Fast fünf Minuten braucht der Video-Assistent in Augsburg für die Überprüfung einer Entscheidung. In Frankfurt läuft das Spiel nach einem Handspiel noch rund eine Minute weiter, bis er einschreitet. Das ist zwar unbefriedigend, aber auch die Ausnahme. Außerdem gibt es dafür nachvollziehbare Gründe.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Als Schiedsrichter Tobias Welz in der Partie des FC Augsburg gegen RB Leipzig (0:0) in der zehnten Minute einen Elfmeter für die Gäste gab und sich anschließend sein Video-Assistent Markus Schmidt zu Wort meldete, wurde die Geduld von Spielern, Trainern und Zuschauern arg strapaziert.

Denn genau vier Minuten und 50 Sekunden vergingen zwischen dem Strafstoßpfiff und der Fortsetzung des Spiels. Alle waren sich einig: Das hat zu lange gedauert. Aber warum war das so? Die Antwort ist: weil ungewöhnlich viel zusammenkam und die Entscheidungsfindung außerdem kompliziert war.

Doch der Reihe nach. Zunächst schaute sich Referee Welz am Spielfeldrand auf Anraten des Video-Assistenten noch einmal den Zweikampf zwischen dem Augsburger Jeffrey Gouweleeuw und Timo Werner an, der zur Elfmeterentscheidung geführt hatte.

Klar ist: Der Kontakt war nicht sehr stark und der Leipziger ziemlich leicht zu Boden gegangen. Hier musste man also nicht zwingend pfeifen. Doch für den Video-Assistenten lautete die Frage umgekehrt, nämlich: War es ein klarer und offensichtlicher Fehler, den Elfmeter zu geben?

Das konnte man ebenfalls verneinen, zumal Gouweleeuw den Ball nicht spielte. Und so blieb Tobias Welz nach Begutachtung der Bilder bei seinem Entschluss. Da waren seit dem Pfiff mehr als zwei Minuten vergangen.

Verzweifelte Suche nach der richtigen Kameraeinstellung

Doch die Überprüfung war noch nicht abgeschlossen: Nun schaute der Video-Assistent nach, ob es während des Angriffs, der zum Strafstoß führte, eine vom Schiedsrichter-Assistenten übersehene Abseitsstellung von Jean-Kevin Augustin gab. Dieser war nach einem Befreiungsschlag von Nordi Mukiele zum Ball gegangen.

Ein solcher Check geht in der Regel schnell über die Bühne. In diesem Fall aber lagen die Dinge anders, wie Welz nach der Partie erläuterte: „Es war verdammt schwierig, die richtige Kameraeinstellung zu finden. Da haben die Kollegen in Köln mitgeteilt, dass sie einfach Zeit brauchen.“

Denn wie sich herausstellte, hatte keine der Hauptkameras, mit denen sich ein mögliches Abseits normalerweise schnell aufklären lässt, den entscheidenden Moment eingefangen. Erst eine vom Video-Assistenten sehr selten benötigte Kameraperspektive, die aus der Diagonalen das Stadionpanorama abbildet, zeigte Augustins Abseitsstellung.

Am Ende hätten Schmidt und dessen Helfer „einfach sehr gut gearbeitet und auf Sicherheit vor Schnelligkeit gesetzt“, befand Tobias Welz. „Sie haben akribisch gesucht, deswegen hat es auch so lange gedauert.“

Bodzeks Handspiel blieb weitgehend unbemerkt

Genau hingesehen hatte auch Frank Willenborg, der Video-Assistent von Schiedsrichter Deniz Aytekin im Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und Fortuna Düsseldorf (7:1).

Nur wenige werden nach 17 Minuten das Handspiel von Adam Bodzek im Strafraum der Gäste mitbekommen haben. Denn der Düsseldorfer Kapitän war zwar mit erhobenem Arm in eine Hereingabe gesprungen, hatte den Ball jedoch nur leicht berührt und dessen Flugbahn deshalb bloß minimal verändert.

