• Anne Will fragt ihre Gäste am Sonntagabend nach der richtigen Corona-Strategie.
  • Mit Berlins Bürgermeister Michael Müller streitet die Moderatorin über die Frage, ob der Staat FFP2-Masken für alle Bürgerinnen und Bürger bezahlen sollte.
  • Journalistin Vanessa Vu lobt die Pandemiebekämpfung in Taiwan oder Vietnam.
Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

Es gibt sie ja immer noch: die Menschen, die nicht wissen, wie sie den aktuellen Teil-Lockdown finden sollen. Sind die Maßnahmen zu hart und weitgehend? Oder zu lasch und ineffektiv?

Anne Will verspricht am Sonntagabend Orientierung: "Wie sinnvoll ist Deutschlands Corona-Strategie noch?", lautet die Frage ihrer Sendung. Eine einheitliche Antwort darauf kann es naturgemäß nicht geben. Schließlich liegt es im Wesen einer Talkshow, dass gegensätzliche Meinungen geäußert werden. An diesem Abend bleibt das Publikum allerdings ganz besonders verwirrt zurück.

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Wer sind die Gäste bei "Anne Will"?

Markus Söder: Der bayerische Ministerpräsident (CSU) wirbt für die Strategie von Bund und Ländern: Die Verlängerung der Kontaktbeschränkungen sei nötig, im Zweifelsfall müssten sie noch einmal "vertieft" werden. Denn die Zahl der Corona-Neuinfektionen ist immer noch hoch. "Deswegen ist die Konzentration der nächsten vier Wochen darauf zu richten, die Zahlen weiter zu senken."

Michael Müller: Berlins Regierender Bürgermeister (SPD) argumentiert ähnlich. Er hält nichts von der These, die Schließung von Bars und Restaurants sei kontraproduktiv, weil sie die Menschen zu privaten Treffen verleite: "Wenn es heute noch Leute gibt, die sagen: Ich mache zu Hause eine Party – dann machen sie das auch, wenn die Gastronomie geöffnet hat."

Christian Lindner: Der FDP-Vorsitzende will an den geltenden Kontaktbeschränkungen, Maske- und Hygieneregeln nicht rütteln. Trotzdem plädiert er für Lockerungen, wenn im Gegenzug Ältere und andere Risikogruppen besser geschützt werden: "Beim Schutz der vulnerablen Gruppen sind wir nicht so gut, wie wir sein müssten."

Viola Priesemann: Die Physikerin erforscht am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation die Ausbreitung von Krankheiten. Sie erklärt, dass die aktuelle Zahl von rund 20.000 Neuinfektionen pro Tag schlecht für die Pandemiebekämpfung ist: Die Kontaktverfolgung durch die Gesundheitsämter sei nicht mehr möglich und die Dunkelziffer hoch.

Vanessa Vu: Schnell, transparent und nachvollziehbar haben Regierungen im Osten und Süden Asiens ihre Corona-Maßnahmen kommuniziert, sagt die Redakteurin von "ZEIT Online". In Deutschland sei das nicht der Fall: "Hier stolpern wir von einem Bund-Länder-Gipfel zum nächsten." Das schwäche den Rückhalt in der Bevölkerung.

Was ist der Moment des Abends?

Den interessantesten Impuls hat Vanessa Vu mitgebracht. Die Journalistin lobt die Pandemiebekämpfung in Ost- und Südostasien: Dort wird Quarantäne streng überwacht, Verstöße werden geahndet, viele Länder haben ihre Grenzen faktisch geschlossen.

Anne Will springt ihr mit Zahlen zur Seite: Deutschland hat seit Beginn der Pandemie mehr als eine Million Corona-Infektionen verzeichnet, das bevölkerungsreichere Vietnam dagegen gerade mal 1.300.

