• Allerhand ist über Prinz Harrys Autobiografie "Reserve" schon geschrieben und gesagt worden.
  • Dafür musste nicht einmal der weltweit offizielle Erscheinungstag abgewartet werden – schon im Vorfeld sind jede Menge Details ans Licht gekommen.
  • Die Frage also jetzt: Soll man oder muss man das Buch überhaupt noch lesen?
Patricia Kämpf
Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Patricia Kämpf dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Wann und wo er zum ersten Mal Sex hatte, wann er zum ersten Mal gekokst hat, wie viele Taliban-Kämpfer er im Afghanistan-Krieg getötet hat: Noch bevor Prinz Harrys Autobiografie "Reserve" ("Spare" im englischen Original) am 10. Januar auf den Markt gekommen ist, konnte man das Gefühl bekommen, die über 500 Seiten bereits gelesen zu haben.

"Reserve" ist mit einem Rekord gestartet. Von der englischsprachigen Ausgabe sind am Veröffentlichungstag mehr als 1,4 Millionen Exemplare verkauft worden, wie der Verlag Penguin Random House mitgeteilt hat. Damit sind Harrys Memoiren laut Verlag erfolgreicher als die von Barack Obama und Michelle Obama.

Schon allein deshalb lohnt es sich selbstverständlich, das Buch zu lesen. Zudem ist "Reserve" hervorragend geschrieben und liest sich gut weg. Neben den bereits bekannten Storys, in denen es natürlich vornehmlich um Sex- und Drogenbeichten des Prinzen geht, erfahren Royal-Fans auch viele kleine Geschichten.

Etwa, wofür Queen Elizabeth II. in der Küche bekannt war. Laut Harry konnte sie hervorragende Salatsaucen zaubern. "Grannys Spezialität war die Salatsauce, und zwar in einer gehörigen Portion." Oder dass König Charles III. mit Kopfständen seine Genick- und Rückenschmerzen bekämpft – täglich und in Boxershorts "gegen eine Tür gelehnt oder von einer Stange baumelnd wie ein geübter Akrobat".

Das ist eine Stärke von Prinz Harrys Autobiografie "Reserve"

Das ist eine Stärke von "Reserve": Der lockere Plauderstil nimmt einen mit und man sieht vor seinem inneren Auge, wie der König von England in Boxershorts an einer Stange hängt. Oder wenn Prinz Harry das Schloss Balmoral in Schottland beschreibt.

Auch dann geht man mit ihm an den Ort, wo die Queen traditionell ihre Sommer verbracht hat und wo die Monarchin im September 2022 auch gestorben ist: "Und zur Linken, neben den hohen Fenstern, Haken für die Angelruten und Spazierstöcke und Anglerhosen und schweren Regenmäntel – so viele Regenmäntel, weil der Sommer überall in Schottland feucht und kühl sein konnte, in diesem sibirisch anmutenden Flecken aber schneidend kalt war."

Der Duke of Sussex hat seine Autobiografie nicht selbst geschrieben, sondern die Aufgabe dem Ghostwriter J. R. Moehringer überlassen. Dieser hat auch schon mit Tennis-Legende Andre Agassi an dessen Buch "Open: Das Selbstporträt" gearbeitet.

Die über 500 Seiten sind in drei Teile eingeteilt, die Überschriften zu den jeweiligen Teilen stammen vom Gedicht "Invictus" von William Ernest Henley: "Aus der Nacht, die mich umfängt", "Das Haupt voll Blut, doch stets erhoben" und "Käpt'n meiner Seel". Sie sind natürlich gut gewählt: In Teil 1 geht es um die Zeit nach dem Tod seiner Mutter, Prinzessin Diana, in Teil 2 berichtet er von seiner Ausbildung und seinem Einsatz beim Militär, in Teil 3 kämpft er sich mit seiner Frau Meghan aus seinem königlichen Leben.

Die einzelnen Kapitel sind durchnummeriert, beinahe wie in einer Bibel. In einer recht losen Aneinanderreihung von Geschichten und Schnipseln erinnert sich Prinz Harry.

Zu detailliert: Kampfhandlungen in Afghanistan

Manchmal bis ins kleinste Detail, vor allem wenn es um Landschaft, Geografie und Architektur geht, erzählt der britische Prinz. Daten hingegen müsse er stets nachschlagen. Diese minutiöse Beschreibung seines bisherigen Lebens zieht sich durch "Reserve". Was die Leserin und den Leser an vielen Stellen mitnimmt in das Leben eines Royal, wirkt an anderen allerdings überladen, überfrachtet, unnötig. Beispiel? Kampfhandlungen in Afghanistan.

