Vor dem Hochrisikospiel Deutschland gegen Polen sprach unsere Redaktion mit dem Fan- und Hooliganismus-Forscher Gunter A. Pilz über das Gefahrenpotenzial von Hooligans - und einen erschreckenden Wandel der Szene. Mit Blick auf die EM erhebt der Insider zudem schwere Vorwürfe gegen die französische Polizei und die UEFA.

Schwere Ausschreitungen haben die Fußball-EM 2016 in Frankreich überschattet. Auf dem Höhepunkt der Gewaltexzesse hatten russische Hooligans während des Gruppenspiels gegen England einen gegnerischen Fan-Block gestürmt und dort auf die Menschen eingeprügelt. Die UEFA belegte den russischen Verband mit einer Geld- und Bewährungsstrafe.

Auch abseits der Stadien lebten Hooligans ihre Sucht nach Gewalt aus. Das Gruppenspiel zwischen Deutschland und Polen (20:45 Uhr im Live-Ticker) gilt ebenfalls als Hochrisikospiel, weil beide Länder für brutale Hooliganszenen berüchtigt sind, weiß Fan-Experte Gunter A. Pilz im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Pilz, schwere Krawalle von Hooligans überschatten die Fußball-EM in Frankreich. Kommt diese Gewalt überraschend?

Prof. Dr. Gunter A. Pilz: Sie kommt nicht überraschend. Seit über einem Jahr war bekannt, dass diese Spiele Hochrisikospiele sein werden. Wir wissen seit Monaten, dass deutsche, polnische und russische Hooligans aus dem rechtsradikalen Lager mobil machen.

Lassen sich Hooligans heute also auf das rechtsradikale Lager eingrenzen?

Der große Unterschied zu Hooligan-Auseinandersetzungen der 1980er- und 1990er-Jahren ist, dass die heutige Hooligan-Generation sehr stark von Neonazi- und rechtspopulistischen Szenen unterwandert ist. Gerade in Osteuropa ist das extrem, aber auch in östlichen Bundesländern ist das dominant.

Der Hooliganismus, der jetzt zurückschlägt, ist politisiert und brutalisiert. Die russische und polnische Hooligan-Szene ist durch das kriminelle, teils durch das Rotlicht- und Drogen-Milieu durchsetzt. Was alarmierend ist: Es sind viele, sehr gut geschulte Kampfsportler darunter, die Fußballspiele als eine Art Wettbewerb nutzen.

Ist dadurch die erschreckende Brutalität zu erklären?

In der Tat ist diese Gewalt entgrenzt, ohne jede Regeln. Auch darin unterscheiden sich die Hooligans bei dieser EM von den 1980er- und 1990er-Jahren. Damals gab es den Kodex, dass wenn jemand auf dem Boden liegt, man nicht mehr auf diesen drauftritt.

Seinerzeit haben sich die Hooligans nur mit ihresgleichen gemessen. Heute wird jeder angegriffen, egal, ob er Hooligan ist oder nicht.

Und Nationalismus spielt eine entscheidende Rolle. Deutsche Hooligans waren mit der ehemaligen Reichskriegsflagge zu sehen.

Wir wissen, dass gerade in Sachsen und Brandenburg Hooligans aus dem rechtsradikalen Lager für Frankreich mobil machen. Die Gruppe, die im Fernsehen zu sehen war, stammt aus Dresden. Sie ist bekannt und berüchtigt. Das ist der Trend.

Mit dem zunehmenden Rechtspopulismus in allen europäischen Staaten nimmt auch der Hooliganismus wieder zu. Das ist eine gefährliche Symbiose zwischen Neonazis auf der einen und gewaltbereiten Hooligans auf der anderen Seite.

Spielplan Fußball-EM 2016 in Frankreich

Muss sich die französische Polizei Vorwürfe machen?

Sie muss sich massive Vorwürfe gefallen lassen. Auch die UEFA, die das Spiel zwischen England und Russland als Hochrisikospiel eingestuft hat, was eigentlich strengste Sicherheitsvorkehrungen im Stadion vorsieht.

Wenn es dann russischen Hooligans gelingt, einen englischen Block zu stürmen und dort für Chaos zu sorgen, hat die UEFA ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Mit einer klaren Konzeption kann man das Problem in den Griff bekommen.

Aber?

Die Franzosen haben völlig falsch reagiert. Sie haben nicht differenziert zwischen dem harten Kern, und sie haben zu spät eingegriffen. Somit haben sie es zur Eskalation gebracht.

Die Mehrheit der Engländer waren keine Hooligans, sondern volltrunkene Fans, mit denen man ganz anders umgehen muss. Die französische Polizei hat schlicht und ergreifend versagt. Das ist ärgerlich.

Weil?

