Russland steht derzeit fast täglich in den Negativschlagzeilen – entweder wegen des Falls Sergej Skripal oder weil Moskau im Syrien-Krieg fest zu Diktator Baschar al-Assad steht. Bei Maybrit Illner kam es dennoch nicht zu kollektivem Putin-Bashing.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

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Der Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien und die diplomatischen Folgen haben in den vergangen Wochen die Schlagzeilen bestimmt. Für Großbritannien, die Europäische Union und die USA stand der Schuldige schnell fest: Russland. Stichhaltige Beweise für die Beteiligung Moskaus stehen bis jetzt aus.

Auch nach dem Giftgasanschlag auf die syrische Stadt Duma, für den der Westen das Assad-Regime verantwortlich macht, gab es Vorwürfe gegen Syriens Verbündeten Russland.

Für Maybrit Illner die Gelegenheit, die Beziehungen und die Missverständnisse zwischen Russland und dem Westen genauer unter die Lupe zu nehmen.

"Siegermentalität in den USA"

Für Putin-Biograf Alexander Rahr steht fest, dass die Ursachen für die aktuellen Probleme viel früher zu suchen sind. Nämlich in den 1990er Jahren.

"Früher hat man die Sowjetunion als Feind respektiert. Russland respektiert man nicht. Man sieht Russland als Verlierer des Kalten Krieges." Das sei der Schlüssel für das Missverständnis.

Auch Katja Kloger, ehemalige Moskau-Korrespondentin des "Stern" beobachtete "eine gewisse Siegermentalität in den USA in den 90ern".

Linken-Politiker Gregor Gysi erinnerte daran, dass der russische Präsident Wladimir Putin einst im Bundestag mit allen Ehren empfangen wurde und Vorschläge für eine gemeinsame Wirtschafts- und Sicherheitszone gemacht habe. "Das hat den Westen nicht interessiert", klagte er.
Die Folge: Heute besteht ein enormer Interessenkonflikt. "Putin will weder im Nahen Osten, noch in den ehemaligen Sowjetrepubliken seinen Einfluss weiter zurückdrängen und der Westen sagt: Mit Genehmigung der Vereinigten Staaten dürfen wir an eure Grenzen heran." Vor diesem Hintergrund wünscht sich Gysi eine Vermittlerrolle Deutschlands, denn "ohne Russland kriegen wir nicht Frieden und Sicherheit in Europa."

"Akteure, die immer unberechenbarer erscheinen"

Für CDU-Politiker Norbert Röttgen waren solche historischen Details in der Diskussion nebensächlich. Er verwies auf die jüngeren Probleme mit Moskau. Etwa die systematische Verhinderung einer unabhängigen Untersuchung von Giftgasanschlägen in Syrien oder die "Geschichte russischer Lügen".

Ein Verweis Röttgens auf Ereignisse wie die Krim-Annektion, als Russland die Beteiligung eigener Soldaten zunächst vehement abstritt. Auch in Syrien begegnet der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag dem russischen Engagement mit viel Misstrauen.

Es gehe dem Iran, der Türkei und Russland um "machtpolitische Interessen, die sie ohne Rücksicht durchsetzen. Aber an einer Ordnung des Landes sind diese drei weder interessiert, noch sind sie in der Lage dazu." Die USA hätten doch auch machtpolitische Interessen in Syrien, rief ihm Gysi von der Seite zu.

Könne es wegen der Spannungen zwischen den Mächten und den Drohungen, die US-Präsident Trump zuletzt Richtung Russland ausrief, gar zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung kommen?

Katja Gloger zeigte sich besorgt – "in einer Zeit, in der wir es mit Akteuren zu tun haben, sowohl in Moskau als auch in Washington, die mir immer unberechenbarer erscheinen." Im Kalten Krieg habe man zumindest gewusst, "woran man war".

Autorin Sandra Navidi teilte diese Einschätzung. Trump befinde sich wegen seiner innenpolitischen Probleme "gegenwärtig in einem Überlebenskampf und er gerät immer mehr in Panik".

Wenn Russland und die USA so weitermachen, so Linken-Politiker Gysi, sei "China irgendwann die einzige Weltmacht".

Informationskrieg durch USA und Russland

Abschießend versuchten sich die Experten an einer Bewertung des Falls Skripal. Woher Außenminister Heiko Maas eigentlich wisse, dass es die Russen waren, wollte die Gastgeberin wissen. "Das weiß ich nicht", sagte Röttgen. "Oh! Oh!", entgegnete Illner.

Für Röttgen stand dennoch fest: "Entweder waren es die Russen oder die Russen haben die Kontrolle über den Stoff verloren."

Putin-Biograf Rahr vermisste dagegen ein russisches Motiv. "Er wäre völlig verrückt vor den Wahlen, vor der WM einen Spion, der jahrelang in Russland im Gefängnis saß, acht Jahre später zu vergiften."

Er behauptete zudem, dass die USA durch einen sehr erfolgreichen Informationskrieg die Fakten immer so drehen würden, "dass die Russen diejenigen sind, die den Westen angreifen wollen."

Letztlich würden beide Seiten aber vehement ihre Sichtweise vertreten: "Wir stecken in einem grässlichen Informationskrieg, wo man keiner Seite glauben kann", ergänzte Rahr sogleich.

Katja Gloger hielt die Verurteilung Russlands durch den britischen Außenminister Boris Johnson für "voreilig und falsch".

Für Geheimdienst-Experte Christopher Nehring weist dagegen "immer mehr" auf die Schuld Russlands hin. Für ihn seien Skripals Kontakte in den letzten Jahren zu wenig ausgeleuchtet worden. "Wenn er ein neues Geheimnis verraten hat, gäbe es ein Motiv für Russland."

Dass der Mordversuch fehlgeschlagen ist, sah er nicht als Indiz, dass es kein Geheimdienst gewesen sein könne. Unter einen Generalverdacht, wie es der Titel der Sendung vermuten ließ, stellten die Experten Russland jedenfalls nicht.

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