Englands Fußball-Nationalmannschaft ist ohne große Erwartungen in die WM 2018 gegangen - und könnte nun zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren ins Finale einziehen. Die Fans wollen im Fall eines Triumphs einen neuen Feiertag einführen.

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Er sieht aus wie eine Mischung aus Physik-Lehrer und Geheimagent und sagt gern Dinge wie der CEO eines hippen Londoner Start-ups: Gareth Southgate, der Trainer von Englands Fußball Nationalmannschaft, dominiert in diesen Tagen die Schlagzeilen der englischen Zeitungen und Magazine.

Der "Southgate-Effekt"

Bei den Spielen der Three Lions trägt der 47-Jährige stets einen akkurat getrimmten Drei- bis Fünftagebart, dazu Lederschuhe, Stoffhose, Hemd mit Krawatte - und als Markenzeichen eine dunkelblaue Weste.

Sein Auftreten hat ihm seither schillernde Titel beschert, sogar als "StilIkone" ist er schon bezeichnet worden.

Auch bei den englischen Fans kommt der vergleichsweise unerfahrene Trainer mittlerweile bestens an. Der Southgate-Look ist en vogue. Der Hersteller der 65 Pfund teuren Weste spricht seit Beginn der WM in Russland angesichts der kräftig gestiegenen Verkaufszahlen gar vom "Southgate-Effekt".

Vor Englands Halbfinale am Mittwochabend gegen Kroatien ist das Stück in fast allen Größen ausverkauft.

Das hat Gareth Southgate neu gemacht

Ja, die Engländer und ihre Nationalmannschaft, sie haben sich wieder lieb. Ihre Beziehung war in den Jahren zuvor auf eine harte Probe gestellt worden: 2014 schied England in der WM-Gruppenphase aus, 2016 verloren sie im EM
Achtelfinale blamabel gegen Island. Fans und Mannschaft hatten sich entfremdet.

Aber jetzt, so scheint es, sind sie wieder wer im Weltfußball. Die Fans stehen wieder hinter ihrem Team.

Es ist das Verdienst von Gareth Southgate, der die Mannschaft im Herbst 2016 nach der Posse um Sam Allardyce eigentlich nur übergangsweise übernehmen sollte - und sie seither nach seinen Vorstellungen gründlich umgekrempelt hat.

Der Kader ist heute geprägt von jungen, aufstrebenden Profis. Die meisten von ihnen spielen bei den Topklubs der Premier League, gehören dort zum Teil aber noch nicht zu den ganz großen Stars.

Southgate hat nach seiner Beförderung von der U21 zur A-Nationalmannschaft einige Überbleibsel der sogenannten "Goldenen Generation" aussortiert, was viele Beobachter verblüffte, die in ihm anfangs einen Ja-Sager aus den Reihen des englischen Fußballverbandes FA vermutet hatten.

Nur fünf der Spieler, die bei der WM in Russland für England an den Start gehen, waren auch vor vier Jahren in Brasilien schon dabei. England gehört bei dieser WM zu den jüngsten und - gemessen an der Zahl der Länderspiele - auch zu den unerfahrensten aller teilnehmenden Mannschaften. Trotzdem könnte das Finale nun anstehen.

Einhörner im Hotel-Pool - und viel Freiheit

Auch den Umgang mit der Öffentlichkeit hat Southgate aufgelockert. Statt Abschottung gibt es heute im Mannschaftsquartier in Repino Darts-Turniere der Spieler gegen Journalisten.

Einige Spieler fotografierten sich während der Gruppenphase gegenseitig, als sie mit aufblasbaren Gummi-Einhörnern im Hotel-Pool plantschten - die Bilder wurden in den sozialen Netzen tausendfach geteilt. Sie sollten zeigen: "Seht her, wie entspannt es bei uns zugeht!" Beim "alten" England hätte es solchen Schabernack nicht gegeben.

Auf dem Feld fordert Southgate seine Spieler dazu auf, auch mal etwas zu riskieren: lieber mit Mut zur Lücke anzugreifen, statt immer auf Sicherheit zu spielen.

"Ich will, dass sie sich richtig reinknien und so gut spielen, wie sie können", sagt er: "Sie sollen hinterher nicht sagen: 'Ich wünschte, ich wäre mutiger gewesen und hätte mehr ausprobiert.'" Sein Job sei es lediglich, ihnen dazu das nötige Selbstvertrauen zu geben.

Diese Mentalität entspricht auch der Art von Fußball, die den englischen Nachwuchsspielern im 2012 eröffneten nationalen Leistungszentrum St. George's Park eingeimpft wird.

Und die Arbeit dort trägt bereits Früchte: Englands U17 und U20 sind Weltmeister, die U19 ist Europameister. Bei den kommenden Welt- und Europameisterschaften werden einige dieser Spieler das Gesicht der englischen Mannschaft mitprägen.