Weil den französischen Behörden seit Jahren Hilfe angeboten wurde. Ich habe selber am intensivsten mit ihnen diskutiert. Ihnen wurde gesagt: Nehmt die Hilfe an, lasst euch zeigen, wer die Problemfans sind und wer nicht, wir geben euch unsere szenekundigen Beamten an die Seite. Das haben sie brüsk abgelehnt. Für diese Selbstüberheblichkeit haben sie die Quittung bekommen. Wenn ich Zahlen nennen darf?

Gerne.

Bei der EM 2008 in Österreich und in der Schweiz sowie 2012 in der Ukraine und in Polen waren jeweils über 50 deutsche szenekundige Beamte vor Ort und haben die Einsatzkräfte beraten. Die Franzosen haben das weitgehend abgelehnt.

In Lille waren gerade mal acht deutsche Beamte zugelassen. Für das Spiel gegen Polen haben sie vier mehr genommen, jetzt sind es zwölf deutsche Beamte. Die Franzosen setzen auf eine Erhöhung ihrer Einsatzkräfte. Doch die Formel "Mehr Polizei gleich mehr Sicherheit" hat noch nie gestimmt.

Die deutschen Beamten könnten den französischen Kollegen sagen, wen sie im Auge behalten müssen?

Richtig. Sie können ihnen auch sagen, wo diese Personen sich aufhalten. In der Schweiz hatten deutsche Polizisten sogar Sanktionsmöglichkeiten. Zum Beispiel hatten sie das Recht, Hooligans wieder auszuweisen. Die Franzosen haben gesagt, dass sie das nicht brauchen.

Wenn ich über den Gegenüber nicht viel weiß, laufen meine polizeilichen Sicherheitsstrategien Gefahr zu scheitern. Wüsste die französische Polizei besser Bescheid, könnte sie viel besser differenzieren, gezielter eingreifen. Dieses Angebot haben die Franzosen nicht angenommen, obwohl sie 1998 bei der WM vor genau dem gleichen Problem standen. Sie haben in den letzten 18 Jahren nichts gelernt.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärte, den französischen Behörden die Namen sogenannter Gefährder übermittelt zu haben.

Die deutschen Sicherheitsbehörden und der Deutsche Fußball-Bund haben ihre Hausaufgaben sehr gut gemacht. Wenn die französische Polizei das, was man ihr vorschlägt, nicht annimmt, kann man nichts mehr machen.

Die deutsche Polizei hat all das, was sie an Informationen hatte, weitergegeben. Sie hat ihr Bestes gegeben, um bekannte Personen, die etwa mit Stadionverboten belegt sind, an der Grenze zurückzuweisen. Aber wir haben eine offene Grenze. Hooligans sind nicht blöd. Wer wirklich nach Frankreich will, reist nicht über Deutschland ein.

Ein anderer Faktor dürfte Alkoholkonsum sein. Ein Kollege schilderte, dass es zum Beispiel in Marseille Bier in großer Menge zu kaufen gab.

Bei der UEFA gilt bei internationalen Spielen normalerweise Alkoholverbot. In der Tat ist Alkohol ein ganz großes Problem. Nicht wegen der Hooligans. Sie trinken überhaupt keinen Alkohol. Sie brauchen für ihre Kampfsporttritte eine klare Koordination. Da können sie nicht besoffen sein. Deswegen trinken sie grundsätzlich nicht.

Sie nehmen aber aufputschende Mittel, Kokain und Designer-Drogen. Diese lassen sie Schmerzen länger ertragen. Das Problem beim Alkohol ist, dass sich zum Beispiel Tausende besoffene englische Fans instrumentalisieren lassen, wenn nur 100 oder 50 Hooligans kommen und sie provozieren.

Heute spielt Deutschland gegen Polen, auch diese Partie ist als Hochrisikospiel eingestuft. Müssen wir uns zwangsläufig auf Hooligan-Krawalle einstellen?

Paris ist sicher weitläufiger als die Kleinstädte Lille oder Lens. Aber die Hooligans werden versuchen, aneinander ranzukommen. Die haben sich verabredet. Es wird sicher Hooligan-Auseinandersetzungen geben. Die Hooligans haben massiv mobil gemacht. Viele sind schon da. Man rechnet mit einer Größenordnung von bis zu 500 deutschen Hooligans.

Der Sportsoziologe Gunter A. Pilz hat an der Uni Hannover jahrzehntelang zu Themen wie "Sport und Gewalt" und "Fankulturen" geforscht. In den vergangenen Jahrzehnten erstellte der heute 71-Jährige mehrere Gutachten zum Thema für das Bundesministerium des Innern. Pilz ist Mitglied der DFB-Kommissionen "Prävention & Sicherheit & Fußballkultur" und "Gesellschaftliche Verantwortung" und sitzt in der Expertenkommission "Ethics and Fair Play" der UEFA.