcelona. Deshalb ist auch nicht mit einem problemlosen Durchmarsch zu rechnen. Dafür ist die Konkurrenz zu stark. Gerade der Arnold Clark Cup im Februar erinnerte viele daran, dass Spanien zwar stark, aber längst nicht ohne Fehler ist.

Als sie auf Teams wie England, Kanada und Deutschland trafen, wurde das eine oder andere Problem wieder deutlicher. Kleine Abstimmungsprobleme, der eine oder andere gefährliche Ballverlust im Mittelfeld und eine Offensive, die sich auch mal schwächere Tage erlaubt.

Dominanz entsteht nicht einfach. Sie muss über mehrere Jahre wachsen. Und so muss auch das spanische Nationalteam wachsen, das noch nie ein K.-o.-Spiel bei einem großen Turnier gewann. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass Spanien nicht zu den Favoritinnen zählt.

Die Qualität des Kaders, die Art und Weise, wie sie Deutschland beim Arnold Clark Cup trotz eines Remis lange hergespielt haben – das ist schön anzusehen. Aber auch für selbstbewusste Spanierinnen könnte bereits die Gruppenphase eine große Herausforderung werden.

Spielerin im Fokus

Weltfußballerin Alexia Putellas dürfte allen bekannt sein. Darüber hinaus lohnt es sich, auf die Verteidigung zu schauen. Neben der erfahrenen Maria Leon (FC Barcelona) sticht dort seit einiger Zeit Ona Batlle von Manchester United heraus. Die 23-jährige Außenverteidigerin kann auf beiden Seiten eingesetzt werden, ist sowohl offensiv- als auch defensivstark. Durchschnittlich gewinnt sie rund 70 % ihrer Zweikämpfe.

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Deutschlands EM-Fahrplan

  • Deutschland – Dänemark (Freitag, 8.7., 21:00 Uhr, ZDF und DAZN)
  • Deutschland – Spanien (Dienstag, 12.7., 21:00 Uhr, ARD und DAZN)
  • Finnland – Deutschland (Samstag, 16.7., 21:00 Uhr, ZDF und DAZN)
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