Streitlustige Kandidaten, ein Fokus auf Inhalte, gut vorbereitete Moderatoren: Der "Vierkampf" der kleinen Parteien zeigt, wie Wahlkampf-Fernsehen funktionieren kann. Linkspartei-Chefin Wissler liefert eine Dosis Klassenkampf, FDP-Chef Lindner und AfD-Frontfrau Alice Weidel streiten über Aktien vs. Immobilien.

Christian Bartlau
Eine Kritik
von Christian Bartlau
Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Bei Lichte besehen ist es alle vier Jahre wieder eine demokratiepolitische Frechheit: Zur Wahl stehen bei den Bundestagswahlen Parteien, aber wer einen Kanzlerkandidaten aufstellt, bekommt gratis ein Millionenpublikum serviert - in TV-Konfrontationen, die auch noch den Eindruck verfestigen, es gehe am Ende doch nur darum, wer Kanzler oder Kanzlerin wird.

Einen Tag nach dem zweiten – eigentlich dem dritten, wenn man die WDR-Runde im Mai mitzählt – Triell räumt die ARD am Montagabend auch dem Rest der im Bundestag vertretenen Parteien einen Sendeplatz ein. Beim "Vierkampf" treten an:

Auch wenn die Begrüßungsrunde untermalt wird von Hintergrundmusik, die an das gute alte "Herzblatt" erinnert, kommt keine politische Flirt-Stimmung auf, im Gegenteil: Hier stehen echte Antipoden nebeneinander, dementsprechend scharf geht es zur Sache in den Bolle Festsälen in Berlin.

Viel Tempo, klare Positionen im "Vierkampf"

Im Gegensatz zum hart kritisierten Moderatorenduo des Triells bringen Ellen Ehni und Christian Nitsche gleich zu Beginn Inhalte auf die Agenda – und Tempo in die Diskussion. In Blitzrunden klopfen sie die Haltung zu Steuererhöhungen, Bundeswehr-Budget und Renteneintrittsalter ab, Antworten sind nur per Handzeichen erlaubt. Deutlich zeichnet sich ab: FDP und CSU liegen fast immer auf einer Wellenlänge, meist zusammen mit der AfD, Janine Wissler bekleidet eher die Außenseiterpositionen.

Die genauen Konzepte beleuchten die detaillierten Diskussions-Blöcke, dort werden auch die feinen Unterschiede zwischen den Parteien klar – zum Beispiel, wenn sich Alice Weidel ("Sie haben keine Ahnung von Vermögensverwaltung!") und Christian Lindner über die Diversifizierung von Rentenfonds streiten: Soll das Geld nur in Aktien angelegt werden, oder auch, wie Weidel fordert, in Immobilien und Rohstoffen?

Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?

Versprochen wird im Vierkampf mindestens so viel wie im Triell, mehr Geld für Schulen und Pflegekräfte (Wissler), massive Investitionen in Digitalisierung (Dobrindt), Steuerentlastungen für Familien (Weidel) beziehungsweise alles und jeden (Lindner). Die entscheidende Frage des Abends lautet also: Wer soll das alles bezahlen?

Das Wirtschaftswachstum, sagen Lindner, Weidel und Dobrindt. Die alleinerziehende Verkäuferin jedenfalls nicht, sagt Linkspartei-Chefin Janine Wissler, die wenig überraschend eine "Umverteilung von oben nach unten" fordert und damit ihre Mitdiskutanten mächtig in Wallung bringt.

Einen Todesstoß für die Unternehmen erkennt Alice Weidel in einer Vermögenssteuer auf Betriebsvermögen ab fünf Millionen Euro. CSU-Mann Alexander Dobrindt fragt luzide nach, ob bei einer persönlichen Vermögenssteuer ab einer Million Euro nicht schnell der Eigenheimbesitzer belastet wird: "In Bayern betrifft das viele. (…) Eigenheimbesitzer werden besteuert, und wer baut, wird enteignet."

Eine Anspielung auf das "Deutsche Wohnen enteignen"-Referendum in Berlin, das die Linkspartei unterstützt – aber die Zuschauer müssten keine Angst haben, entgegnet Wissler: "Da muss man schon 3.000 Wohnungen besitzen, das trifft so gut wie niemanden." Der Konzern Vonovia habe 2020 trotz Corona eine Milliarde Euro Dividende ausgeschüttet - "das stammt aus den Taschen der Mieterinnen und Mieter, wer enteignet da eigentlich wen?".

