Als Titelverteidiger ist Deutschland automatisch einer der Favoriten auf den WM-Titel. Es gibt aber mindestens drei bärenstarke Konkurrenten - und eine Mannschaft, die unter Umständen gerade noch rechtzeitig zu alter Stärke zurückfinden könnte.

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Unter den vielen Debatten rund um den Fußball-Weltverband FIFA ist diese eine kleine im Hintergrund. Es geht um die FIFA-Weltrangliste, die von allen nur müde belächelt wird, weil sie willkürlich und realitätsfremd erscheint.

Und weil sie Teams aus der zweiten oder dritten Garde des Weltfußballs immer wieder fast wie von Geisterhand in die Top Ten spült. Der eigenwilligen und höchst umstrittenen FIFA-Berechnungsformel sei Dank.

Das alles sind drei Jahre und elf Monate lang lediglich Spielereien von überschaubarem Wert. Wenn es aber wie jetzt kurz vor der Auslosung zum wichtigsten Fußballturnier der Welt um die Einteilung der Töpfe aller 32 Teilnehmerländer geht, wenn also entschieden wird, wer warum in welchem Topf landet, dann wird die Weltrangliste mit einem Schlag zu dem entscheidenden Kriterium überhaupt.

So hat sich Polen gewissermaßen heimlich in Topf eins geschlichen, vor Teams wie Spanien oder England. Eine Mannschaft also, die für die letzte Weltmeisterschaft gar nicht qualifiziert war. Spanien und England sind dagegen lediglich in Topf zwei gelandet. Das wiederum könnte durchaus Auswirkungen auf das Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft haben.

Deutschland bringt alles mit

Natürlich ist es vor einer Auslosung immer dasselbe: So genannte Horror- oder Hammergruppen könnten entstehen und mit etwas Pech könnte Deutschland in eine schwere Gruppe geraten, in der unangenehme Gegner wie Spanien, Dänemark, Nigeria, England, Schweden oder Serbien lauern.

Das sprichwörtliche Losglück deutscher Mannschaften könnte ebenso gut aber auch dazu führen, dass das Team auf Peru, Iran und Panama trifft. Wobei diese Überlegungen für einen amtierenden Weltmeister ohnehin obsolet sein sollten.

Deutschland ist neben Brasilien, Frankreich und Spanien einer der vier Topfavoriten des Turniers. Joachim Löw hat immer noch einen guten Teil seiner WM-Helden von Brasilien zusammen, dazu jede Menge neuer Gesichter, ein funktionierendes Kollektiv, in der Personalentscheidung die Qual der Wahl und mit der souveränen Qualifikation und dem Triumph im Confed Cup auch das nötige Selbstvertrauen im Rücken.

Das Überstehen der Vorrunde, ganz egal wie die Gegner auch heißen mögen, ist für eine deutsche Nationalmannschaft nichts anderes als eine Pflichtaufgabe. In der K.o.-Runde entscheiden dann ein bisschen Losglück und vor allen Dingen natürlich die Tagesform, aber das Erreichen des Halbfinales dürfte intern längst wieder als Minimalziel ausgegeben sein.

Deutschland hat eine flächendeckende Masse an hochbegabten Spielern, gerade im Mittelfeld ist der Konkurrenzkampf brutal und das Niveau auf Weltklasse-Level.

Frankreich gilt als Topfavorit

Ähnlich homogene Kader haben allenfalls noch Frankreich und vielleicht Spanien. Die Franzosen dürften Deutschland in punkto Flexibilität sogar noch eine Spur voraus sein.

Die Grande Nation hat in den letzten fünf, sechs Jahren einen überragenden Job in der Nachwuchsausbildung gemacht und wird von 18- bis 24-jährigen Toptalenten nur so überschwemmt. Gerade in der Offensive erscheint das Potenzial nahezu grenzenlos.

Trainer Didier Deschamps obliegt die große Aufgabe, daraus ein Team zu formen, das bei der WM endlich auch den letzten Schritt machen kann. Nach dem Vize-Titel bei der EM im eigenen Land und dem Ausscheiden im Viertelfinale gegen Deutschland bei der WM in Brasilien ist Frankreichs Mannschaft nun gewachsener, reifer, selbstsicherer und für viele Experten sogar noch vor Deutschland angesiedelt.

Frankreich hat eine tolle Mischung aus Kunst und Körperlichkeit in allen Mannschaftsteilen, dazu Kreativität, Tempo, strategisches Können - und ein Team, das unglaublich hungrig ist nach einem großen Erfolg. Ähnlich soll es sich auch bei den Spaniern verhalten.

Der ehemalige Weltmeister hat die Leiden der WM- und EM-Enttäuschungen zuletzt offenbar gut verkraftet und stellt sich in Russland mit einer auf einigen Positionen erneuerten Mannschaft vor.

Für die Routiniers wie Sergio Ramos, Andres Iniesta oder Gerard Pique dürfte es das letzte Großereignis mit der Furia Roja werden, entsprechend hoch sollte die Motivation der Überbleibsel der Goldenen Generation auch sein. Spanien hat den Umbruch fast abgeschlossen und wieder eine aufregende Mannschaft beisammen.

Die Selecao ist endlich ein Team

Noch schlimmer als die Spanier hatte es bei der letzten WM den damaligen Gastgeber erwischt. Das 1:7 gegen Deutschland ist wie in Stein gemeißelt als größte Schande der Geschichte.

Umso erstaunlicher, wie gut erholt sich die Selecao in der Qualifikationsrunde auch nach dem neuerlichen Desaster bei der Copa America schon wieder zeigte. Brasilien flog bei seiner Traumabewältigung förmlich durch die Südamerikagruppe, stellte den mit Abstand gefährlichsten Angriff und die beste Abwehr.

Angeleitet wird die Mannschaft von Adenor Leonardo Bachi, den alle Welt nur als Tite kennt. Mit dem neuen Trainer hielt auch ein neuer Geist Einzug, Brasilien ist jetzt endlich wieder mehr als die Summe seiner Einzelteile: Ein echtes Team, mit Neymar nicht mehr als leuchtendem Fixstern und Heiland, sondern als mannschaftsdienlichem Führungsspieler.

Argentinien enttäuschte in der Qualifikation

Argentinien könnte eigentlich auch einer der Favoriten sein, allein die geballte Ladung an überragenden Offensivspielern sollte dafür ausreichen. Aber die Albiceleste enttäuschte in der Qualifikation komplett und hätte wie Italien beinahe den GAU erlebt. Ohne den Rückkehrer Lionel Messi wäre Jorge Sampaolis Mannschaft wohl krachend gescheitert.

Argentinien hat jede Menge toller Einzelspieler, aber kein tragendes Spielsystem. Nur wenn Sampaoli ein mittelschweres Wunder vollbringt und bis zur WM geradezu zaubern kann, ist mit Argentinien tatsächlich zu rechnen.

Andererseits sind die Wochen vor dem Turnier für einen Konzepttrainer wie Sampaoli, der seine Spieler in aller Herren Länder verstreut und so gut wie nie längere Zeit auf einem Haufen hat, geradezu ein Segen.

Europameister Portugal mit Cristiano Ronaldo bei seiner vermutlich letzten WM, die erstarkten Engländer, der ewige Geheimtipp Belgien und unter Umständen die sehr starken Nigerianer dürften Außenseiterchancen haben. Mehr aber auch nicht.

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Teaserbild: © imago/Sven Simon