Bundesliga-Tabellenführer RB Leipzig will seine Siegesserie am Freitag (20:30 Uhr) beim SC Freiburg fortsetzen. RB-Blogger Matthias Kießling bezweifelt, dass der umstrittene Aufsteiger zum Titel durchmarschiert. Im Interview erklärt er das Erfolgsgeheimnis der Leipziger und warum Bayern-Fans mit dem Emporkömmling eher warm werden könnten als BVB-Anhänger.

Herr Kießling, RB Leipzig stand nach dem 11. Spieltag erstmals an der Bundesliga-Spitze. Was denken Sie beim Blick auf die Tabelle?

Matthias Kießling: Das ist der Wahnsinn, das ist völlig unerwartet. Leverkusen elf Punkte zurück, Dortmund sechs Punkte zurück. Da fragt man sich: Was ist da falsch?

Sie können es noch gar nicht richtig glauben?

Genau. RB kommt aus der Regionalliga, egal was da für Geld dahinter steckt. Das ist eine sehr junge Mannschaft, in der die meisten noch nicht Bundesliga gespielt haben. Es ist einfach nicht zu fassen, dass es so gut läuft.

Wer freut sich mehr: ein Bayern-Fan, weil RB vor dem BVB steht oder ein Dortmund-Fan, weil der FC Bayern nur Zweiter ist?

Der durchschnittliche Dortmund-Anhänger freut sich sicher nicht, dass ein Konkurrent dazu gekommen ist, aber er sagt auch nicht: Da kommt der Untergang des Fußballs.

Und die Bayern-Fans?

Die sagen schon eher: Ach cool, dass da mal eine neue Mannschaft da ist, die uns etwas ärgert; da wird es etwas spannender. Die Bayern waren ja jetzt vier Jahre in Folge Meister. Die freuen sich vielleicht sogar insgeheim über etwas mehr Wettbewerb.

Was machen die Sachsen aktuell besser als die Konkurrenz?

Ich kann es noch nicht so richtig einschätzen. Sie haben ja alle Punkte verdient geholt, fast noch zu wenig geholt, wenn ich an die Unentschieden in Mönchengladbach und Köln denke. Die Laufstärke ist auf jeden Fall ein Punkt, mit dem viele Gegner nicht zurecht kommen. Sie haben einen klaren Plan und den setzen sie perfekt um. Jeder weiß, was er zu machen hat. Das System funktioniert extrem gut.

Der Verdienst von Trainer Ralph Hasenhüttl?

Eindeutig. Das ist ein absoluter Trainer-Erfolg. Hasenhüttl hat die Arbeit von Ralf Rangnick sehr gut weitergeführt - und die Defensivabsicherung deutlich verbessert. RB lässt mit Abstand die wenigsten Großchancen der Liga zu. Auch beim Gegenpressing gibt es eine bessere Balance, das ist nicht mehr so wild wie letztes Jahr.

Vor der Saison haben Sie gesagt, alles was über Platz 10 oder 9 hinausgeht wäre eine Überraschung. Gilt das noch?

Nein. Europa League ist jetzt sicherlich das Ziel, auch intern. Das bestätigt auch die Statistik, weil die Tabelle nach zehn, elf Spieltagen schon sehr aussagekräftig ist. Es gab noch keine Mannschaft, die zum jetzigen Zeitpunkt so viele Punkte wie RB hatte und dann nicht europäisch gespielt hat.

Könnte der Aufsteiger sogar Meister werden?

Das ist immer noch extrem unrealistisch. Da gibt es doch Mannschaften, die auf die lange Strecke besser aufgestellt sind.

Wer von den RB-Profis hat Sie überrascht?

Überrascht würde ich nicht sagen, denn Naby Keita hat man vor der Saison schon sehr stark eingeschätzt. Der hat den Kader auf ein neues Niveau gehoben. Keita hat in der ganzen Bundesliga die meisten Verteidiger überspielt. Der macht manchmal Sachen, da denke ich nur: "Wow!". Und vielleicht noch Timo Werner, der seine klar definierte Rolle als Konterstürmer perfekt ausfüllt und schon fünf Tore geschossen hat.

Philipp Köster vom "11 Freunde"-Magazin meint, man dürfe RB wegen des finanziellen Hintergrundes durch den Red-Bull-Konzern nicht als "krassen Außenseiter" betiteln. Hat er recht?

Klar, RB ist kein normaler Aufsteiger wie Darmstadt, Ingolstadt oder Freiburg. Sie haben schon einen Kader, der von den Kosten her ein gutes mittleres Niveau besitzt, etwa wie beim HSV. Das heißt aber auch: Der Trainer holt aus dem Kader mehr raus als ihm zur Verfügung steht. Aber ja: RB Leipzig ist sicher nicht der größte Underdog der Bundesligageschichte, aber immer noch ein recht großer Underdog.

Die Beliebtheit des Klubs nimmt weiter zu, wie Umfragen zeigen. Nehmen gleichzeitig auch Abneigung und Hass ab?

Schwer zu sagen, wie hoch das Abneigungsniveau aktuell ist. RB sagt ja immer: Es ist alles gar nicht mehr so schlimm, es war alles viel schlimmer. Die Kernfanszenen ticken jedenfalls noch wie früher, siehe die Farbbeutelattacke in Leverkusen oder die Busblockade in Köln. Die sehen RB immer noch als das schlimmste Phänomen im deutschen Fußball. Aber durch die größere Öffentlichkeit in der ersten Liga gibt es schon mehr normale Fans, die jetzt mit dem Klub in Berührung kommen und kein Problem haben.

Macht Erfolg doch sexy?

Die guten Leistungen lassen schon einige Kritiker verstummen. Oder die sagen: Man kann das Projekt problematisch finden, aber sie spielen super Fußball.

In Leipzig selbst gibt es mit dem 1. FC Lok (Regionalliga) und Chemie (Oberliga) zwei Traditionsvereine mit einer Anhängerschaft, die RB Leipzig in tiefer Abneigung verbunden ist. Wird Leipzig jemals RB-Stadt werden?

Sie ist es ja im Grunde schon. Hier sind durch die Bundesliga auch neue Fans dazugekommen, die mit der Vereinsstruktur vielleicht nicht extrem warm sind, aber trotzdem mitfiebern. Die beiden Kernfangruppen der anderen Klubs haben sich ja nicht weiter vergrößert. Der Großteil von Leipzig ist RB-Stadt, ganz klar. Im Umland sind die Sympathien wahrscheinlich noch größer.

Was ist Freitagabend gegen Freiburg drin?

Das ist vielleicht so ein Spiel, wo man sagen könnte: ausgerechnet da, ausgerechnet beim Mitaufsteiger die erste Niederlage. Freiburg spielt schnell, aggressiv, es tut richtig weh dort. Mit einem Unentschieden könnte ich schon sehr gut leben.

Zur Person: Matthias Kießling (42) schreibt seit 2010 als "Rotebrauseblogger" über RB Leipzig.