Intelligenz, Familie und Stil – drei Dinge, die im Fußball auf den ersten Blick kaum eine Rolle spielen. Außer an diesem Wochenende. Nur in Dortmund geht es einigen Wenigen wieder nur um das Eine: Tradition - oder das, was sie als solche definieren. Die (nicht immer ganz ernst gemeinten) Lehren des Spieltags.

Christian Aichner
Eine Glosse
von Christian Aichner, Redakteur Politik und stellv. CvD

1. Lehre: Intelligenz muss keine Tore schießen

Der "intelligenteste Spieler" des FC Bayern (Pep Guardiola über Lahm) feiert Jubiläum. Gegen Schalke hat er sein 500. Spiel für den FCB bestritten. Und seine Bilanz ist grandios: Sieben deutsche Meisterschaften, sieben Pokalsiege, je einmal Champions-League- und Klub-WM-Sieger. Ein Hoch auf Philipp Lahm.

Nur in einem Bereich hinkt die "Legende" (Pep Guardiola über Lahm) anderen hinterher: beim Tore schießen. Kaum mehr als ein Dutzend Mal hat er im Dress der Bayern eingenetzt. Das zeigt: Egal wie intelligent ein Spieler ist, ein Garant zum Tore schießen ist er deshalb nicht.

Das erlebt momentan auch Thomas Müller, der ja bekanntermaßen auch "sehr intelligent" ist (Carlo Ancelotti über Müller). Der hat in den vergangenen Jahren am Fließband für die Münchner getroffen, doch seit dem Sommer ist damit Schluss. In 16 Ligapartien hat er gerade einmal ein Mal eingenetzt. Lahm’sche Dimensionen sozusagen.

Diese Dimension wiegt bei Müller natürlich ungleich schwerer als bei Lahm. Denn mehr als Tore schießen kann der Müller ja gar nicht (Müller über Müller).

Und intelligent laufen natürlich. Jetzt kann er aber auch das nicht mehr (Klose über Müller). Im "kicker" erklärte der WM-Rekordtorschütze was Müller im Moment falsch macht: "Mir fällt auf, dass er sich im Strafraum immer in die Position bringen will, aus der er den Ball nur noch aus einem Meter ins Tor schießen muss." Klingt wie Jugendfußball-Stil - und so gar nicht intelligent.

Das spielt aber überhaupt keine Rolle, weil dieses zu-Tode-Kritisieren einfach nur noch nervt. Und überhaupt: In dem Jugendfußball-Stil – ohne Tricks, ohne Schnörkel, und am liebsten im Fallen - hat Müller doch seine geilsten Tore gemüllert – und ist deswegen auch schon mit weit weniger als 500 Spielen im Bayern-Dress legendär.

Das Urteil zur Sperre von Bayer Leverkusens Hakan Calhanoglu zeigt, wie kompliziert die FIFA-Statuen zur Vertragsverhandlung sind. Offenbar waren sie den verhandelnden Parteien selbst nicht zu Einhundert Prozent bekannt.

2. Lehre: Lieber nicht auf den Papa setzen – oder etwa doch?

Das hat er nun davon. Weil er mit 17 Jahren nur "Fußball im Kopf" hatte, darf er jetzt erstmal nicht mehr spielen. Vier Monate ist Hakan Calhanoglu von Fifa und Internationalem Sportgerichtshof (CAS) gesperrt worden, weil er vor fünf Jahren trotz gültigen Vertrages einfach einen zweiten unterschrieben hat. Ja woher soll er denn wissen, dass man das nicht darf. Und außerdem hat ihm doch sein Papa dazu geraten.

Egal jetzt, das erwachsene Kind ist nun einmal in die Sperre gefallen – und will daraus lernen. Nie wieder auf den Papa hören, schwört Calhanoglu.

Der erwachsene Hakan weiß jetzt, dass Papa eben nicht in jeder Situation der Beste ist. Aber Vorsicht: Nicht dass der irgendwann zurückschießt. Denn das könnte schmerzhaft werden. Wie am Wochenende für Bayer Leverkusen. Haut der Papa ihnen am Freitagabend doch einfach einen rein.

Dabei steht Kyriakos Papadopoulos, genannt Papa, doch eigentlich bei Leverkusen unter Vertrag. Trotzdem trägt er das Trikot des HSV. Jetzt sind wir verwirrt: Soll man jetzt auf den Papa setzen - oder nicht? Darf ein Spieler zwei Vereinen dienen - oder nicht?

Am Ende müssen das wohl die Fifa und der CAS entscheiden. Wir werden die Klärung veranlassen – und in fast sechs Jahren dann das Urteil an dieser Stelle bekannt geben.

Verstörende Szenen beim Spiel Borussia Dortmund gegen RB Leipzig: Vor Anpfiff machten die Dortmunder Fans klar, was sie vom Rivalen hielten – mit geschmacklosen Transparenten. Doch dabei blieb es nicht.

3. Lehre: Auch im Fußball geht es um Stil

Das war offenbar selbst für den Verein und ihren Macher überraschend: Gleich in der ersten Bundesliga-Saison spielt RB Leipzig so einen erfolgreichen Fußball, dass sie an die Champions-League denken müssen.

Und Rangnick als stilsicherer Sportdirektor macht das natürlich. Erste Handlung auf dem Weg dorthin: einen neuen Anzug besorgen. Also einen zweiten: "Einen für die Liga, einen für Europa. Manche Vereine machen das bereits", sagte Sportdirektor Ralf Rangnick der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in der Print-Ausgabe.

Sieht ja auch komisch aus, wenn man in der Bundesliga am Wochenende und in der Champions League unter der Woche das gleiche trägt – außer natürlich bei den Fans, da gehört das dazu.

Wir wüssten auch schon, wo sich Rangnick einen solchen zweiten Anzug besorgen könnte: in Salzburg. Hat ja schon fast Tradition, der Austausch zwischen Salzburg und Leipzig – also in die eine Richtung.

4. Lehre: Hauptsache DAS wird nie zur Tradition

Apropos Tradition: Rangnick macht sich in dem gemeinsamen Interview mit RB-Fußball-Chef Oliver Mintzlaff in der "FAZ" auch darüber Gedanken – und verspricht, dass Leipzig noch lange dabei sein wird: 2030 werde RB "schon fast ein Traditionsverein sein. Bei Autos würde man sagen: ein Youngtimer."

Mintzlaff ergänzte scherzend: "Und wir würden uns aufregen, dass neue Investoren kommen und noch jüngere Klubs entstehen und uns Traditionalisten kaputtmachen."

Hoffentlich spielen sich dann bei einem Spiel zwischen Leipzig und einem jener jüngeren Investoren-Klubs nicht ähnliche Szenen ab wie am Wochenende in Dortmund.

Denn das sollte im Fußball niemals zur Tradition werden.