Fünfzig Jahre Schmerz

Am Selbstvertrauen mangelt es der jungen Mannschaft von Gareth Southgate jedenfalls nicht.

Im Achtelfinale gegen Kolumbien hat England sogar zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Elfmeterschießen bei einer WM gewonnen.

Die Komplexe vorangegangener Generationen interessieren diese Mannschaft nicht: 19 der 23 Kadermitglieder sind 1990 oder später geboren worden.

Der Weg der englischen Mannschaft führte aus einer Gruppe mit Tunesien (2:1), Panama (6:1) und Belgien (0:1) über Kolumbien im Achtelfinale (4:3 i.E.) und Schweden im Viertelfinale (2:0).

Im Halbfinale warten am Mittwochabend nun die Kroaten, die auf ihrem Weg dorthin Dänemark und Gastgeber Russland jeweils erst im Elfmeterschießen ausgeschaltet haben.

Seit 22 Jahren war zuvor keine englische Mannschaft bei einer WM oder EM mehr über das Viertelfinale hinaus gekommen.

Seit 52 Jahren stand keine englische Auswahl mehr im Finale einer Weltmeisterschaft. Das bislang letzte Mal war 1966, als England gegen die Bundesrepublik Deutschland gewann.

Es folgten Jahrzehnte voller Enttäuschungen. Die britische Band "The Lightning Seeds" sang 1996 in ihrem EM-Song "Three Lions" von "Thirty years of hurt", dreißig Jahren Schmerz.

Zwei Jahrzehnte später ist dieser Schmerz nun beinahe verschwunden. Und es besteht sogar die Chance auf eine vollständige Genesung.

Aus Skepsis ist Euphorie geworden

Klar, schon jetzt ist die WM in Russland ein Erfolg für die Engländer. Sie sind ohne große Erwartungen in das Turnier gegangen, jetzt trennen sie "nur" zwei Siege vom größtmöglichen Triumph.

Vor dem Turnierstart hatte in der Presse trotz der zu jedem Zeitpunkt ungefährdeten WM-Qualifikation und der soliden Vorbereitung die Skepsis überwogen.

Die Heiterkeit im Team könne schnell ins Gegenteil kippen, sobald es Störgeräusche gebe, warnte sinngemäß der "Guardian". Das Viertelfinale sei drin, mehr aber auch nicht, orakelte die "BBC". Nur nichts ausrollen, was man im Fall eines erneuten frühen Scheiterns nicht wieder zurückholen könnte, lautete die Devise.

Und heute? Da schreibt etwa der ehemalige England-Stürmer Alan Shearer in seiner "BBC"-Kolumne, England habe bewiesen, dass sie das Turnier gewinnen könnten: "Was uns bei den Fähigkeiten fehlen mag, das gleichen wir durch einen großartigen Teamgeist und enormen Charakter aus. Es ist erstaunlich, wie weit einen das bringen kann!"

Und der "Guardian" schreibt: "Gareth Southgates England wirft alten Ballast ab und gibt Anlass, dass wir an sie glauben."

Seine Spieler spürten die Unterstützung aus der Heimat und seien stolz, das englische Trikot tragen zu dürfen, sagte Southgate zuletzt. "Unser Land erlebt in Sachen Zusammengehörigkeit gerade schwierige Zeiten. Aber Sport hat die Kraft, Menschen miteinander zu vereinen - vor allem der Fußball."

"Wir versuchen weiterhin, sämtliche Hürden zu überwinden", sagte er weiter: "Bis hierhin war es eine vergnügliche Reise, und wir alle wollen, dass es noch ein bisschen so weiter geht."

Fans fordern Fußball-Feiertag

Die Siege gegen Kolumbien und Schweden flimmerten in der Spitze auf mehr als 80 Prozent der eingeschalteten TV-Geräte in England. So gute Quoten gab es schon lange nicht mehr bei den Spielen der Nationalmannschaft.

Auch heute
Abend werden in den Pubs und Fanzonen des Landes wieder Millionen von Pints über den Tresen gehen.

Seit einigen Tagen läuft außerdem eine Online-Petition, deren Initiatoren und Unterzeichner fordern, dass der Montag nach dem WM-Finale spontan zum Feiertag erklärt werden möge, sollte England das Turnier wirklich gewinnen. Am Mittwochmittag hatten bereits fast 215.000 Menschen unterschrieben. Auch aus der Politik gibt es prominente Fürsprecher.

Sollte es dazu kommen, würden Englands Herrenausstatter an diesem Fußball-Feiertag wohl trotzdem ihre Läden aufschließen. Bei dem zu erwartenden Andrang auf den Gareth-Southgate-Look würde ihnen andernfalls wohl das Geschäft ihres Lebens entgehen.

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Teaserbild: © imago/Xinhua