José Mourinho und Manchester United haben sich auseinandergelebt, die Zweckehe steht kurz vor der Scheidung. Was aber würde ein Aus bei den Red Devils für die Karriere des "Special One" bedeuten?

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Der Mythos um Jose Mourinho rankt sich auch um Szenen wie diese in einer italienischen TV-Show vor einigen Jahren. Marco Materazzi war einer der Gäste und irgendwann zückte Materazzi sein Telefon und verlas eine SMS. "Wie sieht es aus, Mister?", war da zu lesen, der Addreassat war José Mourinho.

Materazzi war Verteidiger bei Inter Mailand, Mourinho sein Trainer und in dieser Funktion vor dem Champions-League-Finale gegen die Bayern auf Spionagetour.

Mourinho schaute sich Bayerns letzte Partie gegen Hertha BSC vor dem großen Endspiel live im Stadion an, die Münchener siegten locker mit 3:1.

Mourinhos Antwort an Materazzi: "Kein Problem, werden 2:0 gewinnen!" Nach dem Finale, Inter siegte wie vorhergesagt mit 2:0, stand Materazzi vor dem Mannschaftsbus und heulte wie ein Baby.

Mourinho saß in seinem Dienstwagen, stieg noch einmal aus, ging wortlos auf Materazzi zu und umarmte seinen Krieger als wäre der sein eigener Sohn.

Der Mythos bröckelt

Jahrelang hielt sich der Glaube, José Mourinhos Spieler würden wie Materazzi für ihn durchs Feuer gehen. Kein einziger habe jemals schlecht über Mourinho gesprochen, sei er Star oder Sternchen gewesen, Leistungsträger oder Dauerreservist. Aber zumindest diese Episode des Fußballs muss nun wohl endgültig neu formuliert werden.

Bei Real Madrid hat Mourinho auf die ihm eigene Art der Menschenführung versucht, alles aus dem Kader rauszukitzeln und dabei gegen so ziemlich jede Regel verstoßen, die man brechen kann.

Den Champions-League-Titel gab es dafür nicht, stattdessen hat der Portugiese jede Menge verbrannte Erde hinterlassen und einen untereinander völlig zerstrittenen Haufen. Als Mourinho weg war, holte Real dreimal in vier Jahren den Titel in der Königsklasse.

Bei Manchester United sind nicht erst seit ein paar Wochen ähnliche Tendenzen auszumachen und auch in Manchester steht Mourinho nicht nur vor dem Aus, sondern droht dabei einen Klub bedrohlich tief mit runterzuziehen in den Sumpf.

Ehemalige United-Legenden wie Paul Scholes, Eric Cantona, Rio Ferdinand oder Ryan Giggs streiten sich in den Klatschblättchen und TV-Shows darum, ob Mourinho nun rausgeworfen gehört oder doch noch mindestens ein Jahr bleiben sollte.

Und natürlich finden sich auch Ex-Spieler, die Mourinho bedingungslos den Rücken stärken.

"Er war und ist der beste Trainer der Welt", sagt Maniche, der mit Mourinho und dem FC Porto einst die Champions League gewann, in einem Interview mit "goal.com". Das sehen die meisten im und rund um den Klub mittlerweile gänzlich anders.

Schlechtester Start seit fast 30 Jahren

United hat den schlechtesten Saisonstart seit 1989 hingelegt, mit drei Pleiten aus den ersten sieben Ligaspielen und der League-Cup-Blamage gegen Zweitligist Derby County.

Der Auftakt ist sogar noch schlechter als unter David Moyes, der als Nachfolger von Sir Alex Ferguson mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt wurde. Vor allem aber schleift Manchester nicht nur eine Ergebniskrise mit sich herum, sondern ein ausgemachtes Kümmernis, das selbst die hartgesottenen Fans erbost.

Die Ergebnisse können auch mal ausbleiben, so lange die Leistung stimmt und der grundsätzliche Wille, als das große Manchester United auch zu spielen wie das große Manchester. Und nicht wie ein Underdog aus dem Tabellenkeller.

