Wieder einmal waren das Handspiel und der Videobeweis die Aufregerthemen des Spieltags: in Stuttgart, in Schalke, in Wolfsburg. Nach Einschätzung des DFB lief dabei alles korrekt ab. Trotzdem bleiben viele Entscheidungen für Außenstehende unklar.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Selbst Felix Brych, seit vielen Jahren die Nummer eins unter den deutschen Schiedsrichtern, fällt es nicht leicht zu entscheiden, wann ein Handspiel strafbar ist. "In meiner Karriere ist bestimmt fünfmal die Auslegung verändert worden", sagte er in einem Interview mit der Zeitschrift "11 Freunde".

Die Grenzen seien fließend, doch es gebe immerhin eine Faustregel: "Je weiter der Arm vom Körper weg ist, umso mehr ist es Handspiel." Aber ganz genau werde man das nie festlegen können.

Diese Faustregel spielte am 22. Spieltag der Fußball-Bundesliga wieder eine große Rolle, etwa in der Partie zwischen dem VfB Stuttgart und RB Leipzig (1:3). Nach 13 Minuten köpfte Mario Gomez den Ball nach einer Flanke im Leipziger Strafraum aus kurzer Distanz an den ausgestreckten Arm von Willi Orban.

Referee Felix Zwayer ließ weiterspielen, schaute sich in der nächsten Unterbrechung die Szene auf Anraten seines Video-Assistenten jedoch noch einmal in der Review Area an. Als er auf den Platz zurückkehrte, entschied er auf Strafstoß für die Gastgeber.

Warum Orbans Handspiel strafbar war

Das überraschte viele und warf zwei Fragen auf. Erstens: Hatte der Helfer in Köln überhaupt eine Veranlassung einzugreifen? Ja, sagt Lutz Michael Fröhlich, Sportlicher Leiter der Elite-Schiedsrichter beim DFB.

Denn Zwayer sei die Sicht verdeckt gewesen, weshalb er das Handspiel nicht habe erfassen und bewerten können. Da hier in Betracht kam, dass ein schwerwiegender Vorfall übersehen wurde, habe der Video-Assistent zu Recht ein On-Field-Review empfohlen.

Zweitens: War das Handspiel tatsächlich strafbar? Auch das bejaht Fröhlich: "Beim Sprung zum Ball hat der Leipziger Spieler Orban die Arme weit vom Körper abgespreizt und wehrt den Ball mit dem rechten Arm ab." Strafstoß sei deshalb die richtige Entscheidung gewesen.

Man kann leidenschaftlich darüber streiten, ob Orban wirklich regelwidrig den Ball aufhalten wollte oder ob seine Armhaltung nicht eher Bestandteil einer natürlichen Sprungbewegung war.

Aber da sind die Referees schon seit einer Weile strikt und sollen es auch sein: Wer mit ausgestrecktem oder abgewinkeltem Arm den Ball berührt, wird mit einem Elfmeter bestraft. Und wenn ein Schiedsrichter einmal anders entscheidet -wie vor zwei Wochen beim Handspiel von Mats Hummels in Leverkusen -, dann wird das als Fehler verbucht.

Weshalb der Elfmeter für Freiburg zurückgenommen wurde

Auch in der Begegnung zwischen dem FC Schalke 04 und dem SC Freiburg (0:0) griff der Video-Assistent bei einer Entscheidung ein, die mit einem Handspiel zusammenhing. Nur lag der Fall hier anders als in Stuttgart.

Schiedsrichter Frank Willenborg hatte in der 81. Minute auf Elfmeter für die Gäste entschieden, nachdem der grätschende Omar Mascarell eine Hereingabe mit dem Arm abgeblockt hatte.

Doch nach Rücksprache mit der Videozentrale in Köln und einem Review an der Seitenlinie nahm der Unparteiische den Handelfmeter zurück. Laut Lutz Michael Fröhlich zu Recht, denn Mascarell habe "bei seinem Abwehrversuch die Arme sehr nahe am Körper angewinkelt" und "keinesfalls abgespreizt".

Dennoch stellte sich auch hier die Frage: War der Eingriff des Video-Assistenten zwingend erforderlich? Ja, erklärt Fröhlich, weil die Entscheidung auf einer falschen Wahrnehmung beruht habe: "Der Schiedsrichter hat zunächst auf Strafstoß entschieden, weil er den Arm als vom Körper abgespreizt wahrgenommen hat."

