Borussia Dortmunds toller Saisonstart weckt die Hoffnung auf einen echten Kampf um die Meisterschaft gegen den FC Bayern. Trainer Peter Bosz hat die Mannschaft jedenfalls schnell auf Kurs gebracht. Trotz der vielen Siege bleibt aber die Frage: Ist der BVB wirklich schon so gut?

Man muss nach fünf Spieltagen vorsichtig sein mit Urteilen. Das gilt auch für Borussia Dortmund. Der BVB pflügt durch die Bundesliga wie selten zuvor. Beim 3:0 in Hamburg hat die Mannschaft ein paar Rekorde gebrochen und neue Bestmarken aufgestellt.

Roman Bürki ist zum Beispiel seit 450 Minuten zum Bundesligastart ohne Gegentor, das gab es noch nie in Dortmunds Geschichte.

Bosz stellt Trainerrekord auf

Peter Bosz ist der erste Trainer der Historie, der bei seinen ersten fünf Spielen in der Bundesliga jeweils ohne Gegentreffer geblieben ist.

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Und Christian Pulisic erzielte beim 750. Bundesligasieg den 3000. Dortmunder Bundesligatreffer. Auch deshalb steht der BVB nach vier Siegen und einem Remis an der Spitze der Tabelle, bei einem Torverhältnis von 13:0.

Die Vorbereitung war als holprig eingeordnet worden, die Ergebnisse stimmten nicht und auch der neue Stil von Bosz warf einige besorgte Fragen auf.

Die wichtigste: Wie schnell würde sich die Mannschaft in der Defensive gefestigt zeigen bei diesem aggressiven Nach-vorne-Verteidigen, das dem Gegner zwar keine Luft zum Atmen geben soll, auf der anderen Seite aber auch sehr anfällig für Konter sein kann.

Diese Frage hat die Mannschaft in der Bundesliga bereits teilweise beantwortet.

Überragende Kadertiefe

Dortmund ist erstaunlich gut aus den Startlöchern gekommen, daran wird es wohl keinen Zweifel geben.

Die Ergebnisse kommen umso überraschender, da der BVB fast schon traditionell mit jeder Menge Verletzungssorgen zu kämpfen hat. Beim HSV fehlte fast eine komplette Mannschaft. Insgesamt neun Spieler mit Startelfambitionen fielen auf Grund von Verletzungen aus: Die Abwehrspieler Marc Bartra, Jeremy Toljan, Erik Durm und Marcel Schmelzer, dazu die Mittelfeldspieler Raphael Guerreiro, Sebastian Rode und die Angreifer Andre Schürrle, Marco Reus und Mario Götze.

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Ohne Schürrle, Reus und Götze, dafür aber mit Pulisic, Pierre Emerick Aubameyang und Andrej Yarmolenko in der Angriffsreihe gab es jedoch kaum einen Qualitätsverlust.

Die Kadertiefe beim BVB ist beeindruckend. Fallen ein paar deutsche Nationalspieler aus, dann stehen der gefährlichste Teenager der Bundesligageschichte (Pulisic), der Top-Neuzugang (Yarmolenko) und der Torschützenkönig der letzten Saison (Aubameyang) bereit.

Sahin auf der Höhe seines Schaffens

Nuri Sahin ist gewissermaßen auch eine Art Zugang. Der Ur-Dortmunder ist nach schweren Zeiten unter Bosz‘ Vorgänger Thomas Tuchel wieder voll auf der Höhe seines Schaffens und der Verbindungsspieler zwischen einer starken Defensive und einer brillanten Offensive.

Der Trainer hat vielleicht eine etwas zerrüttete Hierarchie vorgefunden, aber eben auch jede Menge Potenzial auf allen Ebenen. Bosz hat die Hackordnung in der Mannschaft schnell geklärt und seine Idee vom Fußball allen Spielern im Kader schmackhaft gemacht.

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"Ich glaube, wir spielen sehr offensiv, verteidigen aber auch sehr offensiv und sind sehr diszipliniert von vorne an", formuliert es Torhüter Roman Bürki, der bisher durchaus vom neuen Spielstil profitiert.

Bosz- mit Tuchel-Fußball vermischen

Ein wenig erinnert der Dortmunder Fußball ja auch an den der großen Tage mit Jürgen Klopp als Coach. Dieses ewig Umtriebige, immer auf der Jagd nach dem Ball, das Gegenpressing als bester Spielmacher.

Das unterscheidet Peter Bosz' Art des Fußballs schon ziemlich von Tuchels, der sich mehr über den Ballbesitz definierte und eingeschliffene Offensivmechanismen.

Dass auch dieser Tuchel-Fußball unter Umständen fehlt, hat die Partie gegen Freiburg gezeigt: Da spielte Dortmund eine Stunde in Überzahl, konnte das Bollwerk des Gegners um dessen Strafraum aber nie so richtig knacken.

Dafür sind die Stilmittel von Bosz eher nicht gemacht. Diese Mischung hinzubekommen aus viel Bosz aber immer auch noch ein wenig Tuchel, dürfte die große Aufgabe dieser Saison werden.

Die Fans jedenfalls schielen schon jetzt ein wenig in Richtung München. Jahrelang waren die Bayern in der Meisterschaft unantastbar.

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Jetzt sorgt die Euphorie schon für erste vage Quervergleiche mit dem Serienmeister. In dem (geringen) Maße, in dem die Bayern womöglich abbauen, könnte der BVB ja immer besser werden und sich am Ende tatsächlich so etwas wie ein offenes Meisterschaftsrennen entwickeln. Das wäre der insgeheime Plan.

Es gibt ein paar Haken

Der hat aber auch noch ein paar Haken:

Die Zahlen lügen nicht, Dortmunds Start ist nahezu überragend. Man darf dabei aber auch nicht verschweigen, dass die bisherigen Gegner ein gefundenes Fressen für die Mannschaft waren. Lediglich gegen die Hertha und zuletzt den HSV war der BVB in der Defensive gefordert.

In Freiburg stockte der Angriffsmotor bei einer nicht vorhersehbaren Änderung des Spielverlaufs. Und mit Verlaub waren Wolfsburg (3:0) und der 1. FC Köln (5:0) an den jeweiligen Spieltagen nicht bundesligatauglich.

Dazu müsste die Mannschaft über die gesamte Saison hinweg eine enorm hohe Konstanz an den Tag legen. Selbst wenn die Bayern einiges liegen lassen sollten, muss der BVB dann auch zur Stelle sein und die Fehler des Kontrahenten kühl nutzen.

In den letzten Jahren gab es jedoch gerade gegen die vermeintlich kleinen Gegner immer wieder unnötige Aussetzer.

Und wie das Champions-League-Spiel gegen Tottenham gezeigt hat, ist der Spielstil der Mannschaft mit den richtigen taktischen Mitteln und dem entsprechenden Personal durchaus anfällig.

Die Spurs waren ein erster echter Härtetest, an dem die Mannschaft prompt scheiterte. Und kommende Woche steht das vielleicht schon vorentscheidende Heimspiel gegen Real Madrid an.

Den besten Saisonstart aller Zeiten hat der BVB übrigens trotz der beeindruckenden Zahlen dieser Tage nicht hingelegt.

Vor zwei Jahren unter Thomas Tuchel startete die Mannschaft mit 15 Punkten aus den ersten fünf Spielen und 18:3 Toren. Auch damals stand sie an der Spitze, vor den Bayern. Die wurden am Ende aber trotzdem mit zehn Punkten Vorsprung überlegen deutscher Meister.