Schmutzige Lügen, gespielte Entrüstung, manipulative Darstellung von Zusammenhängen, alternative Fakten, Empörung und Hass. Aber mal genug davon, wie "Bild", die neurechte "JF", AfD und "Welt" versuchen, einen Skandal um Innenministerin Nancy Faeser zu konstruieren. Kommen wir zum Dschungelcamp.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Mehr News zum Dschungelcamp

Da weht ein Hauch von Wehmut über die südafrikanische Prärie, denn alle Kudu-Penisse sind verspeist, alle Nachtwachen gehalten und alle Exklusivgeschichten rausgehauen. Die Saison 2022 im vor 18 Jahren von RTL ins Leben gerufenen Resozialisierungs-Programm für finanziell versehentlich in Schieflage geratene Karteileichen der Entertainment-Szene ist beendet. Das Zepter ist vergeben, der König ist gekrönt. Die Elf angetretenen Ritter der Schwafelrunde sind zurück im realen Leben. Dort kümmern sie sich liebevoll aufgeregt um ihre seit 16 Tagen stiefmütterlich vernachlässigten wichtigsten Bezugspersonen. Die Follower ihrer Instagram-Accounts.

Und da ist viel zu tun, denn diese Staffel hatte wirklich alles, was zu einer ordentlich kuratierten Ausstellung an Trash-TV-Kunstwerken gehört: Janina Youssefians frühzeitiger Rauswurf nach Rassismus-Skandal. Tara Tabithas Heldenreise von der Tellerwäscherin zur Fußnagel-Millionärin. Harald Glööcklers Neudefinition der Lebensweise eines Vegetariers oder Peter Althofs Bewerbung für "7 Tage, 7 Köpfe" – um nur einige wenige zu nennen. Außerdem: Ein würdiges Finale.

Der letzte Tag im Pandemie-Ausweichquartier Südafrika startet mit einer ausführlichen Nachbesprechung der Teamprüfung vom Freitag. Besonders intensiv erinnert sich Finalist Manuel Flickinger: "Die haben mir ständig an den Arsch gespritzt." Ein Satz, der sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Beim Dschungelcamp eine andere als beispielsweise in einem Botox-Studio oder auf einer Gang-Bang-Party.

You can stand under my Manuella, ella, ella, eh, eh, eh

Beim letzten gemeinsamen Essen am Vorabend, als die inzwischen geschassten Harald Glööckler und Peter Althof noch sparsame Dschungelkönig-Hoffnungen hatten, ging es noch um viel unschuldigere Dinge. Manuel kündigte im Angesicht der fünf farblich unterschiedlichen Mini-Tomaten an, er würde die orangene Tomate präferieren, weil er die Grünen nicht mag. Also, die grünen Tomaten, nicht die lustige Partytruppe um Annalena Baerbock und diesen Typen, der bei Themen wie KfW-Gebäudeförderung oder Corona-Hilfen manchmal ein bisschen überfordert wirkt.

Da ist er (Manuel jetzt, nicht Robert Habeck) aber bei Design- und Botoxlegende Harald an der vollkommen falschen Adresse. Heimlich die Rosinen rauspicken, das kommt gar nicht gut an beim Erfinder des strassbesetzten Lifestyles: "Du bist auch der Knaller, du hast immer gleich Präferenzen." Klingt bei ihm ein bisschen so, als wäre Präferenz eine Krankheit. Interessante Vorstellung. Harald Glööckler hält zum routinemäßigen Checkup Hof bei seinem Hausarzt und der sagt dann: "Sie müssen jetzt ganz stark sein, wir haben akute Präferenz entdeckt. Endstadium."

