Adolf Hitler machte aus den Olympischen Spielen 1936 eine Propagandaveranstaltung. Nur gab es aus Sicht der Nazis einen Spielverderber: Jesse Owens. Doch nicht alles, was über den Olympiastar von 1936 erzählt wird, entspricht der Wahrheit.

Die Aufzeichnungen, die es gibt, aus dieser dunklen Zeit an diesem dunklen Ort, sind gleichermaßen erschreckend wie faszinierend. Sie zeigen, wie Adolf Hitler und seine Schergen von der NSDAP die Treppen des Berliner Olympiastadions hinunterlaufen, um in der Ehrenloge Platz zu nehmen. Viele Tausend Menschen strecken ihren rechten Arm schräg nach oben und rufen: "Sieg Heil!" Die Aufzeichnungen zeigen aber auch, wie diese Menschen einem Sportler zujubeln, der sich in ihre Herzen sprintete und sprang: Jesse Owens.


Dabei ist Owens dunkelhäutig, in den USA wie in Deutschland sagte man zu dieser Zeit zu Afroamerikanern "Neger". In den USA waren sie Menschen zweiter Klasse, im Nazideutschland schlicht "Untermenschen".

Die Nationalsozialisten machten aus den Olympischen Spielen in Berlin eine riesige Propagandaveranstaltung. Doch Jesse Owens machte Hitler zumindest insofern einen Strich durch die Rechnung, als der Star dieser Spiele kein Arier, sondern eben ein Farbiger war.

Owens gewann in Berlin vier Goldmedaillen, über die Sprintstrecken 100 und 200 Meter, in der 4-mal 100-Meter-Staffel sowie im Weitsprung. Owens konterkarierte die Rassenideologie der Nazis, nach der ein "Neger" minderwertiger Natur und dem Arier unterlegen war. Der 22-Jährige rannte die Arier in Grund und Boden.

Eine Geschichte mit ein paar Haken



Da sich das Ereignis nun zum 80. Mal jährt und in wenigen Tagen die Olympischen Spiele in Rio beginnen, wird die Geschichte von Jesse Owens in diesen Wochen sehr gerne erzählt - seit Donnerstag auch im Kino. "Zeit für Legenden" startet in Deutschland. Die Geschichte des Jesse Owens ist eine besondere Geschichte. Das Problem ist nur, dass sie bis heute nicht immer wahrheitsgemäß erzählt wird. Das sagt der renommierte Potsdamer Sporthistoriker Berno Bahro unserer Redaktion.

So gibt es den Mythos, dass Adolf Hitler dem Sieger Owens den Handschlag verweigert haben soll. "Das stimmt nicht. Hitler hat am ersten Tag der Spiele alle deutschen Gewinner persönlich beglückwünscht. Als das IOC daraufhin verlangte, dass er allen Gewinnern oder keinem gratuliert, entschied er sich für die zweite Variante", sagt Bahro.

"Jesse Owens und Luz Long waren keine Freunde"

Gerne erzählt in Büchern wie im Kino wird zudem von der Freundschaft zwischen Jesse Owens und seinem deutschen Rivalen Luz Long. Angeblich soll der Deutsche Owens nach zwei Fehlversuchen beim Vorkampf im Weitsprung den entscheidenden Tipp gegeben haben, damit er beim Absprung nicht mehr übertritt. "Auch das ist nicht belegt und dürfte ebenso falsch sein. Zumal unsere Recherchen ergeben haben, dass Owens gar nicht zweimal übertreten hat und die beiden auf unterschiedlichen Sprunganlagen gesprungen sind. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Long ihm beim Weitsprung geholfen hat", erzählt Bahro und fügt an. "Jesse Owens und Luz Long waren keine Freunde. Sie waren lediglich fair im sportlichen Umgang miteinander."

Auch die angebliche Brieffreundschaft zwischen den beiden sei fragwürdig. Das seien alles schöne Geschichten. "Nur stimmen sie nicht. Sie sind konstruiert", sagt Bahro. Zu dieser Verfälschung beigetragen hat laut Bahro paradoxerweise Owens selbst, der gerne kokettierte mit dieser angeblichen Freundschaft unter Rivalen. In fortgeschrittenem Alter sagte Owens gegenüber einem Journalisten: "Das sind die Stories, die die Menschen hören wollen."



Verbrieft ist dagegen laut Bahro, dass Long von den Nationalsozialisten für seinen freundlichen Umgang mit Owens gerüffelt worden ist. So steht es in den Tagebuchaufzeichnungen von Longs Mutter. Dass der unterlegene Arier mit dem überlegenen "Untermenschen" gut auskam, passte der Führung um Hitler natürlich nicht in den Kram.

Doch es war ja nicht nur Long, der fasziniert war von Owens. Fast alle Zuschauer im Berliner Olympiastadion waren das. Das ist nun die beste Geschichte von allen. Und sie ist auch noch wahr.