• Thomas Helmer spielte von 1992 bis 1999 selbst für den FC Bayern München und wurde dreimal deutscher Meister.
  • Heute moderiert er auf "Sport1" den "Fan-Talk" und ist mit dem "Doppelpass on Tour" in Deutschland unterwegs.
  • Im Interview spricht der 57-Jährige über die Dominanz des FC Bayern, über deren teure Innenverteidigung und über den Senkrechtstarter Jamal Musiala.
Ein Interview

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Herr Helmer, haben Sie trotz des beeindruckenden Saisonauftakts des FC Bayern München noch Hoffnung auf einen spannenden Meisterschaftskampf?

Thomas Helmer: Nein, ich denke, der FC Bayern wird wieder souverän Meister. Sie haben sich in der Breite noch einmal verstärkt. Vielleicht kann sich der eine oder andere Spieler ohne Robert Lewandowski sogar noch besser entfalten und torgefährlicher werden.

Ich sehe Borussia Dortmund zwar auf einem insgesamt guten Weg. Aber wenn ich mir die ersten beiden Pflichtspiele des FC Bayern im Supercup und in der Bundesliga anschaue, dann wird es für die anderen Mannschaften sehr schwer – und das ist noch vorsichtig ausgedrückt.

Wie sehr schadet die Dominanz des FC Bayern München der Attraktivität der Bundesliga gerade auch wenn es darum geht, Fans aus dem Ausland für die Liga zu begeistern?

Man kann dem FC Bayern keinen Vorwurf machen. Sie leisten gute Arbeit und sind das Aushängeschild der Bundesliga. Aber natürlich wünschen wir uns eine spannende Meisterschaft. Ich wäre sogar schon froh, wenn Dortmund oder Leipzig zumindest einmal im direkten Aufeinandertreffen den FC Bayern besiegen würden.

Es ist auch für die Bayern nicht gut, wenn sie zu wenig Konkurrenz in der Liga haben. Ich glaube, es täte ihnen sogar gut, einmal nicht Meister zu werden. Danach ist man umso motivierter und schaut, wo man sich verbessern kann. Das kenne ich noch aus meiner Zeit. Auch für die Champions League ist es nicht gut, wenn sie in der Liga zu wenig gefordert sind. Manche behaupten, es wäre ein Vorteil, wenn man sich in der Liga schonen kann. Aber das stimmt nicht.

Ist der FC Bayern stark genug aufgestellt, um womöglich die Champions League zu gewinnen?

Ja, theoretisch schon. Gegen Mannschaften wie Manchester City oder den FC Liverpool wird es natürlich schwierig. Aber Real Madrid ist ein gutes Vorbild: Sie hatten die richtige Mentalität, haben Spiele umgebogen und sind über sich hinausgewachsen. Ich denke, das kann der FC Bayern auch.

Jamal Musiala begeistert mit seinen fußballerischen Qualitäten ganz Deutschland und ist erst 19 Jahre alt. Trauen Sie ihm zu, eines Tages ein ähnliches Niveau wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi zu erlangen?

Ronaldo und Messi stehen für das allerhöchste Niveau. Aber so wie Musiala momentan aufspielt und was für Fähigkeiten er hat – das ist wirklich vom Allerfeinsten. Ich glaube, dass er ein ganz großer Spieler wird. Er ist bereits jetzt sehr weit. Wenn er sich nicht verletzt, ist das eine echte Rakete.

Andererseits hat man früher auch bei Mario Götze gedacht, er könnte Weltfußballer werden…

Ja, aber das sind unterschiedliche Spielertypen. Musiala ist extrem beweglich, hat zudem aber noch mehr Zug zum Tor als Mario Götze es hatte. Was für Tore er in diesem Alter bereits macht, ist beeindruckend. Wir können froh sein, dass er sich für Deutschland entschieden hat. Er hätte ja auch für England spielen können.

Leroy Sané droht von Musiala verdrängt zu werden. Bei den ersten beiden Pflichtspielen wurde er erst spät eingewechselt. Wird er den Durchbruch beim FC Bayern überhaupt noch schaffen?

