Der jüngste Giftgaseinsatz im syrischen Bürgerkrieg hat die Differenzen zwischen den USA und Russland offen gelegt. Während Donald Trump in der vergangenen Nacht als Reaktion erstmals das syrische Regime mit Raketen angriff, hält Moskau weiter zu Baschar al-Assad. Maybrit Illner sprach mit ihren Gästen über das russisch-amerikanische Verhältnis im Zeichen des Krieges. Ein CNN-Korrespondent sagte den US-Militärschlag voraus.

Thomas Fritz
Eine Kritik
von Thomas Fritz

Welche Russlandverbindungen hatten Mitglieder von Donald Trumps Wahlkampfteam? Ist der US-Präsident nur eine Marionette Putins, wie Kritiker behaupten? Kann Trump nicht enger und konstruktiver mit Moskau zusammenarbeiten, weil er unter diesem Verdacht steht? Was bedeutet das für die Menschen in Syrien, für die transatlantischen Beziehungen und für die Sicherheit in Europa?

Es waren komplexe wie heikle Fragen, die Maybrit Illner unter dem Motto "Trump und Putin – treibt Syrien sie auseinander?" in ihrer Sendung beantworten lassen wollte. Angesichts einer Gästeliste, die linke wie konservative Positionen einte, verlief der Talk überraschend harmonisch.

Pleitgen sagte Militärschlag voraus

Los ging es mit der Frage nach dem Giftgasangriff in der Provinz Idlib, für den die USA das syrische Regime verantwortlich machen und auf den die US-Militärs – wie wenige Stunden nach Sendeschluss bekannt wurde – mit dem Raketenbeschuss auf eine syrische Militärbasis reagiert haben.

Prompt kam es zu einem der wenigen Aufreger der Sendung. Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, sagte, dass Assads Beteiligung noch nicht zweifelsfrei belegt sei und forderte "rückhaltlose Aufklärung".

Dann erregte sie sich sichtlich über die Rede Trumps, in der er den Angriff, bei dem Dutzende Frauen und Kinder starben, verurteilte. "In diesem Krieg haben alle Seiten Kriegsverbrechen begangen."

Wagenknecht erinnerte an die Zunahme ziviler Opfer durch US-Bombardements seit Trumps Amtsübernahme. Dessen Auftritt sei daher "an Heuchelei nicht zu überbieten" gewesen.

Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) betonte dagegen, die NATO habe es nicht auf zivile Opfer abgesehen. Wenn Giftgas auf Zivilisten geworfen werde, sei ihr Tod aber beabsichtigt.

Uneinigkeit herrschte auch in der Frage, ob die USA tatsächlich gegen das Assad-Regime vorgehen würden. Während Altmaier und der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen keinen Militärschlag erwarteten, sagte der Republikaner Ralph Freund (Republicans Overseas Germany), Trump werde "versuchen über Russland den Druck auf Assad zu erhöhen".

Es werde aber keine Alleingänge geben. Trump brauche Russland bei der Bekämpfung der Terrormiliz "Islamischer Staat", so Freund.

Nur der CNN-Korrespondent Frederik Pleitgen hielt wegen des Umdenkens in Washington einen Militärschlag "durchaus für möglich". Die späteren Ereignisse sollten ihm recht geben.

Watergate "fast harmlos dagegen"

Das führte die Runde zu der Frage, ob Trump wegen des innenpolitischen Drucks aufgrund der Verbindungen seines Wahlkampfteams zu Moskau überhaupt eine russlandfreundliche Politik machen könne. Altmaier wich diplomatisch aus, wollte das als Regierungsvertreter "nicht beurteilen".

Der Republikaner Freund erkannte etwas überraschend "keinen innenpolitischen Druck". Trumps Wählern im amerikanischen Kernland seien diese Verbindungen egal, denn die seien nicht sehr an Außenpolitik interessiert.

Theveßen stellte fest, dass "viele in Trumps Partei" Russland nach wie vor als "Reich des Bösen" ansehen – und stellte das in Kontrast zu angeblichen früheren Verbindungen von Trumps Geschäftsimperium zur russischen Mafia. Die sei eine "Gemengelage, die Trump erpressbar machen könnte."

Pleitgen bemühte gar einen Vergleich zum wohl größten Politikskandal der US-Geschichte. Sollte Trump im Wahlkampf etwas Illegales gemacht und eine Einflussnahme Russlands befeuert haben, wäre Watergate "fast harmlos dagegen", meinte der CNN-Korrespondent.

Wagenknecht widersprach. Die Bundestagsabgeordnete konnte mit der Idee, Trump sei eine Marionette Russlands, überhaupt nichts anfangen. "Was Trump macht, spricht dagegen", sagte die Linken-Politikerin und nannte die Ankündigung Washingtons, atomar aufzurüsten, als Beispiel.

Trump von Realität eingeholt

Schließlich kam die trotz des kontroversen Themas erstaunlich zahme Runde zum Ergebnis, dass Trump von der Realität des Syrienkrieges eingeholt wurde. Kanzleramtschef Altmaier erkannte "Ernüchterung in Washington", weil die Dinge in Syrien komplizierter als gedacht seien.

Er forderte eine Stärkung der NATO und ein Gesprächsangebot an Moskau. Wagenknecht nannte eine Strategie, Assad unbedingt beseitigen zu wollen, "verantwortungslos". "Was wäre der Plan für die Nachkriegsordnung?", fragte sie. " Damit würden wieder Kräfte an die Macht kommen, von denen wir Angst haben sollten, die dann wieder in Europa Terrorangriffe verüben." Nur mit Russland sei ein Frieden möglich, so Wagenknecht.

Auch Ralph Freund erkannte, dass Trump Russland geopolitisch brauche. Beim Kampf gegen den IS oder in den Nordkorea-Verhandlungen. "Er wird es an Syrien nicht scheitern lassen", sagte der Republikaner.

ZDF-Mann Theveßen erklärte schließlich fast prophetisch: "Trump könnte einen außenpolitischen Erfolg gut gebrauchen." Den hat der US-Präsident in der vergangenen Nacht viel schneller als gedacht möglicherweise schon errungen.