Laut aktueller Umfrage genießt Angela Merkel in mehreren Staaten ein so hohes Vertrauen wie nie zuvor. Darüber hinaus sehen drei Viertel der Befragten in mehr als einem Dutzend Ländern in der Kanzlerin die Politikerin, die das Richtige bezogen auf das Weltgeschehen tut. Im Interview erklärt die Europa-Expertin Susi Dennison, woher diese Wertschätzung kommt.

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Seit nunmehr fast 15 Jahren wird Deutschland von Angela Merkel regiert. Sie ist laut ZDF-Politbarometer hierzulande die mit Abstand beliebteste Politikerin, doch auch der internationale Zuspruch für die Kanzlerin ist ungebrochen. Eine nun veröffentlichte Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center in mehr als einem Dutzend Industrienationen rund um den Globus zeigt: Merkel genießt weltweit deutlich mehr Vertrauen als Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der britische Premier Boris Johnson oder Russlands Präsident Wladimir Putin.

76 Prozent aller Befragten sehen in ihr die Politikerin, die das Richtige tut, bezogen auf das Weltgeschehen. In sechs Ländern wird Merkel gar so viel Vertrauen wie noch nie zuvor entgegengebracht.

Doch woher kommt die weltweit hohe Wertschätzung für Merkel? Das hat unsere Redaktion Susi Dennison von der pan-europäischen Denkfabrik European Council on Foreign Relations gefragt.

Die nächsten Wahlen zum Deutschen Bundestag finden in ziemlich genau einem Jahr statt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bereits angekündigt, dass sie danach die politische Bühne verlassen will. Wie werden Deutschland und Europa ohne sie aussehen?

Susi Dennison: Die nächsten Jahre werden für die europäische Führung eine Zeit des Wandels. Es wird sehr schwierig werden, Merkels Fähigkeit zu ersetzen, innerhalb der EU verschiedene Persönlichkeiten und verschiedene politische Ansichten zusammenzubringen. Gleichzeitig ist ein so hohes Vertrauen in sie als Person, wie wir es jetzt sehen, ein zweischneidiges Schwert. Denn es lässt Deutschland ängstlich in eine Zukunft ohne sie blicken.

Welche Folgen wird das haben?

Ich denke wir werden sehen, dass sich Deutschlands Augenmerk viel mehr nach Innen richtet. Mit den anstehenden Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 wird auch Frankreich in die gleiche Richtung gehen. Mit Blick auf diese Entwicklungen sowie die französische EU-Ratspräsidentschaft ebenfalls 2022 sind wir am Ende der Laufzeit des deutsch-französischen Motors angelangt, der versucht, Europa neu zu starten. Klar, im Verhältnis zwischen dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und Angela Merkel hat es fortwährend Höhen und Tiefen gegeben. Aber vor allem die Vereinbarung im Sommer über den mehrjährigen Finanzrahmen der EU in Kombination mit dem Corona-Wiederaufbaufonds basiert auf dem persönlichen Vertrauen zwischen den beiden.

"Bewunderung aus der Ferne"

Sie sehen sich selbst als Britin und Französin. Wie nehmen die Menschen in diesen beiden Ländern Merkel wahr?

Seit den Wahlen zum Europäischen Parlament im vergangenen Jahr haben wir viele Meinungsumfragen durchgeführt. Was wir sowohl in Frankreich als auch in Großbritannien sehen, ist, dass sowohl Merkel selbst als auch Deutschland im weiteren Sinne ein recht hohes Ansehen genießen. Einerseits in der Art und Weise, wie beide Länder ehrfürchtig auf Deutschlands Position in Europa blicken. Und andererseits ganz konkret, wie die Bundesregierung mit der Coronakrise umgeht. Das ist nicht nur bei Frankreich und Großbritannien so, auch bei anderen EU-Ländern ist es ganz ähnlich. Es gibt so etwas wie eine Bewunderung aus der Ferne.

Würden Sie sagen, dass Angela Merkel im Ausland beliebter ist als in Deutschland selbst?

Wir haben Anfang dieses Jahres Umfragen durchgeführt und Menschen in etlichen EU-Staaten gefragt: "Wer ist der größte Verbündete Ihres Landes auf dem Höhepunkt der Coronakrise?" Die meistgenannte Antwort war: niemand. In allen Ländern, in denen wir nachgefragt haben.

In fast allen Ländern haben wir auch ein Gefühl der Frustration über den Umgang der jeweiligen Regierung mit der Krise festgestellt. Wohingegen in Deutschland, sowie in Schweden und Dänemark, ein gewisses Vertrauen gegenüber der Staatsführung herrschte, wie sich diese während der Krise um die Menschen gekümmert hat. Ich glaube, dass die Deutschen ein gewisses Gefühl der Sicherheit mit Merkel an der Spitze empfunden haben. Und ich würde nicht sagen, dass diese Ansicht im Ausland notwendigerweise mehr geteilt wird als im eigenen Land.

"Merkel ist in der Flüchtlingskrise ein großes Risiko eingegangen"

Abgesehen von der Corona-Politik: Warum wird Merkel so positiv wahrgenommen, wie Ihre und die Umfragen des Pew Research Centers zeigen? Woher kommt das?

