Der FC Bayern gerät nach seinem guten Start immer mehr ins Stocken. Die Gründe dafür sind auf mehreren Ebenen zu suchen - was die Sache für Trainer Carlo Ancelotti nicht leichter macht.

Philipp Lahm bekleidet beim FC Bayern gleich mehrere Posten. Er ist Kapitän und Alterspräsident, Außenminister und Verteidigungsminister und vor allen Dingen der Chefdiplomat unter den Profis. Bei Lahm klingen viele Statements gleich, egal ob es gegen Real Madrid geht oder die Paulaner Fan-Elf.

Wenn also einer wie Lahm eindringlich mahnende Sätze formuliert, dann lässt das durchaus aufhorchen. "Offensiv wie defensiv haben wir noch einiges aufzuarbeiten. Man sieht, dass wir noch nicht da sind, wo wir hin wollen", sagte Lahm nach dem enttäuschenden Remis gegen Köln am vergangenen Samstag. "Wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns."

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Es war das zweite Pflichtspiel in Folge ohne Sieg für die Bayern, was in München offenbar einer mittelschweren Katastrophe gleichkommt. Man muss aber nicht gleich in Panik verfallen, nur weil die Bayern gegen einen starken Gegner zu Hause nur 1:1 gespielt haben.

Und dennoch erweckt der Rekordmeister den Eindruck, als würden der Mannschaft - anders als in den Startphasen unter Pep Guardiola, als die Bayern nur so über die nationale und internationale Konkurrenz hinweg rollten - doch noch einige Probleme mehr das Leben schwer machen.

"Wir haben ein neues Trainerteam, unsere Spielweise hat sich verändert. Es ist ganz normal, dass unter einem neuen Trainer am Anfang nicht immer alles sofort funktioniert. Da muss sich alles erst einspielen", sagte Lahm und blieb dabei trotz Nachfrage schwammig in der Problembeschreibung.

Die Bayern spielen auf hohem Niveau, aber sie spielen nicht annähernd so perfekt wie in den letzten Jahren. Die Spiele gegen Schalke, Ingolstadt und Hamburg waren schon sehr eng, gegen Köln kam ein bisschen Pech im Abschluss dazu und deshalb auch die ersten Punktverluste.

Was manch einer voreilig hinausposaunt hatte nach dem 6:0 gegen nicht wettbewerbsfähige Bremer am ersten Spieltag, die Bayern würden von Carlo Ancelotti endlich von der Leine gelassen und befreit von den Fesseln des Pep-Fußballs, erweist sich derzeit als Boomerang.

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Probleme in Offensive und Defensive

Das Pass- und Positionsspiel ist fahrig und unsauber, die Besetzung der Zonen bei eigenem Ballbesitz nicht nach Plan vollzogen. Die Folgen sind Lücken und Geschwindigkeits- und Zeitverluste im Ballvortrag, das Spiel in die Spitze auf Robert Lewandowski stockt enorm. Ein weiteres Offensivproblem sind die Außenbahnen. Nur Franck Ribéry ist fit, Ajen Robben und Kingsley Coman sind nach Verletzungen erst frisch zurück und noch nicht bei einhundert Prozent, Douglas Costa fehlt weiter wegen einer Verletzung.

Den Bayern geht das Tempo auf den Flügeln ab, die Stärke in den vielen Eins-zu-Eins-Situationen gegen die tief stehenden Gegner, mit denen auch Situationen auf engem Raum aufzulösen sind. Auch hier ist eine Folge, dass die Angreifer dementsprechend wenig ins Spiel eingebunden sind in den Zonen, in denen sie für den Gegner gefährlich werden können.

Lewandowski ist in seinen letzten drei Pflichtspielen leer ausgegangen, Thomas Müller steht bei null Saisontoren. Die Treffer erzielen derzeit die Mittelfeld- oder Abwehrspieler. Lahm, Rafinha, Thiago (je eins), Xabi Alonso (zwei) und Joshua Kimmich (drei).

In der Defensive machen sich die veränderten Vorgaben auch bemerkbar. Die Bayern sind nicht mehr alternativlos auf die schnelle Rückeroberung nach einem Ballverlust aus. Es ist zu sehen, dass die Mannschaft in bestimmten Spielzonen lieber fällt und den Gegner allenfalls noch stellt. Das ist im Angriffspressing oder hohen Mittelfeldpressing kein Problem - in tieferen Zonen aber durchaus.

Da begleiten die Bayern ihre Gegner allenfalls, es wird kaum Druck auf den Ball ausgeübt. Köln nutzte das zu ruhigen, bedachten Spielzügen, "wir waren da in der zweiten Halbzeit nicht mehr griffig genug", sagte Kimmich. Eine Weltklassemannschaft wie Atlético einige Tage zuvor spielte die Bayern deshalb mit den vielen Rhythmuswechseln phasenweise an die Wand.

Entscheidende individuelle Fehler

Und wenn dann noch individuelle Fehler dazu kommen, wird es selbst für eine Mannschaft wie die Bayern schwer. Arturo Vidals Foul beim Elfmeter in Madrid erinnerte in seiner Fahrlässigkeit eher an Bezirksliga als an die Champions League.

Sein Verhalten beim Gegentor in Madrid erklärte Torhüter Manuel Neuer damit, dass er auf einen Pfostentreffer und damit einen zweiten Ball spekuliert habe und deshalb seine Arme beim Schuss von Yannick Carrasco nicht ausgestreckt habe, um danach schneller wieder aufstehen und den (möglichen) Abpraller parieren zu können.

Gegen Köln war Neuer nach Marcel Risses Flanke schon gefühlt auf dem Weg zum Balljungen hinter dem Tor, um einen schnellen Gegenangriff einzuleiten; zumindest aber auf dem Weg zum zweiten Pfosten. Dass Anthony Modeste den ambitioniert geschlagenen Ball noch erreichen könnte, hatte Neuer offenbar nicht auf dem Schirm und war dann bei seinem Abwehrversuch chancenlos. Das primäre Ziel der Torsicherung hat er zweimal in kurzer Folge außer Acht gelassen und wurde dafür zweimal gnadenlos bestraft.

Es sind derzeit ein paar Ungereimtheiten zu viel im Spiel der Bayern, sowohl individueller als auch mannschaftstaktischer Natur. Immerhin meinen es die Spielplaner gut mit den Münchenern: Nach dem machbaren Auswärtsspiel in Frankfurt haben die Bayern drei Heimspiele, gegen Eindhoven, die auswärtsschwachen Gladbacher und Augsburg. Das Duell gegen Borussia Dortmund steigt erst Mitte November. Da bleibt genug Zeit, um wieder richtig in Form zu kommen.