Leider bleibt die Diskussion zwei Mal auf halbem Wege stecken. Auf den Grund geht die Runde dem Thema nicht. Dabei ist der Vergleich mit Asien so interessant wie verstörend. Man wüsste in der Tat gerne, wie in Taiwan noch Karaoke gesungen und Gay Prides veranstaltet werden und gleichzeitig die täglichen Infektionszahlen einstellig sind. Kann das alles nur an geschlossenen Grenzen liegen? Darauf gibt es keine Antwort.

Andererseits: Taiwan mag zwar eine Demokratie sein. Das ebenfalls als Vorbild bemühte Vietnam aber ist eine kommunistische Diktatur. Wollen wir uns da wirklich abschauen, wie wir die Pandemie zu bekämpfen haben?

Vanessa Vu sagt, sie kennen viele Menschen, die jetzt zurück nach Vietnam gegangen sind: "Das sind hochqualifizierte Menschen, die sagen: Ich lebe da sicherer. Ich vertraue den Politikerinnen und Politikern hier nicht, dass sie mich ausreichend beschützen. Ich habe dort ein freieres Leben."

Das mag aus asiatischer Sicht so sein. Aber ist es nicht auch ein Zeichen von Freiheit, wenn man sich in eine Talkshow setzen und die eigene Regierung kritisieren kann? Wäre das in Vietnam auch so problemlos möglich?

Was ist das Rededuell des Abends?

In Diskussionslaune ist die Gastgeberin. Anne Will knöpft sich den Berliner Bürgermeister Michael Müller vor: Bund und Länder haben beschlossen, dass Angehörige von Risikogruppen künftig 15 FFP2-Masken für einen geringen Eigenbetrag erwerben können.

Nach Ansicht von Will sollten die Menschen diese schützenden Masken am besten umsonst bekommen: "Ich find’s kritisch. Sie sind Sozialdemokrat, Herr Müller, ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das sagen muss. Aber für die Lufthansa und die TUI werden Milliarden aufgewendet – und von älteren Menschen verlangen Sie eine Eigenbeteiligung?"

Lufthansa gegen Risikogruppen: Das ist natürlich ein gemeiner Vergleich, und der bringt Michael Müller in der Tat ins Schlingern. "Das ist gar nicht das Entscheidende", sagt er – kommt damit aber bei der Gastgeberin nicht durch.

"Warum schreiben Sie nicht einfach: kostenlos, Bumms!" Das könne er jetzt auch nicht beantworten, seufzt der Bürgermeister – vielleicht könne man das im Bundeskabinett noch einmal regeln.

Und als Müller sich gerade so windet, springt auch noch Christian Linder von der Seite auf den Maskenzug auf: "Warum machen wir das nicht für alle Bürgerinnen und Bürger, die FFP2-Masken?" Ausgerechnet ein Liberaler will also eine Maskenversorgung auf Staatskosten für alle – die Pandemie fördert interessante Dinge zutage.

Was ist das Ergebnis bei "Anne Will"?

Mal ist der aktuelle Teil-Lockdown zu streng, mal ist er zu lasch: Auch Moderatorin Anne Will vertritt mal diese und mal jene Position. Wie erwähnt, weiß man als Zuschauer am Ende nicht mehr, was man denken soll. Dass diskutiert wird, ist richtig. Doch an diesem Abend ist die Debatte selten produktiv und wird von Anne Will auch nicht in die richtigen Bahnen gelenkt.

Am besten gelingt es der Wissenschaftlerin Viola Priesemann, ihre Meinung auf den Punkt zu bringen: Die Physikerin erklärt, dass die Pandemie besser mit niedrigen Fallzahlen zu bewältigen ist – und hätte sich dafür einen kurzen, aber harten Lockdown gewünscht: "Drei Wochen Fallzahlen runter, danach unten bleiben. Am liebsten mit einer europäischen Koordination, dann sind auch die Grenzen kein Problem mehr." Das sei allemal besser als ein dauerhafter Lockdown light.

Bei einem sind sich dann doch gleich mehrere Gäste einig: Ein klares Ziel und eine langfristige Strategie fehlen. Dieser Befund ist auf die Corona-Bekämpfung in Deutschland bezogen – aber er trifft auch gut auf die Sendung zu.

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