Beim FC Bayern kriselt es gewaltig. Während sich Experten streiten, inwieweit Carlo Ancelotti für die Unruhe verantwortlich ist, wird vor allem eines deutlich: Philipp Lahm fehlt an allen Ecken und Enden.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer, Freier Autor

Eine öffentliche Debatte um das Standing von Thomas Müller.

Ein Spiegel-Interview von Robert Lewandowski mit klarer Kritik an der Transferstrategie.

Eine 0:2-Niederlage gegen Hoffenheim in der Bundesliga.

Sich widersprechende Aussagen von Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß in der Bewertung des Lewandowski-Interviews.

Bayern-Trainer droht Kabinen-Revolte - Bericht über Rauswurf-Klausel.

Öffentliche Aussagen von Julian Nagelsmann zu einer möglichen Zukunft in München.

Ein spielerisch schwaches Spiel gegen den RSC Anderlecht. Ein Ausraster von Franck Ribéry nach seiner Auswechslung.

Die Bekanntgabe einer möglichen Ausstiegsklausel im Vertrag von Carlo Ancelotti im nächsten Sommer.

Das ist die grobe Zusammenfassung der vergangenen sieben Tage im nie langweiligen Kosmos des FC Bayern München.

FC Bayern ohne klare Linie

Der Verein wirkt in dieser frühen Saisonphase unruhig. Vielstimmig. Auf dem Platz und neben dem Platz ohne klare Linie.

Allzu leicht wird dies nun an Bayern-Trainer Carlo Ancelotti festgemacht.

Fraglos: Der Italiener hat es in den vergangenen gut 14 Monaten nicht geschafft, die Mannschaft taktisch weiterzuentwickeln. Mancher, der nah an der Mannschaft dran ist, sagt sogar, er hätte es noch nicht einmal versucht.

Beim FC Bayern brodelt es. Bekommt Salihamidzic die Situation in den Griff?

Über 100 Flanken in drei Spielen gegen Bremen, Hoffenheim und Anderlecht sind Ausdruck der spielerischen Einfallslosigkeit der Münchner zum Start der Saison. Das Gegenpressing wirkt fahrig, das Positionsspiel schlampig oder gar improvisiert. All das ist kritikwürdig. Sicher.

Was war von Ancelotti zu erwarten?

Doch so richtig überraschen kann dies eigentlich nicht.

Jeder wusste, worauf er sich bei Ancelotti einstellen konnte. Ein taktisch simples System, das den Spielern ohne allzu große Anforderungen Möglichkeiten gibt, ihre individuellen Stärken auszuspielen.

Ein Führungsstil, der mit ruhiger Hand und viel Wärme eine Mannschaft sanft in die richtigen Bahnen lenken soll. Alles in allem ein Gegenentwurf zu Vorgänger Pep Guardiola. So gab sich Ancelotti bereits in der Vorsaison - und trotzdem war die Mannschaft dort relativ erfolgreich.

Für kontroverse Interviews, kindische Szenen nach Auswechslungen undziemlich lustlose Auftritte wie gegen Anderlecht kann man dem Trainer sicher nicht allein die Schuld geben.

Lahm hinterlässt riesige Lücke

Etwas anderes wird in dieser Phase deutlich. Zum ersten Mal wird sichtbar, wie groß die Lücke ist, die der langjährige Bayern-Kapitän Philipp Lahm durch seinen Rücktritt im Sommer hinterlassen hat.

Nach Kritik von allen Seiten meldet sich der Franzose selbst zu Wort.

Weniger in seiner Funktion als Rechtsverteidiger. Joshua Kimmich hinterlässt dort einen konstant starken Eindruck.

Doch die momentane fehlende Disziplin und Professionalität auf und neben dem Platz ist durchaus mit der fehlenden Präsenz von Philipp Lahm zu verbinden.

Jeder, der eng mit ihm zusammengearbeitet hat, konnte über die jahrelang geführte Führungsspieler-Debatte nur den Kopf schütteln. Lahm brauchte nicht auf den Tisch hauen, um eine Mannschaft zu führen.

"Wenn Lahm 100 Spiele macht, waren davon 99 gut, sehr gut oder Weltklasse", oder "Philipp Lahm hatte in seiner gesamten Karriere noch nicht ein schlechtes Training." Das sind Sätze, die Mitspieler oder ehemalige Trainer über den langjährigen Bayern-Kapitän sagen.

Lahm verkörperte Professionalität

Lahm ging professionell voran. Jeden Tag. Zunächst lange mit Bastian Schweinsteiger zusammen. Später gemeinsam mit Xabi Alonso. So etwas diszipliniert. So etwas hält Strukturen zusammen. Hier fehlt Lahm spürbar.

Es wird spannend zu beobachten, wer in den kommenden Wochen bereit ist, stärker in diese Rolle hineinzuwachsen. Auf dem Platz, aber auch daneben. Kandidaten gibt es genug. Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng, Thiago, Müller, Robben, Lewandowski.

Alles hochdekorierte, erfahrene Sportler, die voran gehen können und müssen. Durch professionale Arbeit, durch größeren Aufwand und im Zweifel auch durch das Herantreten an das Trainerteam mit dem Wunsch, stärker an den Automatismen im Spiel zu arbeiten.

Vor allem Robben, der mit den klarsten Aussagen zum Steigerungsbedarf der Mannschaft nach dem Anderlecht-Spiel auffiel, ist hier zu nennen. Gleiches gilt für Hummels. Und zumindest auf dem Platz auch für Thomas Müller. Wenn er denn spielt.

Jubel, Zweikämpfe, Emotionen: Diese Aufnahmen bleiben im Gedächtnis.

Auch die Bayern-Verantwortlichen sind gut beraten, nun zu allererst die Mannschaft in die Pflicht zu nehmen. Sie sollten nicht zulassen, dass Ancelotti nach und nach zum Punchingball wird, auf den sich vieles fokussiert.

Denn das wird dann schnell zu einer gern genommenen Ausrede für die Spieler.

Die Bayern wussten, was sie bekommen, als sie ihn verpflichtet haben. Nun muss es darum gehen, daraus das Optimum zu machen. Ohne Störgeräusche, dafür mit mehr Professionalität und Präzision auf und neben dem Platz. So würde es jedenfalls Philipp Lahm angehen.