Der Kracher gegen Paris Saint-Germain wird für den FC Bayern zu einer Partie mit Symbolcharakter: Können die Münchener mit den neureichen Schwergewichten des europäischen Fußballs weiter mithalten - oder gibt es eine schmerzhafte Offenbarung?

Am Anfang steht eine zehnstellige Zahl. Rund 1.120.000.000 Euro haben die katarischen Eigner in sechs Jahren in Paris Saint-Germain gebuttert, zusammen mit dem Kaufpreis von rund 130 Millionen Euro macht das dann in Summe 1,25 Milliarden Euro.

Beendet die Katar-WM den PSG-Spuk?

Selbst die spendablen Gönner von Manchester City heben da wohl bewundernd die Augenbraue. Niemals zuvor wurde im Fußball so viel Geld in so kurzer Zeit in ein Projekt gesteckt, das Kritiker auf den Plan ruft und Romantiker auf die Barrikaden gehen lässt.

Einige von ihnen hegen die leise Hoffnung, dass der Spuk in Paris in ein paar Jahren schon wieder vorbei sein könnte. Wenn nämlich die Weltmeisterschaft in Katar gespielt ist und die Scheichs kein Vehikel mehr brauchen, um Werbung zu machen für eine Veranstaltung, die vom ersten Tag an skandalumwittert ist.

Dann, so die Hoffnung, wäre vielleicht kein Streben nach höchsten europäischen Weihen mehr nötig, auch kein Neymar mehr und erst recht nicht der nächste Rekordtransfer.

Vielleicht mag es so kommen, dass die Petrol-Dollars den europäischen Fußball nach der WM 2022 wieder weniger überfluten. Mindestens bis dahin aber werden sich Klubs wie der FC Bayern mit Konkurrenten vom Schlage PSG herumärgern müssen.

"Die sind neureich, wir sind eher der altreiche Verein", hat es Karl-Heinz Rummenigge neulich zur Sicherheit nochmal formuliert. Wobei die Neureichen aus Paris derzeit drauf und dran sind, das Establishment gehörig durcheinander zu wirbeln.

"…sonst schießen die dich ab!"

Das Hinspiel stand für die Bayern unter sehr ungünstigen Voraussetzungen. Die Mannschaft wirkte körperlich und mental angeschlagen, hatte einige verletzte Spieler zu beklagen, Trainer Carlo Ancelotti befeuerte seinen Stunden später erfolgten Rauswurf durch eine provokante Aufstellung.

Die Bayern spielten ganz nett mit, gingen im Konterfeuer der Weltauswahl aus Paris aber trotzdem mit 0:3 unter.

Seitdem ist einiges passiert, die Münchener haben einen neuen Trainer - und wieder zu sich selbst gefunden. Paris ist seinerseits durch die Gruppenphase marschiert wie noch keine Mannschaft zuvor zu diesem Zeitpunkt einer Saison.

Fünf Spiele, fünf Siege, 24:1 Tore. Keine andere Mannschaft hat jemals mehr Treffer erzielt - und ein Spiel steht ja noch aus.

Die Partie gegen die Bayern in deren Wohnzimmer Allianz Arena ist mehr als nur der Abschluss einer bärenstarken Pariser Vorrunde. Es ist der Gradmesser, wie weit PSG denn wirklich schon ist und wie sich die Bayern gegen diese Armada an Offensivkräften erwehren können.

Bei der Generalprobe gegen Hannover am vergangenen Wochenende siegten die Bayern zwar, offenbarten im Spiel gegen den Ball aber einige markante Schwächen.

"Wir haben keine zweiten Bälle bekommen, nicht gut nach hinten gearbeitet und Hannover zu viele Räume gelassen", sagte Jerome Boateng nach dem Spiel. "Das kannst du gegen Paris nicht machen, sonst schießen die dich ab!"

Das gefährlichste Trio der Welt

Allein Edinson Cavani und Neymar erzielten zusammen mehr Tore (zwölf, beide je sechs) als die gesamte Bayern-Mannschaft in der Gruppenphase (zehn).

Dazu kommt mit Kylian Mbappe der erfolgreichste Teenager der Champions-League-Geschichte: Neun Tore sind einem 18-Jährigen in der Königsklasse noch nie gelungen.

Von 69 Toren in allen Pflichtspielen in dieser Saison gehen 46 auf das Konto der fantastischen Drei. Paris erzielt im Schnitt pro Spiel mehr als drei Treffer.

Die schiere Angriffswucht des Trios wird flankiert von nicht weniger prominenten Ausnahmekönnern wie Angel di Maria, Julian Draxler oder Javier Pastore. Dahinter kontrolliert ein Mittelfeld von höchster Qualität die Gegner mit Adrien Rabiot, Marco Verratti oder dem lange verletzten Blaise Matuidi.

Was gerne übersehen wird: Auch die PSG-Defensive sucht in Europa derzeit ihresgleichen. Erst 13 Gegentore musste die Mannschaft von Trainer Unai Emery in 22 Pflichtspielen hinnehmen und hat dabei nie mehr als zwei Treffer kassiert.

Die Bayern bräuchten für den Gruppensieg einen Erfolg mit vier Toren Unterschied.

Es geht um ein Zeichen an Europa

"Es geht nicht um den Gruppensieg. Wir wollen das Spiel gewinnen. Unser Ziel ist es nicht, von Anfang an auf vier Tore zu gehen. Wir wissen alle, dass da schon viel zusammenkommen muss", schätzt Boateng die Ausgangslage realistisch ein.

Es geht für die Bayern tatsächlich um etwas anderes: Im letzten Spiel vor der K.o.-Phase geht es darum, ein Zeichen zu setzen.

Ein Beweis für die eigenen Fans und für sich selbst, dass man nach einem schweren Start in diese Saison mit Jupp Heynckes tatsächlich zurückgefunden hat in die Erfolgsspur.

Und es geht um ein Zeichen an die Konkurrenz in Europa, dass sich die Bayern von frechen Emporkömmlingen so leicht nicht brüskieren lassen.

Festung Allianz Arena

PSG hat in der letzten Saison auf leidvolle Art erfahren, wie es sich anfühlt, wenn einer der Granden mit aller Wucht zurückschlägt. Das 1:6 von Barcelona hätte eine Zäsur werden und den Glauben an die eigene Leistungsstärke erschüttern können.

PSG hat sich davon aber recht schnell erholt, hat stattdessen den Transfermarkt zum Beben gebracht und mit größten finanziellen Mitteln auf seine ganz eigene Weise gekontert.

Die Bayern können und wollen in der Beziehung nicht mithalten, selbst mehr als 400 Millionen Euro auf dem Festgeldkonto sind ein Klacks gegen das, was PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi mit einem Fingerschnipsen aufrufen könnte.

Also müssen sich die Bayern andere Schlachtfelder suchen, auf denen PSG Einhalt geboten werden kann.

Die Chancen, den Franzosen nun ein Stoppschild zu setzen, stehen dabei trotz aller Stärken der Gäste gar nicht so schlecht.

Die Bayern dürften aus dem Hinspiel gelernt haben. In großen Duellen ist auf die Mannschaft in der Regel Verlass, und zu Hause sind die Bayern in der Königsklasse ohnehin kaum zu bezwingen.

18 der letzten 19 Heimspiele haben die Bayern vor eigenem Publikum gewonnen. Gerade weil manche gegen PSG ein Debakel befürchten, wäre Sieg Nummer 19 ein echtes Statement.

Neymar fordert angeblich ein neues Privileg für sich bei Paris St. Germain ein: Er möchte künftig selbst entscheiden, für welche Spiele er zur Verfügung steht.