Die Coronakrise könnte dafür sorgen, dass Jadon Sancho über die Saison hinaus bei Borussia Dortmund bleibt. Der Flügelflitzer aus England hat sich in nur zweieinhalb Jahren zum teuersten und begehrtesten Spieler der Bundesliga entwickelt. Wer ihn kaufen will, muss 130 Millionen Euro bezahlen.

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Ganze 19 Engländer verschlug es in bisher 57 Jahren in die Bundesliga. Dies entspricht einem Anteil von 0,7 Prozent an allen fußballerischen Gastarbeitern seit dem Bundesligastart im Jahr 1963.

Zu Bundesliga-Stars wurden bislang nur vier Kicker aus England: Kevin Keegan (Hamburger SV) und Tony Woddcock (1. FC Köln), die beide als gestandene Nationalspieler in Deutschland anheuerten. Owen Hargreaves kam als 16-Jähriger zum FC Bayern München und wurde erst über die Bundesliga für die englische Premier League interessant. Gleiches gilt nun für Jadon Sancho bei Borussia Dortmund.

Jadon Sancho zeigt anderen englischen Talenten den Weg

Sancho könnte zum Trendsetter werden. Jahrzehntelang gab es für englische Fußballer weder sportlich noch finanziell besonderen Grund, ihre Heimat Richtung Bundesliga zu verlassen.

Seitdem es jedoch die Premier League gibt (seit 1992) und sich die oberste englische Spielklasse gerne mit den größten Stars des Fußball-Planeten schmückt, hat es der englische Nachwuchs dort zunehmend schwer, sich gegen die Stars aus der Fremde durchzusetzen.

Dazu kommt, dass die Bundesliga mit der einstmals sprichwörtlichen Stimmung in England längst mithält, sie nach Meinung englischer Fans mitunter sogar übertrifft.

Anhänger von der Insel begeben sich inzwischen gerne auf Bildungsreise durch die Bundesliga. Sie schätzen die vergleichsweise erschwinglichen Eintrittspreise und - vor Jahrzehnten noch undenkbar - auch die hiesige Atmosphäre.

Legendär ist diese in Dortmund. Die dortige Südtribüne, als "gelbe Wand" über die Grenzen hinaus bekannt, bevölkern rund 25.000 Menschen - wenn nicht gerade die Gefahr besteht, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

Davor wirbelt mit Sancho auf dem rechten Flügel eine der größten Hoffnungen des englischen Fußballs - und der mittlerweile teuerste Profi der Bundesliga.

Keine acht Millionen Euro Ablösesumme investierte der BVB im Sommer 2017 in das damals gerade 17-Jährigen. Zwei Jahre zuvor war Sancho aus Watford bei Manchester City gelandet. Aussicht auf Spielzeit hatte das Offensiv-Talent bei den exquisit besetzten Himmelblauen kaum.

In Dortmund gelang Sancho nach nur einem Jahr der Eingewöhnung in der vergangenen Saison der Sprung in die Stammmannschaft. Dank überragender Leistungen steht der Nationalspieler in den Notizbüchern der besten Vereine der Welt.

Durchbruch in der überragenden Saison 2018/19

2018/19 kam Sancho in allen 34 Bundesligaspielen zum Zug, erzielte einen "kicker"-Notenschnitt von 2,88, traf 12-mal ins Tor und legte 18-mal für seine Kollegen auf. Mehr Assists gelangen in der Spielzeit keinem Konkurrenten in der Bundesliga.

Nach Scorer-Punkten (Tore plus Vorlagen) übertraf nur Torschützenkönig Robert Lewandowski, wie Sancho einst Dortmunder, den Engländer - um vier Zähler.

Dass Sancho in den letzten Monaten so manche Eskapade und Undiszipliniertheit eingestreut hat, verwischt den glänzenden Gesamteindruck nicht. Denn auf dem Rasen liefert er nach wie vor Top-Leistungen ab.

