Mario Götzes merkwürdiger Rückzieher und die unverhohlene Replik Karl-Heinz Rummenigges lassen nichts Gutes erahnen für den weiteren Karriereverlauf des verhinderten Weltstars. Götze hat sich zwischen alle Stühle manövriert, er schadet damit nicht nur sich selbst, sondern auch dem FC Bayern.

Langsam ist der Punkt erreicht, an dem sich auch betont sachliche Beobachter die Frage stellen: "Wie konnte es nur so weit kommen?"

Er ist gewiss immer noch einer der talentiertesten Offensivspieler des Landes. Mario Götze hatte sich vor zwei Jahren unsterblich gemacht mit seinem Treffer im Finale von Rio. Er durfte unter dem vermeintlich besten Trainer der Welt lernen, mit den besten Spielern der Welt trainieren - und spielen.

Die Verwirrung um Mario Götze wird immer größer: Der Spieler will beim FC Bayern bleiben. Das sagte er Anfang der Woche. FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge ist davon irritiert und legt Götze dennoch einen Wechsel nahe. Offenbar war ein Transfer zum FC Liverpool schon längst beschlossene Sache.

Alles war darauf ausgerichtet, aus Mario Götze einen Weltstar zu machen. Einen Spieler der 1A-Kategorie, in der sich Leo Messi oder Cristiano Ronaldo tummeln. Jetzt hat sich Mario Götze selbst zum Spielball öffentlicher Debatten gemacht, die nichts Gutes erahnen lassen für den Verlauf seiner weiteren Karriere.

Der Spieler ist beim FC Bayern München nicht mehr erwünscht, das haben der neue Trainer Carlo Ancelotti und zuletzt auch Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge durchklingen lassen.

Die Macher aus München haben sich dabei erst gar nicht bemüht, die Dinge - wie sonst oft üblich - diplomatisch geschickt zu verpacken. Sie haben Götze die Ausgangstür gezeigt, mit der klaren Aufforderung, diese doch bitte im Sommer auch zu benutzen.

Was will Mario Götze?

Warum Götze neulich wie ein Trotzkopf seinen Verbleib in München andeutete und sich "auf die neue Saison freue und alles daran setzen werde, bei meinem ersten Training unter Carlo Ancelotti topfit anzutreten", kann niemand so richtig nachvollziehen.

Rummenigges Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten und die Tatsache, dass sich Götze und seine Beratungsagentur "Sportstotal" in der Zwischenzeit getrennt haben, lässt nur einen Schluss zu: dass der Spieler nun zwischen den Stühlen sitzt.

Will Mario Götze tatsächlich in München bleiben - auch auf die Gefahr hin, sogar in die U23 versetzt zu werden, in die Regionalliga Bayern?

Will er den Klub jetzt ein bisschen ärgern, nachdem dieser ihn, nach eigenem Bekunden, in den schweren drei Jahren nicht immer ausreichend geschützt und unterstützt habe?

Will er erwachsener wirken, jetzt, wo er sich der Rundumversorgung durch seine Berater entledigt hat?

Es gibt viele Fragen, aber kaum handfeste Antworten darauf.

In Bayerns Kader jedenfalls ist wenig Platz. Auf den Flügeln bringen Franck Ribéry, Arjen Robben, Douglas Costa und Kingsley Coman jene Geschwindigkeit ins Spiel, die Götze schlicht fehlt.

Und im Zentrum stehen Thomas Müller und Robert Lewandowski außerhalb jeglicher Diskussionen. Götze hat sich als Spezialwaffe für bestimmte Momente erwiesen. Aber zum Prinzip von Spezialwaffen gehört auch, dass sie eben nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen.

Das Hickhack macht den Preis kaputt

Die Bayern haben dereinst 37 Millionen Euro nach Dortmund überwiesen, Götze soll in München rund zwölf Millionen Euro pro Jahr verdienen.

Selbst die finanziell überragend aufgestellten Bayern würden einen derart kostspieligen Ergänzungsspieler gerne von der Gehaltsliste streichen und, falls möglich, noch ein paar Euro an Ablösesumme kassieren. Götzes Vertrag endet in einem Jahr, dann würde der Rekordmeister von den ehemals investierten Millionen keinen Cent mehr sehen.

Rummenigges schroffen Worten war zu entnehmen, dass die Bayern um einen stattlichen Betrag bangen, der ihnen durch die Lappen gehen könnte. Der FC Liverpool soll 20 Millionen geboten haben - das sind mindestens zehn Millionen weniger, als die Bayern ursprünglich im Kopf hatten.

Angeblich seien die Verhandlungen mit den "Reds" auch schon weit fortgeschritten gewesen, Götzes Berater drängte auf einen Wechsel in diesem Sommer. Wie sich Liverpools Verantwortliche um Götzes Ex-Coach Jürgen Klopp jetzt fühlen müssen, kann man sich denken.

Aber auch die Bayern stehen jetzt dumm da. Unter Uli Hoeneß wurde kein Spieler weggeschickt, der noch einen gültigen Vertrag hatte und beim FC Bayern bleiben wollte. Selbst schwer verletzte Profis beließ Hoeneß im Klub. Das strahlte Wärme aus und Verlässlichkeit, ein gelebtes "Mia san Mia". Derzeit kommen die Bayern mit Rummenigge an der Spitze eher unterkühlt daher. Alte Prinzipien gelten nicht mehr.

Mario Götze setzt auf die Karte EM

Götzes Klammerreflex hat etwas Verzweifeltes. Seine Karriere ist längst ins Stocken geraten, in den letzten Monaten sorgte er durch allerhand zweifelhaften PR-Schnickschnack für mehr Aufsehen in den sozialen Medien als auf dem Fußballplatz.

Spielplan zur EM 2016 zum Ausdrucken

Er wolle den Kopf frei haben für die Europameisterschaft, hat er angedeutet. Deshalb die klaren Worte, die in den Ohren anderer doch nur aufmüpfig klingen. Oder wie das Pfeifen im Walde.

Die EM in Frankreich geht er nicht als freier Geist an, sondern als Getriebener. Der Fokus ist jetzt noch mehr auf ihn gerichtet. Dass er mit Druck umgehen kann, hat Mario Götze bewiesen. Aber die aktuelle Situation ist anders, existenzieller.

Wenn er sich empfehlen will für andere Klubs der Topkategorie, die im Gegensatz zum FC Liverpool in der kommenden Saison auch international spielen werden, muss er auf sich aufmerksam machen.

Aber dafür muss er auch zum Einsatz kommen. Joachim Löw wird vorbehaltlos mit der vertrackten Situation umgehen. Aber er wird im Zweifel keinerlei Rücksicht nehmen auf Einzelschicksale.

Beim letzten großen Turnier wollte er Götze nur als Ergänzungsspieler nutzen. Das wird in diesem Sommer nicht reichen, um sich aus der Umklammerung zu befreien, in die sich Götze selbst manövriert hat - selbst wenn er am Ende wieder eine entscheidende Aktion hat.

In der Gegenwart sind vergangene Momente allein einfach zu wenig, um in eine große Zukunft blicken zu dürfen.