Janine Wissler: "Ja, wir wollen die Union gern in die Opposition schicken"

Wo die kleine Dosis Klassenkampf die Runde schon mal auf Betriebstemperatur gebracht hat, lenkt das Moderatorenduo den Fokus auf die Außenpolitik: Wissler will die NATO durch eine kollektive Sicherheitsarchitektur unter Einbeziehung Russlands ersetzen, und auch Weidel möchte einen Schritt auf Wladimir Putin zugehen – allerdings hauptsächlich, weil die Sanktionen "der heimischen Wirtschaft schaden".

"Radikale Positionen" hat Alexander Dobrindt da festgestellt und fragt Wissler empört, ob sie etwa das eingesparte Geld vom 2-Prozent-Ziel in der "anderen Sicherheitsarchitektur mit Russland" ausgeben möchte. Klare Antwort: "Nein, wir wollen abrüsten und die 25 Milliarden Euro woanders ausgeben." Ob sie das mit Saskia Esken besprochen habe, schließlich wolle Wissler doch gern mit SPD und Grünen regieren? - "Ja, wir wollen die Union gern in die Opposition schicken."

Alexander Dobrindt: "Wasserstoff ist gottgegeben"

Über Dobrindt schrieb der "Berliner Tagesspiegel" einmal: "Wahlkampf kann er." Das beweist der CSU-Mann an diesem Abend mit knackigen Bierzelt-Sprüchen: "Nicht nur bei den Grünen, auch bei den Linken kann man mit dem Wahlzettel also gleich die Autoschlüssel in die Wahlurne schmeißen." Etwas anderes konnte Dobrindt nicht so gut: Verkehrsminister. In seine Amtszeit fällt der Diesel-Skandal, jetzt hofft Dobrindt wieder auf den Erfindungsreichtum deutscher Ingenieure – und den "gottgegebenen" Wasserstoff.

Wie so oft an diesem Abend sind die Moderatoren inhaltlich voll auf der Höhe, Ellen Ehni macht den Christsozialen darauf aufmerksam, dass Wasserstoffproduktion extrem viel Strom verbraucht. Dobrindt wischt den Einwand weg, er wolle "nicht so pessimistisch" sein, was ihn mit Christian Lindner verbindet: Deutschland müsse Vorreiter werden, Klimatechnik made in Germany zum wirtschaftlichen Erfolgsmodell, so schwebt es dem FDP-Chef vor.

Alice Weidel: "Jeder lacht über uns!"

Völlig aus der Reihe fällt beim Megathema Klimaschutz, auch das wenig überraschend, AfD-Frontfrau Alice Weidel, die das Pariser Klimaabkommen für Humbug hält, ganz zu schweigen von der Umsetzung in Deutschland. Ein Industrieland mit "Flatterstrom" betreiben, das funktioniere so nicht, sagt Weidel. "Der deutsche Sonderweg ist falsch." Aber was funktioniert dann, fragt Ellen Ehni, bekommt aber keine Antwort, auch nicht auf wiederholte Nachfrage, Weidel wirkt genervt: "Über uns lacht das Ausland", sagt sie, die Stimme ins Schrille gekippt. "Jeder lacht über uns!"

Lindner, nach einem etwas übereifrigen Beginn von den Moderatoren immer wieder ausgebremst, kommentiert die Szenerie mit untrüglichem Gespür für Polemik: "Sie wollen doch die Alternative für Deutschland sein, sagen sie doch mal eine Alternative!"

Ehe die Runde nun in allgemeiner Empörung entgleitet, binden die Moderatoren ab – mit der unvermeidlichen Koalitionsfrage, immerhin, kleiner Gruß an Maybritt Illner und Oliver Köhr, an der richtigen Stelle, nämlich ganz am Ende.

Also darf Alice Weidel noch einmal ein knappes "Nein" zur Frage loswerden, ob die AfD einen Kanzler Armin Laschet wählen würde. CSU-Spitzenkandidat Alexander Dobrindt liebäugelt mit der Deutschland-Koalition, aber nur unter Führung der Union.

Christian Lindner fehlt die Fantasie, was SPD und Grüne der FDP für eine Ampel anbieten könnten, und Janine Wissler erinnert Annalena Baerbock und Olaf Scholz daran, dass es auch eine Außenpolitik neben der NATO gibt. Wenn das nicht gute Vorlagen sind für das letzte Triell ...


Teaserbild: © dpa / Annette Riedl