In der Kommunikation mit dem Video-Assistenten habe der Schiedsrichter "von einer Abwehr mit dem oberen Arm" gesprochen. Diese Wahrnehmung decke sich nicht mit den TV-Bildern. Daher sei es richtig gewesen, ein On-Field-Review zu empfehlen.

Fröhlich zu Küblers Handspiel: "Situation im Grenzbereich"

Das heißt: Ob eine Entscheidung als vertretbar oder als klar falsch einzuschätzen ist, hängt wesentlich davon ab, wie der Schiedsrichter sie gegenüber dem Video-Assistenten begründet. Und weniger davon, wie sie ungeachtet dieser Begründung zu beurteilen ist. Für die Zuschauer kann das verwirrend sein, weil sie die Kommunikation nicht kennen.

Bereits nach einer halben Stunde hatte Willenborg ein kniffliges Handspiel zu bewerten, als der Freiburger Lukas Kübler den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand aufhielt. Der Referee ließ weiterspielen, sein Video-Assistent hatte keine Einwände.

Auch das sei in Ordnung gewesen, sagt Fröhlich: "Kübler ist in einer Drehbewegung. Die Arme dieses Spielers sind hier schon leicht abgewinkelt, aber das Bewegtbild wiederum spricht eher für eine unabsichtliche Haltung."

Es handle sich um eine "Situation im Grenzbereich", bei der "die Entscheidung des Schiedsrichters auf dem Feld durch den Video-Assistenten nicht infrage gestellt werden" solle.

Korrekte Entscheidungen in Wolfsburg

Im Spiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem 1. FSV Mainz 05 (3:0) gab es für Schiedsrichter Benjamin Cortus ebenfalls zwei Handspielszenen im Strafraum zu beurteilen.

Nach 26 Minuten lenkte der Mainzer Moussa Niakhaté den Ball bei einem Torschuss mit dem Arm ab, in der 69. Minute nahm sein Mitspieler Jean-Philippe Gbamin die Kugel im Zweikampf deutlich mit dem Arm mit.

In beiden Fällen ließ der Unparteiische weiterspielen - im ersten Fall zu Recht, "denn die Arme des Mainzer Spielers Niakhaté sind sehr nahe am Körper und schwingen ohne Spannung nach hinten", wie Fröhlich urteilt.

Im anderen Fall war Cortus die Sicht verdeckt, weshalb der Video-Assistent intervenierte, was angesichts der eindeutig aktiven Bewegung von Gbamin mit der Hand zum Ball zweifellos korrekt war. Nach einem kurzen Review entschied der Referee berechtigterweise auf Strafstoß für die Gastgeber.

Projektleiter Drees: Keine Alternative zum derzeitigen Vorgehen

Beim DFB beurteilt man also sämtliche Handspielauslegungen und Eingriffe der Video-Assistenten als richtig. Spieler, Trainer, Fans und Medien dagegen beklagen, weder beim einen noch bei anderen durchzublicken.

Jochen Drees, der Projektleiter für die Video-Assistenten beim DFB, kann den Unmut beim Handspiel zwar nachvollziehen, sieht aber keine Alternative zum derzeitigen Vorgehen.

"Die Schwierigkeit ist, dass wir das Thema Handspiel sehr fachlich sehen, da kann man nicht alle mitnehmen", sagte er gegenüber dem "Kicker". "Aber gibt es bessere, für jeden Einzelnen nachvollziehbare Kriterien, zu entscheiden, ob ein Handspiel strafwürdig ist oder nicht?"

Die gäbe es wohl nur dann, wenn das Handspiel eine Schwarz-Weiß-Entscheidung wäre. Das heißt: Wenn ausnahmslos jeder Kontakt der Hand oder des Armes mit dem Ball geahndet werden würde, auch ein vollkommen unbeabsichtigter.

Dann aber würden die Spieler wohl versuchen, die oberen Extremitäten ihrer Gegner gezielt anzuschießen, um Freistöße und Strafstöße herauszuholen. Eine absurde Vorstellung - und keinesfalls besser als die jetzige Regelung, so unbefriedigend sie manchmal auch sein mag.

Verwendete Quellen:

  • Homepage des DFB: "Fröhlich: Vier korrekte Entscheidungen, eine im Grenzbereich"
  • 11freunde.de: Felix Brych im Interview: "Das ist eine Höllenentscheidung"
  • Interview mit Jochen Drees in der Printausgabe des "Kicker"
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