Es hat etwas mit der Stabilität und der Langlebigkeit zu tun, mit der sie verschiedene Krisen auf europäischer Ebene überstanden hat. Von der Finanzkrise, über die Flüchtlingskrise und jetzt der Gesundheits- und Wirtschaftskrise wegen der Corona-Pandemie. Man hat den Eindruck, dass sie als Führungspersönlichkeit einen Weg durch all das gefunden hat. Das war nicht immer leicht, wenn man etwa die Flüchtlingskrise betrachtet. Diese wird eines der Dinge sein, für die sie international in Erinnerung bleiben wird – im Guten wie im Schlechten. Merkel ist 2015 mit ihrer Entscheidung, eine große Zahl syrischer Flüchtlinge aufzunehmen, ein großes Risiko eingegangen. Auch als sie die Rolle Deutschlands in den vergangenen zehn Jahren zunehmend gestärkt hat, musste sie große Turbulenzen auf europäischer Ebene durchstehen. Deutschlands Führungsrolle in der EU ist gewachsen und inzwischen unverzichtbar geworden.

Was heißt das für die Zukunft?

Während Merkel absehbar von der Bildfläche verschwindet, wächst EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rasant in eine Führungsposition hinein. Diese hat sie erstmals im Sommer bei den Verhandlungen rund um den EU-Haushalt und den Wiederaufbaufonds gezeigt. Auch wenn es damals nicht ihr Handschlag war – sondern Merkel und Macron, die das Geschäft besiegelt haben – wurde von der Leyen dennoch als der Akteur gesehen, der alle EU-Mitgliedsstaaten überhaupt an diesen Punkt gebracht hat. Dazu kommt noch, dass sie die Nähe Merkels hat.

Gibt es da eine gewisse Kontinuität?

In gewisser Weise, ja. Es gibt ein System, das unabhängig von den Wahlen in Deutschland und Frankreich installiert worden ist: Merkel hat mit ihrer Kandidatin von der Leyen an der Spitze der EU-Kommission ein Vermächtnis hinterlassen. Damit wird Stabilität für eine Weile von Berlin nach Brüssel gebracht, bis Deutschland und Frankreich zurückkommen können.

"Merkels Ruf von Höflichkeit und guter Führung ist besonders stark"

Viele große britische und US-amerikanische Zeitungen haben Merkel als Vorbild porträtiert. Nachdem Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist, gefühlt sogar noch häufiger. Fällt es mit Blick auf Trump oder auch Johnson leichter, Deutschland im Allgemeinen und Merkel im Besonderen positiv darzustellen?

Sicher, Wettstreit gibt es rund um den Globus. (lacht) Allerdings ist Merkels Ruf von Höflichkeit und guter Führung auch besonders stark. Vielleicht fällt im Moment noch positiveres Licht auf sie, weil sie das Gegenteil eines Staatsoberhauptes wie Trump oder Johnson ist. Es ist auch sehr interessant, dass all die emotional und wenig sachlich geführten politischen Debatten, die wir aktuell erleben, das völlige Gegenteil sind zu dem, wofür Merkel steht. Sie wird sogar in den USA und in Großbritannien geschätzt, obwohl die Menschen dort für das genaue Gegenteil dieser Art von Führung gestimmt haben. In beiden Staaten wird die Kanzlerin – zumindest teilweise – auch als effektive Regierungschefin gesehen. Vielleicht auch, weil Merkel aus internationaler Perspektive als die für Deutschlands genau passende Führungspersönlichkeit gesehen wird.

Neben Theresa May von 2016 bis 2019, war und ist Merkel die einzige weibliche Staats- und Regierungschefin bei wichtigen internationalen Gipfeltreffen wie G7 oder G20. Welche Rolle spielt es, dass sie eine Frau ist?

Merkel regiert schon so lange, dass es Zeiten gegeben hat, in denen das weniger sichtbar war als jetzt. Sie wird für ihr politisches Geschick bewundert und sie ist vielleicht die einzige weibliche Führungspersönlichkeit, bei der Geschlechterfragen mit Blick auf ihren persönlichen Stil kaum eine Rolle spielen. Diese Fragen konzentrieren sich eher auf ihre Fähigkeit, Auswege und Lösungen gefunden sowie in verschiedenen Krisen einen kühlen Kopf bewahrt zu haben. Sie hat erreicht, dass ihre Ergebnisse von Bedeutung sind – und nicht, dass sie eine Frau ist.

Über die Expertin: Susi Dennison arbeitet seit 2010 bei der pan-europäischen Denkfabrik European Council on Foreign Relations. Dort leitet sie das Programm "European Power", das die Hindernisse für eine nachhaltige Einheit Europas in Bezug auf außenpolitische Herausforderungen untersucht.

Corona-Einschränkungen erinnern Merkel an ihre Kindheit in der DDR

Angela Merkel zieht einen Vergleich zwischen den Corona-Einschränkungen und ihrer Kindheit in der DDR. "Wir haben uns angesichts vieler Mängel immer gut organisiert. Das sind Fähigkeiten, die einem auch heute helfen", meint die Kanzlerin in einem Interview mit dem RND. Vorschaubild: picture alliance/Francisco Seco/AP Pool/dpa