Die Corona-Krise könnte dafür sorgen, dass Jadon Sancho über die Saison hinaus bei Borussia Dortmund bleibt. Der Flügelflitzer aus England hat sich in nur zweieinhalb Jahren zum teuersten und begehrtesten Spieler der Bundesliga entwickelt. Wer ihn kaufen will, muss 130 Millionen Euro bezahlen.

Schon 30 Scorer-Punkte in der Saison 2019/20

In der nach 25 Spieltagen unterbrochenen Spielzeit hat Sancho gegenüber Lewandowski in der Scorer-Wertung den Spieß mit 30:29 umgedreht.

Nicht mal Weltfußballer Lionel Messi, der Kapitän des FC Barcelona, kam mit Sanchos Elan mit. Erst am 9. Februar wurde Messi zum ersten Akteur in den fünf europäischen Top-Ligen (Deutschland, England, Spanien, Italien und Frankreich), der wie Sancho bei Toren und Vorlagen eine zweistellige Marke erreichte. Das war bei Sancho bereits am 18. Januar der Fall gewesen.

Sancho hat nach 23 Einsätzen schon zwei Bundesligatore mehr erzielt als im Vorjahr. Sein Notenschnitt beim "kicker" liegt praktisch auf dem Niveau der Spielzeit 2018/19: bei 2,93. Viermal stand er bereits in der Elf des Tages des Sportmagazins.

Und Sanchos 16 Torvorlagen in dieser Saison deuten darauf hin, dass auch hier der Vorjahreswert übertroffen würde - falls die Bundesliga-Saison regulär zu Ende ginge.

Bundesligaspieler des Monats Februar

Im Februar 2020 kürten die Deutsche Fußball-Liga und der Videospiel-Produzent EA Sports Sancho zum Bundesligaspieler des Monats.

Das für die Bundesliga mitunter abfällig benutzte Etikett der "Ausbildungsliga" wird im Fall Sancho zum Gütesiegel. Plötzlich hätte England den verlorenen Sohn gerne zurück.

Citys Stadtrivale Manchester United ist ebenso hinter Sancho her wie der FC Chelsea London. Dafür aber müssten beide Vereine über 122 Millionen Euro mehr in die Hand nehmen als einst Borussia Dortmund. Bei den Schwarz-Gelben steht Sancho noch bis zum 30. Juni 2022 unter Vertrag.

Sanchos Marktwert ist nach Einschätzung des Portals "transfermarkt.de" in der Bundesliga um satte 125 Millionen Euro in die Höhe geschnellt: von fünf Millionen Euro auf 130 Millionen Euro. Und das innerhalb von nur 69 Bundesligaspielen.

Lothar Matthäus: "Sancho würde zum FC Bayern passen"

Ex-Nationalspieler und Sky-Experte Lothar Matthäus brachte in seinem Podcast Sancho unlängst auch als Verstärkung beim FC Bayern München ins Gespräch: "Ich könnte mir Sancho beim FC Bayern ganz gut vorstellen, weil er über beide Seiten kommen kann. Er ist vielseitig einsetzbar."

Doch auch beim finanziell bestens aufgestellten Rekordmeister würde der Transfer Sanchos alles bisher Dagewesene sprengen. Und auch dem FC Bayern fehlen durch die momentane Corona-Zwangspause die Millionen aus der TV-Vermarktung.

Daraus folgt: Die Chancen von Borussia Dortmund, den als sicher geltenden Abgang Sanchos wenigestens hinauszuzögern, standen nie besser als heute. Gleichwohl schränkte der Sportdirektor des BVB, Michael Zorc, in der "Bild"-Zeitung ein: "Wir wissen weder mit Sicherheit, wann der Spielbetrieb fortgesetzt werden kann, noch wann wir wieder vor Zuschauern in den Stadien spielen werden. Deshalb empfinde ich es als sehr schwierig, gerade verlässliche Prognosen abzugeben - das betrifft auch die nächste Transferperiode."

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