Auffällig offensiv kommentieren die Vereinsbosse des FC Bayern Leistungen der Mannschaft von Carlo Ancelotti. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der Biograf des Italieners, Detlef Vetten, warum weder Uli Hoeneß noch Karl-Heinz Rummenigge diesen beeindrucken können - und warum Mats Hummels kein Lieblingsspieler des Trainers ist.

Herr Vetten, die Chefetage des FC Bayern äußert sich derzeit reichlich zu allen Themen rund um die Mannschaft. Das dürfte Trainer Carlo Ancelotti nicht gefallen, oder?

Detlef Vetten: So wie ich das beobachte, beeindruckt ihn das überhaupt nicht. Der Mann weiß, was er will. Er will im nächsten Jahr das Triple holen. Darunter macht er es nicht.

Dass die Bayern jetzt mal 0:4 verlieren, ist ihm ziemlich wurscht. Außer, dass es ihm stinkt, dass es gegen Italiener ging.

Ancelotti weiß: Die Jungs sind platt. Das kann er alles einschätzen, sowas hatte er dutzende Male. Und dass es in der Führungsetage zwei Hähne gibt, die gerade in den Käfig geworfen wurden, kennt er.

Er war immer bei Vereinen, die in der Chefetage kompliziert waren. Ob das ein Silvio Berlusconi beim AC Milan war oder sonst wer - Ancelotti ignoriert sowas. Er hat im Leben gelernt, dass er am Schluss der Sieger ist.

Franzose muss im Spiel gegen Inter Mailand vom Platz getragen werden.


Ancelotti lobt stets die Fußballaffinität von Präsident Uli Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge - damit er in Ruhe seiner Arbeit nachgehen kann?

Das hat er ganz smart gelernt. Ancelotti ist bodenständig, kommt aus der Provinz Reggio Emilia in Norditalien.

Schon in Rom hat er später perfektioniert, wie er mit der Öffentlichkeit umzugehen hat. Wer mit einem Berlusconi klarkommt, kommt auch mit drei Rummenigges klar.

Jüngst hat er mit James Rodriguez seinen Wunschspieler nach München geholt, obwohl der Kolumbianer die Position von Identifikationsfigur Thomas Müller streitig macht. Ein Punktsieg?

Müller hat letzte Saison nicht schlecht gespielt, ihm haben nur die Tore gefehlt. Er hatte die erste Delle in seiner Fußballerkarriere, deswegen mussten die Bayern handeln.

Dass Ancelotti Spieler holt, die er persönlich mag, zieht sich durch seine Laufbahn. Er ist gerne die Vaterfigur. Dann weiß er, dass intern nichts anbrennt, weil die Jungs ihn mögen.

Welches sind Spielertypen, die Ancelotti besonders mag? Ein Mats Hummels als intelligenter Spieler? Oder ein Franck Ribéry als, mit Verlaub, einfacherer Bursche?

Diese Frage geht genau ins Zentrum. Mit einem Hummels, vom Typ her, hat Ancelotti Probleme. Solche Charaktere befremden ihn ein wenig.

Ancelotti hat gerne Recht, isst am Abend gerne mal eine Pasta zu viel, mag es, wenn gelacht wird. Grübler dagegen versteht er nicht.

Erklären Sie uns das bitte genauer.

Er kommt ja aus einer Region, in der die Romanfiguren Peppone und Don Camillo gespielt haben. Und Ancelotti ist Don Camillo.

Heißt?

Don Camillo war der schlagfertige Pfarrer, der bei jeder Gelegenheit gegen den kommunistischen Bürgermeister angetreten ist.

Wenn es sein musste, hat dieser Pfarrer Handschuhe angezogen und geboxt. Don Camillo hat gern gegessen und die Menschen gemocht.

Er hat seine Gemeinde durch dick und dünn geführt. Selbst die Kritiker, die Kommunisten, sind am Ende zu Don Camillo gekommen, wenn sie Probleme hatten. Genauso tickt auch Ancelotti.

Darum schlug Stürmer James Rodríguez alleine in München auf.


Sprich, Typen wie Hummels sind gar nicht seins?

Ancelotti hat früher den Ball tausend Mal auf ein Garagentor geschossen. Dann konnte er besser schießen. Er hat nicht überlegt: Wie schieße ich besser?

Ancelotti ließ und lässt sich von Gefühlen leiten. Für ihn ist Fußball elf Monate im Jahr ein 24-Stunden-Geschäft. Er geht ins Bett, träumt vom Fußball, wacht auf, und denkt an Fußball.

Und dabei lässt er sich nicht verrückt machen. Einen Monat geht er dann immer in die kanadische Heimat seiner Frau, macht es sich mit ihr dort schön, geht angeln, kommt ausgeruht zurück.

Wenn ich Fotos von ihm anschaue, sehe ich einen erholten Ancelotti. Es ging ihm bei den Bayern vor einem halben Jahr erheblich schlechter.

Wie äußerte sich das?

Er war aufgedunsen. Ancelotti nimmt zu, wenn es ihm nicht gut geht. Er hat durch seine Sportlerkarriere Knieprobleme und muss sich zum Joggen zwingen.

Wenn er das nicht tut, nimmt er erheblich zu. Im Augenblick ist er wohl mit sich im Reinen. Er ist dann ein gelassener Mann, das strahlt auf die Mannschaft ab. Jetzt kann er auf den Genuss hinarbeiten, auf das Feiern.

Ein Spieler wie Ribéry passt ihm also umso mehr, trotz dessen Launen?

Ancelotti hat die Mannschaft und die Mannschaft drumherum im Griff. Wenn ein Ribéry seine Launen auslebt, bekommt Ancelotti das gut auf die Reihe.

Und wenn ein Robert Lewandowski sich in polnischen Medien darüber aufregt, er habe zu wenige Vorlagen bekommen - da fällt eher der Schiefe Turm von Pisa um, bevor Ancelotti sowas verunsichert.

Den Bogen gespannt: Sie haben gesagt, dass er es in der kommenden Saison nicht unter dem Triple macht. Woher nimmt Ancelotti diese Sicherheit?

Seine Karriere zeigt: Es muss immer noch eine Stufe höher sein. Das Feiern auf dem Rathausbalkon muss immer noch einen größeren Anlass haben.

Er baut sich Ziele behutsam auf. Er erarbeitet sich Erfolge auch nicht, er will diese einfach und bekommt sie dann auch.

Als er bei Bayern unterschrieb, wusste er: Ich will den Bayern nochmal das Triple holen. Aber, wenn man ehrlich ist, will er dieses vor allem für sich selbst.

Detlef Vetten, Jahrgang 1956, war Lokalchef bei der Münchner "Abendzeitung" und Sportchef beim Magazin "Stern". Vetten schreibt für "FAZ", "Welt am Sonntag", "SZ" und "Focus" sowie weitere deutsche Medien. Er ist einer der am häufigsten ausgezeichneten deutschen Sportjournalisten und gilt insbesondere als Kenner von Carlo Ancelotti. Im Mai 2016 erschien im riva-Verlag sein Buch "Carlo Ancelotti: Die Biografie" über den Trainer des FC Bayern.

Obwohl sich Juan Bernat auf der Asienreise des FC Bayern schwer verletzte, werden die Münchner keinen Ersatz für den Spanier holen. Mats Hummels lobt derweil Neuzugang Corentin Tolisso.