Naja, komm. Ganz müder Gag, okay. Aber ich musste auch 16 Tage lang die Witze von Peter Althof mitschreiben, also erbitte ich hier ein wenig Nachsicht. Die erwartet auch der Fast-Dschungelkönig Glööckler. Dafür, dass er nicht jede Prüfung mitgemacht hat: "Ein König wälzt sich nicht im Dreck. Ich muss aufpassen, dass ich mein Image nicht ramponiere." Auch die nicht gewonnenen 100.000 Euro hinterlassen bei ihm keinen Trennungsschmerz. Im Abschiedsgeplänkel mit Co-Rauswurf Peter verrät er: "Meine Tapetenkollektion ist in 500 Baumärkten, die ist in der Zeit hier sicher noch mal richtig gut gelaufen, da habe ich die 100.000 schon wieder reingeholt". Natürlich. Wer lebte nicht gerne in einer Wohnung, die formschön mit pompöösen Glööckler-Designs tapeziert ist? Ein Haus mit Wänden voller Muster wie von Gianni Versace in seinen besten Zeiten. Jedenfalls, wenn er in seinen besten Zeiten blind gewesen wäre und im LSD-Rausch Malen nach Zahlen gemacht hätte.

Die drei intellektuellen ???

Da waren es also noch drei. Die drei Final-Musketiere Eric Stehfest, Filip Pavlovic und Manuel Flickinger treten zum Abschluss der Bundespromispiele jeweils zu einer Prüfung an, um am Ende ein Luxusessen für das Endspiel-Trio zu erspielen. Final-Musketiere, oder wie Hantelsportfetischt Filip sagt: "Muskeltiere". Ja! Die drei Muskeltiere! Das ist das berühmte Trio aus Axel Schulz, Wladimir Klitschko und Henri Maske. Alle drei übrigens heiße Anwärter auf das Teilnehmerfeld des Dschungelcamps im nächsten Jahr. Aber bleiben wir in der Gegenwart und starten den Dreikampf.

Gentlemen-Camper Filip verabschiedet sich als erster zu seiner Prüfung. Wie man ihn kennt natürlich äußerst höflich und auf internationalem Niveau: "I kiss your ices." Für alle Mitleserinnen und Mitleser, die der englischen Sprache bis maximal Lothar-Matthäus-Level mächtig sind, hier die Übersetzung: "Ich küsse eure Cornettos." Als Belohnung bekommt Filip eine Prüfung, in der er es zehn Minuten angekettet mit Ameisen, Schlangen, Krokodilen, Riesenkakerlaken und allerlei anderem Dschungel-Getier aushalten muss. Bewegungsunfähig angekettet auf dem Rücken liegend und die ständige panische Angst davor, was gleich über ihn herfallen wird – diese Situation kennt er ja aus der Zeit, als Tara noch im Camp war.

Für den Wasserpfeifen-Koalitionspartner von Olaf Scholz somit ein Spaziergang. Er holt locker alle fünf Sterne. Zu Hause an den Empfangsgeräten schreibt sich die Nation enttäuscht mit Beschwerde-Mails an RTL die Finger blutig. Was für eine verschenkte Chance. Hätte man Filip nicht ein paar berühmte Bauwerke den korrekten Städten zuordnen lassen können oder ein paar Matheaufgaben lösen? Das ist nicht mehr mein RTL.

Manuel, der taucht doch nichts

Anschließend ist Eric Stehfest an der Prüfungsreihe. Stehfest gilt als solide Mischung aus Justin Bieber und Joko Winterscheidt. Oder konkret: Er hat die Tattoos von Bieber und die Brille von Joko. Er bekommt die traditionelle Final-Essprüfung. Zu seinem Fünf-Gänge Würgmenü bietet Chefkoch Dr. Bob Ducasse noch mal alles auf, was die Ekelküche des südafrikanischen Dschungels zu bieten hat: Impala-Hirn, Maikäfer-Larven oder Kudu-Urin. Eric war schon mal neun Tage wach, da lassen ihn Snacks aus für den Verzehr normalerweise ungeeigneten Körperteilen vollkommen kalt. Er holt vier Sterne.

