Kevin Großkreutz überflügelte alle. Aus einer fulminanten Dortmunder Mannschaft ragte das Laufwunder beim 2:0 zum Champions-League-Auftakt gegen den FC Arsenal heraus. Der Ur-Dortmunder bewies einmal mehr, warum er so wichtig für diese Mannschaft ist - und vielleicht der derzeit einzige unersetzliche Spieler im Kader.

Die Liste der Dortmunder Ausfälle vor dem Duell mit dem FC Arsenal las sich so: Marco Reus, Mats Hummels, Ilkay Gündogan, Nuri Sahin, Lukasz Piszczek, Shinji Kagawa, Kuba, Oliver Kirch, Dong-Won Ji. Das Endergebnis der Auftaktpartie in der Champions League las sich dann so: Borussia Dortmund gegen FC Arsenal: 2:0. Und einer ragte bei dem Sieg heraus: Kevin Großkreutz.

Er hatte sich für das Comeback in der Königsklasse extra Fußballschuhe im alten Stil ausgesucht, wie aus einer anderen Zeit: Ganz in Schwarz, ohne unnötigen Schnickschnack. So unprätentiös wie sein Schuhwerk ist zumeist auch Großkreutz' Leistung auf dem Platz. Er fällt selten so auf wie die Star-Spieler um ihn herum: Er sprintet nicht so schnell wie Pierre-Emerick Aubameyang, hat nicht die Übersicht von Hummels, ist nicht so gnadenlos wie Sokratis und streichelt den Ball auch nicht wie Reus.

BVB-Pressingmaschine läuft auf Hochtouren

Aber Großkreutz ist immer da. Fast überall auf dem Platz treibt er sich rum. Das liegt zum einen an seiner Flexibilität: Gegen Arsenal begann er im linken Mittelfeld und beendete die Partie als rechter Verteidiger. Und zum anderen daran, dass er läuft und läuft und läuft. "Wo der Trainer mich hinstellt, werde ich alles geben", hat Großkreutz einmal gesagt.

"Wir wollten eine Pressingmaschine gegen Arsenal auf den Platz stellen. Das hat heute nahe an der Perfektion auch funktioniert", sagte BVB-Trainer Jürgen Klopp nach dem Spiel. "Ich habe ein paar Szenen vor Augen, die werde ich ganz lange in Erinnerung behalten. Das war heute ein Spiel, das hefte ich mir ab."

Das was Klopp da sehen konnte, setzt hundertprozentigen Einsatz und Leidenschaft voraus und die Bereitschaft, auch über die Schmerzgrenze hinauszugehen. Nicht umsonst sind seine Spieler am Ende insgesamt elf Kilometer mehr gelaufen als die des Gegners.

"So können wir jeden Gegner schlagen"

Der Prototyp des unermüdlichen Arbeiters ist Kevin Großkreutz aus Dortmund-Eving. Die Borussia hatte fast eine komplette Mannschaft zu ersetzen. Aber sie hatte einen Plan - und einen Spieler wie Großkreutz. Der stand symbolisch für den Aufwand, den der BVB betrieb.

Großkreutz lief 11,6 Kilometer und damit über einen Kilometer mehr als der laufstärkste Arsenal-Spieler. Immer wenn ein Gegner früh in dessen Hälfte gestellt wurde, war Großkreutz nicht weit. Kam Arsenal über seine linke Seite, wurden die Angriffe der Gäste bereits vor der Mittelinie gestoppt.

Dazu kamen zwei direkte Torvorlagen: Die eine vor Ciro Immobiles 1:0 eher unfreiwillig nach einem Befreiungsschlag. Die zweite nach einem frühen Ballgewinn, als Großkreutz perfekt in den Lauf von Aubameyang lupfte. "Wir haben perfektes Pressing und Gegenpressing gespielt", sagte Großkreutz. "Einer für alle, alle für einen. So können wir jeden Gegner schlagen!"

Großkreutz: Lokalheld bei der Borussia

Einer wie er ist auf gewisse Weise in dieser Mannschaft unersetzbar. Wegen seiner Mentalität und seiner Identifikation stiftenden Art. Großkreutz' Geschichte als glühender Fan auf der Südtribüne ist ausgiebig erzählt. Wenn so einer dann mit einer gebrochenen Nase und einem eitrigen Weisheitszahn 90 Minuten in der Champions League durchhält wie damals gegen Olympique Marseille, brennt sich das ins Gedächtnis der Fans ein.

Großkreutz ist der Lokalheld bei der Borussia. "Er ist unsere Standleitung zu den Fans", hat Jürgen Klopp einmal erzählt. Großkreutz hat ein gutes Gespür für die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Fans. Dieses Wissen trägt er dann in die Mannschaft hinein. "Aufgrund seiner Vita kann kein Spieler unser Markenversprechen 'Echte Liebe' so tief in sich tragen wie er", sagt Dortmunds Marketingchef Carsten Cramer. Wohl auch deshalb behaupten seine Kritiker, er würde bei einem anderen Verein gar nicht funktionieren. "Ich will auch gar nicht weggehen. Ich gebe alles für diesen Verein", sagt Großkreutz dann.

Gegen Arsenal hat er in der Tat einmal mehr alles gegeben. Dieses Mal war er sogar richtig auffällig. Spieler wie er werden dann immer als Referenzgröße herangezogen, wenn es um die Beurteilung der Stars unterlegenen Mannschaft geht. Mesut Özil zum Beispiel bezog in der englischen Presse abermals böse Prügel.

"Ich geb‘ dem Poldi jetzt noch einen Döner aus"

Özil wirkte in der Tat verloren, auch er spielte wie Großkreutz auf dem Flügel. Dass Özil aber kaum Anspiele auf der ungeliebten Position bekam, interessiert da wenig. Özil stand stellvertretend für Arsenals Versagen, Großkreutz für den Dortmunder Siegeswillen.

Liebend gern hätte sich der Dortmunder auch länger mit Kumpel Lukas Podolski auf dem Feld duelliert, der ehemalige Kölner wurde allerdings erst spät eingewechselt. Zur angebotenen Wette mit dem Beinschuss für Podolski kam es also nicht. Für Großkreutz nicht weiter schlimm. "Ich geb' dem Poldi jetzt noch einen Döner aus, dann passt das", sagte er in Anspielung auf jenes Skandälchen, das vor der WM noch ein wenig die Gemüter erregt hatte.

Diese Selbstironie und Leistungen wie diese gegen den FC Arsenal machen klar, warum Kevin Großkreutz für den BVB so ist, wie er ist: nämlich unersetzlich.