Eine "beschissene und verrückte Situation" - BVB-Trainer Jürgen Klopp brachte die Gefühlslage bei Borussia Dortmund am Samstagabend auf den Punkt. Nach der 1:2-Niederlage beim FC Bayern München ist der schlechteste Saisonstart der Vereinsgeschichte perfekt. Dortmund ist mittlerweile auf Rang 17 abgerutscht. Der Revierklub befindet sich mitten im Abstiegskampf - zumindest momentan.

Es ist wie verhext: Wieder einmal lieferte Borussia Dortmund eine ansehnliche Leistung ab. Und wieder einmal standen sie am Ende mit leeren Händen da. Bayern Münchens Robert Lewandowski und Arjen Robben drehten den "deutschen Clasico" nach der Führung des BVB durch Marco Reus. Da am Sonntag der SC Freiburg mit 1:0 beim 1. FC Köln gewann, steht der Meister von 2011 und 2012 nach dem 10. Spieltag auf einem Abstiegsplatz.

Dortmunds Mittelfeldspieler Sebastian Kehl spricht von einer "Tabellensituation, die uns sicherlich nachdenklich macht". Anders formuliert: Aktuell steckt der BVB im Abstiegskampf. Und plötzlich steht einer in der Kritik, der seit seinem Amtsantritt als unantastbar galt: Trainer Jürgen Klopp. Dessen Sommer-Verpflichtungen (Ciro Immobile, Adrian Ramos, Matthias Ginter, Shinji Kagawa, Dong-Won Ji) stellen noch keine Verstärkungen für das Team dar. Zudem scheinen sich die Gegner auf die temporeiche und konterstarke Spielweise des BVB eingestellt zu haben. Klopp hat es bis dato nicht geschafft, seinem Team einen gefährlichen Plan B zu vermitteln - beispielsweise eine Spielweise basierend auf Ballbesitz und Spielkontrolle, ähnlich wie es der FC Bayern praktiziert.

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke stellt sich dennoch uneingeschränkt hinter seinen Coach. "Zu sagen, dass der Trainer keinen Krisenplan hat, ist doch Quatsch!", polterte der BVB-Boss im "Doppelpass" bei "Sport 1". Es wäre völlig normal, dass es nach grandiosen Jahre auch mal Rückschläge gebe, so Watzke.

Hans-Joachim Watzke: "Wir sind wirtschaftlich stark"

Zudem machte der 55-Jährige klar, dass Dortmund ein Jahr ohne internationalen Fußball auch in finanzieller Hinsicht überstehen könnte. "Wir sind wirtschaftlich stark. Wenn wir nächstes Jahr nicht international spielen, müssen wir nicht wieder auf Los zurückmarschieren." Das Problem: Verpasst die Borussia die Champions League, dürfte der umworbene Marco Reus kaum zu halten sein.

Eine erneute Qualifikation für die Königsklasse über die Bundesliga ist statistisch gesehen unwahrscheinlich. Von den 45 Teams, die in der Geschichte der Bundesliga am 10. Spieltag mindestens sieben Niederlagen aufwiesen, hat es noch keine Mannschaft in die Champions League geschafft. Die besten Platzierungen nach einem solchen Fehlstart gelangen Hannover 96 (1970/71) und Hansa Rostock (2003/04). Sie landeten jeweils auf Rang 9. Watzke schätzt die Lage realistisch ein: "Wir sollten uns von dem Thema lösen. Es sieht im Moment einfach nicht so aus, dass wir in der nächsten Saison in der Champions League spielen. Das müssen wir nicht kleinreden", sagte der Geschäftsführer der ARD.

Unangenehme Aufgaben stehen an

Ohnehin sollte sich der BVB momentan darauf besinnen, erst einmal aus dem Tabellenkeller herauszukommen. Denn die folgenden Aufgaben haben es in sich: Zunächst gastiert der Tabellendritte Borussia Mönchengladbach in Dortmund, dann reist der BVB zum überraschend starken Aufsteiger SC Paderborn. Daraufhin folgt mit der Partie bei Eintracht Frankfurt ein weiteres Auswärtsspiel, bevor 1899 Hoffenheim ins Ruhrgebiet kommt.

Dass Dortmund die Qualität hat, sich schnell aus dem selbst eingebrockten Dilemma zu befreien, steht außer Frage. Wer Spieler wie Roman Weidenfeller, Mats Hummels, Henrich Mchitarjan, Shinji Kagawa oder Marco Reus in seinen Reihen hat, muss sich eigentlich mit den Bayern und nicht mit Werder Bremen oder dem SC Freiburg messen.

Dennoch: Die bittere Realität heißt momentan Rang 17 - punktgleich mit Schlusslicht Werder. Sieben Punkte aus den ersten zehn Spielen bedeuten zudem einen traurigen Vereinsrekord. Es ist die mit Abstand größte Krise in der Ära Klopp. Und es wäre viel zu simpel, den Negativlauf ausschließlich mit fehlendem Glück zu begründen.

Borussia Dortmund trifft das Tor nicht

Insbesondere in den Partien gegen den Hamburger SV (0:1), beim 1. FC Köln (1:2) und gegen Hannover 96 (0:1) wurde deutlich, dass dem BVB seit Lewandowskis Abgang eine wichtige Qualität abgeht: die Effektivität vor dem gegnerischen Tor. Bei insgesamt 51 Torschüssen gegen Hamburg, Köln und Hannover fand nur ein einziger Versuch den Weg ins Netz. Lewandowski wurde bislang nicht einmal ansatzweise adäquat ersetzt - weder von Ciro Immobile noch von Adrian Ramos.

In München bot Klopp Pierre-Emerick Aubameyang als Sturmspitze auf und setzte seine beiden Sommerzugänge auf die Bank. Vor allem Immobile ist den hohen Erwartungen noch nicht gerecht geworden. "Es ist unfair, wenn man Immobile nach vier Monaten mit Lewandowski von heute vergleicht", stellt sich Watzke im "Doppelpass" vor den Italiener. Man müsse ihn "mit Lewandowski nach vier Monaten beim BVB vergleichen." Eine fragwürdige Sichtweise. Schließlich wurde der Italiener für stolze 19 Millionen Euro vom FC Turin verpflichtet, um zeitnah - und nicht wie einst Lewandowski erst nach über einem Jahr - eine Verstärkung für den Klub darzustellen. Aufgrund der dürftigen Leistungen der BVB-Stürmer gilt es als wahrscheinlich, dass die Borussia in der Winterpause für die Offensive nachlegen wird.

Bis dahin muss sich der BVB mit dem bestehenden Spielermaterial aus dem Sumpf ziehen und zeigen, dass er auch Abstiegskampf kann. Denn in diesem steckt er - zumindest momentan noch. Sollte Dortmund das zu lange verkennen, könnten die Schmähgesänge der Bayern-Fans ("Zweite Liga, Dortmund ist dabei") vielleicht doch Realität werden. Auch wenn es momentan noch unglaublich klingt.