• Die Bundestagswahl endete für die CDU in einem historischen Debakel: Zusammen mit der CSU landete die Union nur bei 24,1 Prozent – so wenig wie noch nie.
  • Bereits wenige Tage danach werden die Stimmen immer lauter, die auf einen inhaltlichen und personellen Neuanfang in der CDU drängen.
  • Doch wie könnte das aussehen? Und wer könnte dann vorangehen?
Eine Analyse

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Die Liste ist lang und sie ist gespickt mit bekannten Namen: Jens Spahn war der erste, ihm folgten Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Carsten Linnemann und zuletzt Tilman Kuban und Christoph Ploß. Sie alle und noch etliche weitere CDU-Politiker und -Verbände verlangen einen inhaltlichen und personellen Neuanfang in der Partei.

Mit Spahn, Merz und Röttgen befinden sich auch jene Parteigranden unter den Reformforderern, die nach dem historischen Debakel bei der Bundestagswahl an die Spitze der CDU drängen. "Den CDU-Balken am Wahlabend zu sehen, das hat ja fast körperlich wehgetan", sagte CDU-Vize und Gesundheitsminister Spahn bereits am Donnerstag. Er forderte im Interview mit dem Deutschlandfunk: "Erneuerung braucht es. Das steht außer Frage." Am Sonntag legte Spahn in der "Welt am Sonntag" nach: "Jetzt geht es um die Aufstellung für die Zukunft, einfach so weitermachen ist keine Option."

Wenn die neue Bundesregierung steht, egal ob mit oder ohne Beteiligung der Union, müsse nicht nur die Wahl aufgearbeitet werden, mahnte Außenpolitiker Röttgen am Sonntag im "Tagesspiegel": "Wir müssen auch über eine personelle Neuaufstellung sprechen." Mehrfach betonte Röttgen mit Blick auf den angezählten CDU-Chef Armin Laschet, es reiche jetzt nicht, "nur eine Person auszuwechseln". Der Erneuerungsprozess müsse umfassend sein: "Partei, Fraktion, Inhalte, Kommunikation, Personal."

Doch wie sieht der Weg aus, den die Partei nach ihrer größten Niederlage nun einschlagen könnte? Wer sind die Politiker, die jetzt nach vorne treten sollen?

Komplettabriss und Neuaufbau: "CDU pur"

Eins vorneweg: Richtig konkret wurde bisher niemand aus der CDU-Riege. Dennoch lässt sich aus den bisherigen Aussagen etlicher Christdemokraten eine Stoßrichtung ableiten. Und neben einigen Namen wurden auch bereits klare Vorbilder im In- und Ausland benannt.

Besonders drastisch drückte sich der Vorsitzende der Jungen Union (JU), Tilman Kuban, aus: "In der CDU darf jetzt kein Stein mehr auf dem anderen bleiben", sagte er der "Welt am Sonntag". Das klingt nach Komplettabriss und Neuaufbau. So will es Kuban wohl auch verstanden wissen. Es sei jetzt "Zeit für junge Köpfe" und die Basis müsse bei wichtigen Entscheidungen künftig stärker eingebunden werden. Sehr ähnlich hatte sich auch Spahn geäußert. In der Partei müsse die nächste Generation "jetzt stärker sichtbar werden", sagte der 41-Jährige.

Ein klein wenig konkreter wurde Kuban am Sonntagabend im ZDF. In der Sendung "Berlin direkt" räumte er ein, dass die Union bei Themen, die junge Leute als wichtig erachten (wie Klimaschutz und Corona-Bekämpfung), nicht deutlich genug gewesen sei. Der JU-Chef forderte ein klareres Profil der CDU, warnte aber vor einer Verschiebung der Koordinaten. "Was es jetzt eben nicht braucht, ist ein Rechtsrutsch oder ein Linksrutsch der Partei, sondern es braucht CDU pur", sagte Kuban.

Richtig ist: Weder Hans-Georg Maaßen, der in Südthüringen mit konservativen Themen und scharfen Attacken auf öffentlich-rechtliche Medien und linke Parteien zu punkten versuchte, noch Marco Wanderwitz, der sich im Erzgebirge maximal deutlich von der AfD und Rechtsextremisten abgrenzte, konnten ein Direktmandat erringen. Maaßen scheiterte deutlich am Kandidaten der SPD, Wanderwitz an dem der AfD.

Nun also "CDU pur". Auf dem Weg dorthin brauche es die "ganze Breite" der Partei, bemerkte Kuban. Die CDU verfüge über viele "interessante Köpfe" und eine "tolle zweite Reihe". Kuban nannte in dem Zusammenhang die Namen von Friedrich Merz, Carsten Linnemann, Jens Spahn, Michael Kretschmer und Serap Güler.

Sehnsucht nach Österreich

Wie die "CDU pur" mit Leben gefüllt werden könnte, skizzierte der Hamburger CDU-Chef Christoph Ploß ebenfalls am Sonntagabend. Im ARD-"Bericht aus Berlin" verwies er auf die österreichische Schwesterpartei. Die ÖVP sei "wieder nach oben gekommen mit einem klaren Kurs". Dieser ist klar konservativ geprägt.

Die ÖVP schneidet zudem seit 2017 ihre Kampagnen extrem stark auf ihren Vorsitzenden zu, Kanzler Sebastian Kurz. Das geht so weit, dass die Partei nicht nur ihre Farbe und den Namen wechselte, sondern in der Außendarstellung weitgehend hinter Kurz verschwindet. So trat die ÖVP etwa bei der Nationalratswahl im Oktober 2017 unter dem Namen "Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei (ÖVP)" an. Ein Schritt, der derzeit bei der CDU kaum vorstellbar ist.

Sowohl mit Blick auf Kurz als auch auf Angela Merkel betonte Ploß, es brauche gerade für die jüngeren Wählerschichten "Zugpferde". Zudem müsse die CDU mehr auf Themen setzen, die zuletzt vor allem die FDP vorangetrieben hat und ihr großen Erfolg bei der jungen Wählerschaft einbrachte: Förderung von Bildung, Forschung und Innovationen sowie Digitalisierung.

Wahlplakat der ÖVP zur Nationalratswahl 2019 in Österreich.

Die CDU sucht nach einer eierlegenden Wollmilchsau

Ploß sieht außerdem Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer – trotz der herben Verluste der CDU in dem ostdeutschen Bundesland – als Vorbild: "Er ist ein Kümmerer, er geht zu den Leuten hin und spricht mit ihnen. Und setzt gleichzeitig auf Zukunftsthemen."

Der nordrhein-westfälische Europaabgeordnete Dennis Radtke, ein enger Unterstützer von Armin Laschet, äußerte sich in einem Gastbeitrag für das Onlineportal "The Pioneer" ähnlich. Er forderte: "Die CDU muss sozialer werden." Radtke zufolge bedeutet das neben "Mut zur Debatte über Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft" auch "Empathie und eine Antenne für kleine Leute".

Zusammengefasst: Die CDU sucht nach der eierlegenden Wollmilchsau. Sie sucht nach einer integrativen und möglichst unbelasteten Führungsfigur, die sowohl konservative als auch urbane Wählerschichten anspricht, nicht zu alt, aber durchaus erfahren ist und nah an den Problemen sowohl von Bürgerinnen und Bürgern als auch der Wirtschaft.

Übrig bliebe da wohl aktuell nur ein Kandidat, der viele der gesuchten Punkte abdeckt, der allerdings in der falschen Partei ist: Markus Söder.

Mit Material der dpa.

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