"Auf meinem Bildschirm sah ich das Fadenkreuz des Piloten über dem Bunker verharren. Eine Sekunde. Zwei. Weißer Blitz. Lauter Knall. Die Wände der Operationszentrale erbebten. Staub und Steinchen regneten von der Decke. Ich höre die Stimme von Dude Zero One: Volltreffer. Gefechtsschadeneinschätzung folgt [...] Sie sind nicht alle davongekommen, tröstete ich mich. Mindestens zehn haben es nicht aus diesem Graben geschafft. Trotzdem – eine größere Bombe hätte das Ganze rund gemacht."

Diese und ähnliche Beschreibungen verwundern nicht nur, weil er nach Einschätzung von Fachleuten seine persönliche Sicherheit gefährdet, wenn er Dinge preisgibt wie jene, wie viele Taliban-Kämpfer er getötet hat. Das tut Harry im Buch etwa 100 Seiten später. Es passt auch nicht zu dem Grund, warum er seine Geschichte erzählt.

Denn die erzählt er, weil er nicht nur dem Palast, sondern der ganzen Welt erklären möchte, warum er seine Aufgaben als Senior Royal aufgegeben hat und mit seiner Frau Herzogin Meghan in die USA gezogen ist. Prinz Harry beschreibt das ausführlich im Prolog. Was detaillierte Kampfhandlungen in Afghanistan damit zu tun haben, wird im Leseverlauf nicht deutlich.

Die bizarre Episode mit dem Fuchs

Manches wirkt auch ein bisschen konstruiert, vielleicht sogar ein wenig bizarr: etwa die Episode mit dem Fuchs. Prinz Harry beschreibt, dass er und seine Kumpels immer wieder gekifft haben, als sie alle im Elite-Internat Eton zur Schule gingen. So auch eines Abends, als Harry über einem WC stand und zum Fenster rausblickte. "Just da sah ich, wie etwas durch den Innenhof schoss", erzählt er weiter. Es war ein Fuchs, der ihn ansah und der mit ihm sprach – "zweifelsohne war es das Gras". Das Tier erschien ihm dennoch wie ein Bote aus einem anderen Reich. Oder aus der Zukunft.

Ein paar Jahre später in Afghanistan holte ihn der Fuchs ein. Über ein Funkgerät hörte Harry auf einmal mehrere Leute von einem "Red Fox" reden, einem "roten Fuchs". "Dem Ton der Stimmen nach zu urteilen, sollte Red Fox ermordet werden. Ich schluckte einen Mundvoll heiße Schokolade runter, blinzelte das Funkgerät an und war mir absolut sicher, dass es sich bei diesem Red Fox um mich handelte." Er sollte Recht behalten, Harrys Einsatzzeit in Afghanistan war vorbei.

Auch einen Leopard, den er einst in Botswana in Afrika gesehen hatte, hielt er für den Boten seiner verstorbenen Mutter, Prinzessin Diana. Natürlich gibt es solche Erfahrungen, solche Begegnungen, die man nicht einordnen kann und die einem beinahe übernatürlich erscheinen. Doch so viele davon, gebündelt in einer einzigen Person und einer einzigen Autobiografie? Diese vielen Zufälle und übernatürlichen Zeichen braucht es gar nicht. Harrys Geschichte ist auch für sich allein spannend genug.

Auf Kriegsfuß mit der Presse

Natürlich steht der jüngere Bruder des britischen Thronfolgers Prinz William nicht nur sprichwörtlich auf Kriegsfuß mit der Presse. Er verachtet die Medien – und das ist durchaus nachvollziehbar. Seine Mutter starb, als sie auf der Flucht vor Paparazzi war; er selbst kennt vermutlich keinen Moment in seinem Leben, in das nicht irgendein Unbekannter von der britischen Yellow Press ein Teleobjektiv gequetscht und sich hinterher Geschichten zu den Bildern ausgedacht hat. Prinz Harry nennt sie beinahe durchgehend Lügen.

Er klagt die Presse auf der einen Seite permanent an, mit ähnlich abwertenden Worten wie sie oft über ihn geschrieben haben. "[Die zwei Paparazzi] sahen so aus, als hätten sie nicht einmal zusammen einen einzigen präfrontalen Cortex."

Auf der anderen Seite nutzt und braucht er aber eben jene Presse, um sein Buch unter die Menschheit zu bringen. Vor der Veröffentlichung gab er Journalisten mehrere TV-Interviews. Sein Verhältnis zu den Medien ist eine mehr als toxische Beziehung, auf die Harry sehr drastisch und sehr intensiv immer und immer wieder eingeht. Beinahe wie eine Abrechnung. Was genau er aber mit dieser Abrechnung erreichen möchte, bleibt unklar. "Spare" bezieht sich übrigens auf "The Heir and the Spare", wie Prinz William und Prinz Harry oft bezeichnet werden: "Der Erbe und der Ersatz".

Eine wichtige Frage allerdings wird in "Reserve" ein für allemal geklärt: Schotten tragen nichts unter dem Schottenrock. Prinz Harry: "Solange wir keine Kilts tragen mussten, mit dem lästigen Messer im Strumpf und der frischen Brise um den Hintern, war ich zufrieden."

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