Im deutschen Fußball hat sich den vergangen Jahren eine heilige Zweifaltigkeit aus dem FC Bayern und Borussia Dortmund entwickelt. Bayer Leverkusen würde nur zu gerne aus dem Duo ein Trio machen und setzt dabei vor allem auf seinen Torjäger vom Dienst, Stefan Kießling. Der Torschützenkönig der vergangenen Saison spricht exklusiv bei uns über Saisonziele, Bundestrainer Jogi Löw und die "falsche Neun".

Es klappt in letzter Minute. Im wahrsten Sinne des Wortes. Am letzten Spieltag beim Hamburger SV in der 90. Minute läuft Stefan Kießling völlig allein auf Torhüter René Adler zu. Trifft er nicht, muss er sich die Torjägerkanone mit Robert Lewandowski von Borussia Dortmund teilen. Keine Option für den 29-Jährigen. Er schiebt ein und wird mit 25 Treffern Torschützenkönig. Wie er diesen Erfolg toppen möchte, erzählt er uns im Interview.

Herr Kießling, beschreiben Sie bitte Ihr Erfolgsgeheimnis.

Stefan Kießling: Ein Erfolgsgeheimnis in dem Sinne gibt es nicht. Ich bin ein ehrlicher Arbeiter und versuche in jedem Spiel mein Bestes zu geben. Durch meine, wie ich denke, mannschaftsdienliche Spielweise ergeben sich automatisch Situationen, in denen mich meine Mitspieler in aussichtsreichen Situationen bedienen. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Außerdem bin ich natürlich auch ein bisschen älter und somit erfahrener geworden, und dadurch ist mehr Ruhe und Gelassenheit in meinem Spiel eingekehrt - vor allem beim Abschluss.

Seit der Saison 2010/11 haben Sie jedes Mal einen Neun-Tore-Sprung gemacht – von 7 auf 16 auf 25 Treffer. Das nächste Saisonziel müssten also 34 Treffer sein.

Stefan Kießling: (lacht) Ich habe mich im Vorfeld nie auf eine Zahl festgelegt. Man fängt ja wieder bei null an, und der Gegner wird natürlich weiterhin versuchen, mich am Toreschießen zu hindern. Abgesehen davon weiß ich aus Erfahrung, dass einige Faktoren eine Rolle spielen, um erfolgreich zu sein. Auch das Glück sollte man hierbei nicht vergessen. Vieles kann man auf dem Platz beeinflussen, doch einiges leider nicht.

Sami Hyypiä trainiert das Team inzwischen alleine. Was hat sich geändert, seit Sascha Lewandowski zurück in die Jugendabteilung gegangen ist?

Stefan Kießling: Im Grunde genommen hat sich nicht viel geändert, weil wir weiterhin im gleichen System spielen werden. Hier und da fließt mal eine neue Übung im Training mit ein, doch die meisten Spiel- und Trainingsformen sind identisch. Die Arbeit mit dem gesamten Team ist nach wie vor hervorragend.

Ist Bayer Leverkusen in der Lage, die Bastion FC Bayern und Borussia Dortmund zu stürmen?

Stefan Kießling: Bayern ist und bleibt das Nonplusultra in der Bundesliga. Sie haben den besten und ausgewogensten Kader und spielen einen tollen Fußball. Dortmund ist - nicht nur in meinen Augen - ebenfalls top. Man darf aber nicht vergessen, dass wir in der vergangenen Saison nur einen Punkt hinter den Dortmundern und mit einem Zehn-Punkte-Vorsprung vor Schalke gelandet sind. Um aber Bayern und Dortmund wirklich Paroli bieten zu können, brauchen wir wirklich 30 perfekte Spiele. Sollten Leistungsschwankungen bei FCB und BVB auftreten, werden wir versuchen, diese auszunutzen.

Seit Pep Guardiola als Trainer des FC Bayern in der Bundesliga aufgeschlagen ist, diskutieren viele, ob der "normale" Stoßstürmer ausstirbt. Die Tendenz geht angeblich zur "falschen Neun". Was halten Sie von dieser Diskussion?

Stefan Kießling: Bei uns in Leverkusen gibt es diese Diskussion ja in der Hinsicht nicht, weil wir glücklicherweise (lacht) mit einem zentralen Stürmer agieren. Ich bin natürlich der Meinung, dass eine Mannschaft einen echten Stürmer braucht, und es sind im Moment nur wenige Trainer, die eine neue Philosophie mit der "falschen Neun" vertreten. Letztendlich zählt ja am Ende immer das Ergebnis.

Sie sind der Torschützenkönig der letzten Saison und haben die WM 2014 trotzdem schon abgehakt.

Stefan Kießling: Um dem Ganzen mal den Druck zu nehmen, habe ich die Aussage getätigt, unter Joachim Löw nicht mehr für die Nationalmannschaft zu spielen. Ich habe damit ja nur die Entscheidung des Bundestrainers akzeptiert. Die Berichterstattung nach jeder Nicht-Nominierung war ja sehr extrem. Für mich war es kein Problem, aber es wurde immer sehr viel aus der Sache gemacht. Ich bin keinem böse und drücke den Jungs selbstverständlich weiterhin die Daumen.

Sie haben bei Bayer Leverkusen bis 2017 verlängert. Was hält Sie hier?

Stefan Kießling: Wenn man ab und zu das Tor trifft, gibt es immer Anfragen. Manchmal hören sie sich interessant an, oftmals nicht. Für mich war eigentlich immer klar, dass ich hier in Leverkusen verlängern möchte. Insgesamt bin ich ein Mensch, der ein harmonisches Umfeld braucht, um seine Leistung abrufen zu können. Der Verein hat mir nach meinem Wechsel aus Nürnberg die Möglichkeit gegeben, mich weiterzuentwickeln. Und ich erfahre hier eine sehr große Wertschätzung. Das sind Dinge, die man nicht unerwähnt lassen sollte. Meine Familie und ich sind hier wirklich sehr glücklich.

Auf welchem Tabellenplatz steht Bayer Leverkusen am 10.05.2014?

Stefan Kießling: Ich möchte mich nicht auf einen Tabellenplatz festlegen, aber die Ambition ist, ins internationale Geschäft zu kommen. Dabei haben wir stets beide Augen auf die Champions-League-Plätze gerichtet.