Die deutsche Nationalmannschaft sorgt im letzten Spiel der Saison für eine beschwingte Leistung und jede Menge Zuversicht für die Zukunft. Die junge Auswahl scheint auf dem richtigen Weg - aber noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen.

Mehr Fußball-Themen finden Sie hier

Zum Abschluss der Saison gab es noch einmal eine Denksportaufgabe zu lösen: Wie ist die Tiefe zu bedrohen, wenn der Gegner partout keine Tiefe anbieten will? In den Spielen der immer noch kritisch betrachteten Nations League gab es dieses Phänomen für die deutsche Nationalmannschaft nicht, in der EM-Qualifikationsrunde aber sehr wohl. Die Aufgaben gegen die ganz kleinen Nationen wie an diesem Doppel-Spieltag mit Weißrussland und Estland entwickelten schnell den Charakter von Erstrundenspielen im DFB-Pokal, wenn eine Bundesligamannschaft gegen ein Team aus der fünften oder sechsten Liga antritt.

Esten heillos überfordert

Gegen Estland war es ganz extrem. Von der ersten Minute an verschanzten sich die Gäste mit einer Fünfer- und einer Viererkette am eigenen Strafraum mit dem Plan, im eigenen Rücken keine Räume anzubieten. Selbst die besten Mannschaften verzweifeln bisweilen an dieser Herausforderung, wenn der Gegner konzentriert ist, kompakt und bissig. Aber die Esten w aren heillos überfordert und in dieser Form noch nicht einmal ein ernstzunehmender Sparringspartner.

Das 8:0 (5:0) der DFB-Auswahl fiel am Ende noch deutlich zu niedrig aus, es war der höchste deutsche Sieg seit drei Jahren, damals gab es ebenfalls ein 8:0 gegen San Marino. Es war nicht nur die Art des Fußballs, der zu überzeugen wusste oder wie sich die Reihe der jungen Spieler mit den etwas älteren schon ganz gut zurechtgefunden haben. Es war auch ein Spiel, das den neuen Geist der Truppe nochmals andeutete: Über drei Wochen nach dem letzten Saisonspiel für einige, mindestens aber zwei Wochen nach dem letzten Wettkampfspiel, hat diese Mannschaft gerade in der zweiten Halbzeit mit dem anstehenden Urlaub vor Augen und ohne die wachsamen Augen von Joachim Löw an der Seitenlinie nicht einfach austrudeln lassen, sondern immer weiter nach vorne gespielt.

"Das war kein leichter Lehrgang für einige, nach ein paar Wochen doch wieder hochzufahren", sagte Leon Goretzka bei RTL und spielte damit auf den einen oder anderen Kollegen an, der zwischen dem letzten Ligaspiel und der Zusammenkunft beim DFB schon für ein paar Tage am Strand weilte. Interimstrainer Marcus Sorg bescheinigte der Mannschaft auch die richtige Einstellung in diesem letzten Saisonspiel. "Es zeugt auch von Charakter, dass die Jungs das nicht ausgenutzt haben, dass der Chef nicht da war. Und wir wollten schon auch zeigen, dass wir konstant werden in unseren Leistungen."

Neben den acht zu null Toren drückte sich die totale Dominanz auch in allen anderen relevanten Statistiken aus. 26 zu vier Torschüsse, elf zu null Ecken, 82 Prozent Ballbesitz und rund 60 Prozent Zweikampfquote. Joshua Kimmich hatte am Ende sagenhafte 178 Ballaktionen. Natürlich war der Gegner nicht wettbewerbsfähig, die Esten rangieren in der Weltrangliste derzeit nur auf Rang 96, zwischen der Kirgisischen Republik und Jordanien. Und trotzdem ist eine Leistung wie diese nach einer langen Saison nicht selbstverständlich.

"Besserer Rhythmus und gutes Passspiel"

"Wir haben uns vorgenommen, mehr Tore zu schießen als gegen Weißrussland und das haben wir in der ersten Halbzeit gerade in den ersten 20 Minuten auch gezeigt. Wir hatten einen besseren Rhythmus und ein gutes Passspiel. Es war wichtig, dass wir die vielen Trainingseinheiten hatten und die beiden Spiele, um uns zu finden", sagte Marco Reus nach dem Spiel bei RTL.

In der Tat verfestigt sich der Eindruck, dass da langsam etwas Frisches zusammenwächst. Der Bayern-Block hat sich personell zwar verändert, ohne Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller übernehmen jetzt Niklas Süle, Joshua Kimmich und Serge Gnabry mehr Verantwortung. Im Angriff vertrauten Sorg und Löw von der Couch aus erneut auf das Trio aus Gnabry, Marco Reus und Leroy Sane. Es sollten sich noch Abläufe einschleifen und die notwendigen Angriffsmuster, wie Sorg später erklärte.

Denn bei aller Freude über einen beschwingten Fußballabend und die ersten Fortschritte bei der Mission Neuaufbau ist der Weg noch lang, den die Mannschaft zu gehen hat. "Der Umbruch ist noch lange nicht abgeschlossen. Dafür ist es noch viel zu früh und es gibt noch viel zu verbessern", sagte Goretzka. "Solche Spiele sind gut für unsere Analyse, um Dinge dann auch zu verbessern. Denn es ist auch klar, dass auch wieder andere Gegner kommen, gegen die das dann wichtig wird."

Genauer gesagt wird das dann schon im September der Fall sein, wenn die deutsche Mannschaft gegen die Niederlande und Nordirland bestehen muss. Die Nordiren sind immerhin noch Tabellenführer und haben erstmals in ihrer Geschichte vier Siege aus den ersten vier Spielen einer Qualifikationsrunde erzielt. Es dürften zwei deutlich schwierigere Aufgaben werden für die erneuerte deutsche Mannschaft.

"Wir haben uns gesteigert, nach dem guten Auftakt in Holland die letzten beiden Spiele seriös und solide heruntergespielt. Wir hatten einen guten Spielfluss, eine gute Feld- und Positionsbesetzung und haben den Gegner einfach niedergespielt", sagte Manuel Neuer, so etwas wie der Anführer der Kompanie. "Und jetzt müssen wir weiter lernen, um dann im kommenden Sommer eine super Mannschaft zu haben."

Bildergalerie starten

Frauen-WM: Der DFB-Kader im Überblick

Vom 7. Juni bis 7. Juli steigt in Frankreich die Frauen-WM. Die deutsche Nationalmannschaft geht zwar nicht als Favorit ins Turnier, verstecken muss sie sich aber auch nicht. Diese Mädels kämpfen um den Titel.