Der FC Bayern hat viele Spiele und braucht daher auch Sané. Von den Fähigkeiten her würde ich ihn niemals infrage stellen. Ich finde, auf solch einen Spieler kann man nicht verzichten, auch der FC Bayern sollte das nicht tun. Musiala hat ihm momentan zwar ein bisschen den Rang abgelaufen. Aber man sollte erst einmal abwarten, wie sich alles weiterentwickelt.

Sprechen wir über Ihre frühere Position – die Innenverteidigung. Der FC Bayern hat mit Lucas Hernandez und dem Neuzugang Matthijs de Ligt das teuerste Innenverteidiger-Duo der Welt. Zusammen haben diese beiden Spieler rund 147 Millionen Euro Ablöse gekostet. Rechnet man auch noch die etwa 42,5 Millionen Euro hinzu, die der FC Bayern im vergangenen Jahr für Dayot Upamecano bezahlt hat, sind wir bereits bei rund 189,5 Millionen Euro. Müsste der FC Bayern dadurch die weltbeste Innenverteidigung haben?

Ich schaue nicht so sehr auf das Geld, sondern auf die sportliche Leistung. Bei Upamecano hat man gemerkt, dass das erste Jahr beim FC Bayern nicht so einfach ist. Er hat viele Fehler gemacht. Aber ich halte ihn dennoch für einen super Spieler. Bei Hernandez ist es ähnlich. Aber meiner Meinung nach hat er die Erwartungen bislang nicht erfüllt. Bei de Ligt müssen wir erst einmal abwarten, wie er in München funktioniert.

Grundsätzlich hat der FC Bayern eine gute Auswahl in der Innenverteidigung. Benjamin Pavard kann zur Not auch als Innenverteidiger spielen. Sie sind hinten sehr flexibel und könnten zum Beispiel auch mit einer Dreierkette spielen. Ich sehe den FC Bayern defensiv gut aufgestellt. Um die weltbeste Innenverteidigung zu sein, müssten die Verteidiger allerdings auch sehr gut miteinander harmonieren. Und das benötigt Zeit.

Sie waren selbst einmal der teuerste Transfer der Bundesliga-Geschichte. Im Jahre 1992 wechselten Sie für eine für damalige Verhältnisse sehr hohe Ablöse von 7,5 Millionen Mark von Borussia Dortmund nach München. Was für einen Druck bedeuten diese Ablösesummen für einen Spieler selbst?

Ich glaube, dass sich die damaligen Zeiten nicht mit den heutigen vergleichen lassen. Die jungen Spieler von heute sind diese Summen gewohnt. Ich war sie damals nicht gewohnt. Für mich war das damals eher ein Problem. Ich kam zum FC Bayern, wir hatten unsere Spiele gewonnen und trotzdem stand in der Zeitung, dass ich zu den Spielern gehöre, die man aussortieren könnte. Das war schon merkwürdig (lacht).

Sie waren von 1992 bis 1999 beim FC Bayern München und wurden in dieser Zeit dreimal deutscher Meister. Rückblickend betrachtet: Wären Sie wie die heutigen Bayern-Spieler ebenfalls lieber jährlich Meister geworden oder sind Sie froh, spannende Meisterschafts-Duelle erlebt zu haben?

Zu meiner Zeit wurden eben auch andere Mannschaften Meister – Borussia Dortmund, der SV Werder Bremen und der 1. FC Kaiserslautern. Wir wurden in diesen Fällen dann meistens Zweiter. Die Vereine haben sich damals gegenseitig angespornt. Das war damals noch ein richtiger Wettbewerb. Dieses Gefühl hat man heute leider nicht mehr.

Über den Experten: Thomas Helmer war von 1984 bis 2000 Fußball-Profi und spielte für Arminia Bielefeld, Borussia Dortmund, den FC Bayern München, Hertha BSC und den englischen Profiverein AFC Sunderland. Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde er 1996 Europameister. Danach begann er seine Fernseh-Laufbahn als Moderator bei Sport1.