Aytekin hatte davon nichts mitbekommen, weshalb Willenborg ihm nach dem Abschluss seiner Überprüfung empfahl, sich die Szene in der Review Area noch einmal anzusehen. Das Spiel war in der Zwischenzeit weitergelaufen.

Deshalb war die Verwunderung groß, als der Referee aufs Feld zurückkehrte und einen Strafstoß gab. Wie in Augsburg hatte auch diese Entscheidung eine Zeitlang gedauert, war aber ebenfalls vollkommen richtig.

Dass sie dennoch für Unmut sorgte, macht ein grundsätzliches Problem deutlich: Wenn der Ball nach einer Situation, die vom Video-Assistenten überprüft werden kann, erst einmal im Spiel bleibt, führt das häufig zu Irritationen.

Denn anders als in einer Spielunterbrechung kann der Schiedsrichter dann nicht anzeigen, dass eine Prüfung stattfindet und die Spieler deshalb Geduld haben sollen. Es entsteht daher bei vielen der Eindruck, dass die getroffene Entscheidung in jedem Fall bestehen bleibt, auch wenn das gar nicht stimmt.

Was hätte Aytekin tun sollen?

Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Wenn der Video-Assistent schließlich die Notwendigkeit eines Eingriffs sieht und dies dem Unparteiischen mitteilt, dann stellt sich für diesen die Frage, wie er vorgehen soll.

Dabei hat er zwei Möglichkeiten: Entweder er wartet bis zur nächsten Spielruhe. Oder er unterbricht die Partie, wobei der Ball sich in diesem Fall möglichst in einem neutralen Bereich des Spielfeldes befinden soll, zum Beispiel im Mittelfeld.

Manchmal ergibt sich allerdings weder die eine noch die andere Option. So war es auch in Frankfurt: Direkt nach dem Handspiel stürmten die Düsseldorfer auf das Tor der Eintracht zu. Als sie gestoppt waren, ging es flugs in die Gegenrichtung, wo Luka Jović eine Riesenchance hatte, den Ball aber am Tor vorbeischoss.

Erst jetzt, nach einer Minute, kam es zum On-Field-Review. Das fanden viele sehr spät – aber was hätte Aytekin tun sollen? Den Düsseldorfer Angriff unterbrechen? Für den Fall, dass er anderer Meinung als Willenborg gewesen wäre, hätte das die Gäste erbost.

Den Frankfurter Angriff unterbrechen? Dazu gab es erst recht keinen Grund. Denn wenn Jović getroffen hätte, wäre das Review überflüssig gewesen – schließlich kann bei einem Elfmeter auch nicht mehr herauskommen als ein Tor.

Die Transparenz ist immer noch verbesserungswürdig

Die Eingriffe der Video-Assistenten in Augsburg und Frankfurt haben noch einmal für aufgeregte Debatten über den Videobeweis gesorgt. Und das, obwohl in beiden Situationen, bei denen die Entscheidungsfindung und das Entscheidungsmanagement anspruchsvoll waren, am Ende die richtigen Maßnahmen getroffen wurden.

Doch da die Klärung dieser Fälle auch viel Zeit in Anspruch nahm, wurde Kritik laut. Diese Ungeduld ist manchmal anstrengend. Allerdings hatten die Kritiker am Wochenende in einem Punkt auch recht: Die Transparenz in den Stadien ist weiterhin alles andere als optimal.

Wenn der Schiedsrichter eine Entscheidung ändert, will das Publikum zumindest nicht im Unklaren gelassen werden, warum er das tut. Die erklärenden Einblendungen auf den Anzeigetafeln in den Arenen, die vor der Saison versprochen wurden, sind aber nicht immer zu sehen.

Noch weiter weg ist man von bewegten Bildern, wie sie bei der Weltmeisterschaft gezeigt wurden. Dieser Missstand muss schnellstens behoben werden.

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