• Lewis Hamilton findet immer mehr in die Erfolgsspur zurück, fühlt sich aber auch in seiner neuen Rolle wohl.
  • Denn der siebenmalige Weltmeister ist 2022 nicht mehr der gejagte Seriensieger, sondern als Jäger und mehr denn je als Anführer gefragt.
  • "Der Löwe ist wieder erwacht", sagt Toto Wolff.

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Lewis Hamilton lag am Boden und musste erst einmal durchatmen. Er war ausgepumpt, fertig, völlig am Ende. "Chilling", wie der Mercedes-Superstar die Szene selbst auf Twitter nannte.

Das Bild des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters im sogenannten "Cool-Down-Room" nach dem zwölften Saisonrennen in Frankreich war diesmal nicht symbolisch für die sportliche Situation, sondern nur eine Momentaufnahme nach einem zweiten Platz. Schließlich ist der Brite ist nach einer herausfordernden ersten Saisonhälfte in gewisser Weise wieder obenauf – und das in einer neuen Rolle.

Denn der 37-Jährige ist nicht nur als Anführer gefragt, sondern als Motivator, Entwickler und vor allem als Jäger, denn Mercedes ist in der Motorsport-Königsklasse weiterhin nur dritte Kraft. Mit einem immer noch zu großen Rückstand auf Ferrari und Red Bull Racing, dafür aber mit einem Hamilton in Topform.

Nach seinem 300. Rennen am Sonntag musste er den zweiten Platz zwar zunächst dehydriert am Boden genießen, weil seine Trinkflasche nicht funktioniert hatte. Drei Kilogramm dürfte er verloren haben, schätzte Hamilton. Gewonnen hat er aber die Erkenntnis, dass Mercedes nach einigen Irrungen und Wirrungen offenbar endlich konstant auf dem richtigen Weg ist.

Lews Hamilton: Die Leidenschaft ist zurück

"Der Löwe ist wieder erwacht": So bringt Mercedes-Teamchef Toto Wolff den Umstand auf den Punkt, dass Hamilton seine Leidenschaft, den Ehrgeiz und das Feuer wiedergefunden hat. Die Zeiten scheinen vergessen, als der Brite mit dem schwer zu fahrenden Silberpfeil haderte, an der sportlichen Situation herummäkelte, sie aber nicht wirklich annahm, zumindest nicht nach außen. Da ließ er keine Zweifel aufkommen, dass er frustriert war.

Das hat sich aber geändert. "Wir hatten zu Beginn der Saison wirklich eine sehr schwere Zeit. Aber mittlerweile haben sich alle damit arrangiert, dass wir jetzt die Jäger sind, Lewis an vorderster Front", sagte Wolff. "Er fährt nicht nur schnell im Auto, er pusht auch das Team und hat immer ein unglaublich positives Mindset, selbst wenn es mal nicht so läuft."

Drei dritte Plätze und nun Rang zwei zeigen, was ein bis in die Haarspitzen motivierter Hamilton immer noch leisten kann. Seinen Teamkollegen George Russell hat er in den vergangenen vier Rennen 4:0 geschlagen, in den Qualifyings 3:1. Dort steht es inzwischen 6:6, in den Rennen 5:7. Keine Frage: Der Löwe brüllt wieder, er ist wieder auf der Jagd.

Haltbarkeit als dicker Pluspunkt

"Ich bin so stolz auf das Team, das ist ein unglaubliches Ergebnis", so Hamilton. Um Rennen zu gewinnen, gehe es ums Gesamtpaket und "da wissen wir, dass wir noch nicht die Pace der beiden Teams vorne haben", sagte er und rückte einen großen Pluspunkt von Mercedes in den Mittelpunkt: die Haltbarkeit. Denn in zwölf Rennen ist nur ein einziges Mal ein Bolide vorzeitig ausgefallen, und das beim Startcrash in Silverstone auch noch unglücklich. Die Zuverlässigkeit sei ein großer Teil des Prozesses, betonte Hamilton, "und darauf können wir wirklich stolz sein".

Wie motiviert Hamilton wieder ist, zeigte er, als es um seine Zukunft ging. Wolff sprach in Frankreich über eine mögliche Verlängerung des bis 2023 laufenden Hamilton-Vertrags und dass er mit dem neuen Arbeitspapier 400 Rennen erreichen könne. "Das sind eine Menge Rennen", grinste Hamilton. "Ich fühle mich immer noch frisch und habe das Gefühl, dass ich noch viel Benzin im Tank habe." Außerdem genieße er die Arbeit mit dem Sport mehr denn je, so Hamilton weiter. "Wir haben großartige Leute, die den Sport leiten, und führen großartige Gespräche über die Richtung, in die wir als Sport gehen."

Wolff: "Solange Ferrari die Seuche hat, spielt uns das bei den Punkten natürlich in die Karten"

Wolff legte bei aller Freude aus sportlicher Sicht trotzdem den Finger in die Wunde. "Der Renntag war gut, der Quali-Tag aber nicht. In Summe müssen wir einfach besser werden", so der Österreicher. Er weiß: Läuft ein Rennen normal, sind die Plätze eins bis vier für die Konkurrenz reserviert. Doch die patzt so verlässlich wie der Mercedes wie ein Uhrwerk läuft. "Das ist unsere Stärke dieses Jahr und bringt uns Ergebnisse ein, obwohl das Auto nicht gut genug ist, um um eine Weltmeisterschaft zu fahren", sagte Wolff: "Aber solange Ferrari die Seuche hat, spielt uns das bei den Punkten natürlich in die Karten."

Trotzdem sind die 44 Zähler Rückstand in der Konstrukteurs-WM auf das zweitplatzierte Ferrari nur eine Momentaufnahme. Das große Ganze spielt sich 2023 ab. "Bei uns geht es mehr darum, dass wir wieder aus eigener Kraft gewinnen und dann nächstes Jahr wieder (um den Titel, Anm. d. Red.) mitspielen können", sagte Wolff.

Bricht Hamilton den Fluch?

Dafür muss Hamilton seit Sonntag auch einen Fluch brechen. Denn er ist erst der sechste Pilot insgesamt, der die 300er-Marke geknackt hat. Das Problem: Keiner der bisherigen Fahrer hat nach dem Erreichen dieser Marke wieder einen Rennsieg gefeiert – ob nun Kimi Räikkönen (349 Rennen), Fernando Alonso (345), Rubens Barrichello (322), Michael Schumacher oder Jenson Button (beide 306).

"Ich arbeite auf den Sieg hin und glaube, dass wir das wieder schaffen werden", sagte Hamilton: "Keiner von uns gibt auf, und jeder macht Druck." Vor allem er. Denn der Löwe ist wieder erwacht.

Verwendete Quellen:

  • Pressekonferenzen
  • TV-Übertragung


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