Mourinhos Zweckfußball hängt den Fans und einem beachtlichen Teil der Spieler zum Hals raus, Angriffsfußball wurde im Old Trafford zuletzt nur noch zelebriert, wenn mal zufällig ManCity, Liverpool oder der FC Chelsea vorbeigeschaut haben.

Die eigene Mannschaft macht dagegen kaum Anstalten, ähnlich mitreißenden und leidenschaftlichen Fußball zu spielen.

Dauerzoff mit den Medien

Mourinho kann die heftige Kritik daran nicht verstehen, trotzig stellt er sich bei Pressekonferenzen gegen die Journalisten, die ihn mit unangenehmen Fragen bombardieren.

Längst legendär ist seine Reaktion auf eine Reporterfrage nach dem blutleeren Auftritt beim 0:3 gegen Tottenham. "Kennen Sie das Ergebnis? Es war 3:0." Dann hielt er drei Finger hoch. "Das hier bedeutet 3:0. Aber es bedeutet auch: Drei Meisterschaften. Ich allein habe mehr Premier-League-Meistertitel als alle anderen 19 Trainer zusammen."

Dann stand er auf und sagte im Gehen: "Drei für mich und zwei für die anderen. Respekt! Respekt! Respekt! Respekt! Respekt! Respekt!"

Und als wäre das schwierige Verhältnis zu den Fans, zu den TV-Experten, die ihn Woche für Woche filetieren und zum einen oder anderen aus der Führungsriege des Klubs nicht schon genug, verliert Mourinho nun nach und nach auch die Kabine, sein wichtigstes Gut.

Antonio Valencia likte ein Instagram-Post, in dem der Rauswurf Mourinhos gefordert wird. Danach entschuldigte sich der Kapitän zwar, die Sache war aber längst in der Welt.

Ebenso wie der offene Disput mit Paul Pogba im Training, als sich beide anherrschten und Mourinho mit seiner Ablehung für den Weltmeister, die er zuvor noch einigermaßen subtil verpackt hatte, nicht mehr hinterm Berg hielt.

Parallelen zu Madrid

Besonders die Offensivspieler sollen keine große Lust mehr auf Mourinhos zynischen Fußball haben, Anthony Martial, Alexis Sanchez oder Marcus Rashford sollen ihr Verhältnis zum Trainer heruntergekühlt haben, die Zahl der Fürsprecher ist auf ein Minimum geschrumpft.

Das erinnert stark an Mourinhos letzten Tage in Madrid, als er die Führungsspieler Iker Casillas und Sergio Ramos verloren hatte und es eine Grüppchenbildung der Spanier gegen die Portugiesen und Brasilianer im Team gegeben haben soll.

Momentan deutet nicht viel darauf hin, dass Mourinho das Weihnachtsfest noch als United-Coach erlebt. Wie im Vereinsnamen dokumentiert, ist bei United kaum noch etwas oder jemand miteinander vereint.

Mourinho beklagt sich stattdessen öffentlich über die fehlende Rückendeckung der Bosse, namentlich Vizepräsident Ed Woodward, besonders in der Causa Pogba, gegen den er seinen Privatkrieg munter weiterführt.

Die Mätzchen bleiben nicht verborgen

Lange wird das wohl nicht mehr gutgehen. Mourinho kultiviert schon längst nicht mehr sein Image vom "Special One", sondern das des Spaltpilzes. Das bleibt natürlich nicht verborgen und die großen Klubs in Europa werden sich genau anschauen und sich umhören, wie das Krisenmanagement des Trainers nun genau aussieht.

José Mourinho hat so viele Erfolge gefeiert wie nur wenige noch aktive Trainer. Aber Mourinhos Art nutzt sich offenbar ab, spätestens aber im dritten Jahr bei einem Klub rollen die Probleme wie eine Lawine auf die Entscheidungsträger zu.

Mourinho ist bei United mittendrin in seiner dritten Saison. Es wird ziemlich sicher auch in Manchester seine letzte sein.

Verwendete Quelle:

  • Goal.com: "Mourinho ist der beste Trainer der Welt"
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