Für Manuel, der im Dinner-Prüfungsgame für die Desserts zuständig ist, läuft es nicht ganz so rund. Er hat ein Tauch-Trauma und dann auch noch Pech bei der Prüfungsvergabe. Seine Challenge läuft unglücklicher als Novak Djokovics Versuch, sich zu den Australian Open zu mogeln. Irgendwann im Laufe der Prüfung befindet sich Manuel mit seinem gesamten Kopf unter Wasser. Eine Situation, die für Manuel so undenkbar ist wie Dekadenz-Detox für die Geissens. Er bricht seine Challenge ab – keine Punkte für Manuel, kein Tiramisu für Filip.

Egal, dank der heroischen Sternausbeute von Filip und Eric labt sich das Final-Trio an Bruschetta, Avocadosalat, Pommes, Cheeseburgern und diversen anderen Köstlichkeiten. Nach 15 Tagen Mangelernährung aus Bohnen, Reis und einigen Fetzen Fleisch von Tieren, für deren Import man in Deutschland längerfristig in den Knast gehen müsste, vermutlich ohnehin besser.

Norddeutscher Fauxpas sei Filip verziehen

Wohl genährt wird kurz darauf zunächst Manuel Flickinger von den Zuschauern aus dem Dschungelrennen genommen. Bronze-Medaille also für den Abgesandten der TV-Now-Erfolgsdoku "Prince Charming". Manuel muss im Finale als erster die Segel streichen, gilt aber womöglich trotzdem als größte Überraschung. In Umfragen kurz vor dem Start des diesjährigen Dschungel-Abenteuers galt der Justizfachwirt immerhin noch als der Kandidat, der den geringsten Bekanntheitsgrad aufweisen konnte. Als nächstes überreicht das Publikum via Telefon-Abstimmung die Silbermedaille an Eric Stehfest. Das ist schon die größere Überraschung. Viele aufmerksame Beobachter der Staffel waren sich sicher, dass Stehfest als Gewinner in die Dschungelchronik eingehen würde. Immerhin konnten die Zuschauer bereits seit dem Jahr 1311 für ihn anrufen. Damals noch via Brieftaube. 80 Silberlinge pro Taube (Tauben aus dem Mobilnetz gegebenenfalls teurer).

Trotzdem setzt sich am Ende Qualifikant Filip Pavlovic durch. Großer Jubel auch bei mir, denn Filip ist wie ich in Hamburg geboren und aufgewachsen. Gut, statt "Moin" sagt er "Ich küsse deine Augen", aber wer schon mal mit Olaf Scholz in Shisha-Bars in Altona eine Koalitionspfeife durchgezogen hat, dem wird auch dieser norddeutsche Fauxpas verziehen.

Gerührt nimmt Filip die Wahl an und freut sich: "Ich bin der erste und vielleicht letzte König von Südafrika." Okay. Da müsste dann vielleicht jemand von der Produktion noch mal die Spielregeln und Gewinn-Modalitäten für das Dschungelcamp mit Herrn Pavlovic durchgehen. Nur sicherheitshalber. Nicht, dass er sich morgen per Stretchlimousine nach Kapstadt fahren lässt und dort das Regierungsgebäude beziehen möchte. Glückwunsch also an Filip. Und alles Gute für die Zukunft. Ich wünsche dir eine bombastischere Karriere, als sie dem letzten Dschungelkönig vergönnt blieb. Prince Damien durfte, daran ist aber nicht er, sondern Corona Schuld, nicht mal Baumärkte eröffnen. Soviel also zum Dschungelcamp 2022. Aber wie sagte Sepp-Daniel Hartwich-Herberger so schön: Nach dem Dschungel ist vor dem Dschungel. Ab jetzt macht sich das RTL-Investigativteam "D-Promi" also auf die Suche nach geeigneten Kandidaten für die 2023er-Staffel. Und wer weiß, vielleicht lesen wir uns ja in einem Jahr auch wieder! Bis dann, bleiben Sie gesund!

Mehr Infos zum Dschungelcamp 2022 finden Sie hier


JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.