Der erste Spieltag der EM 2016 ist rum, jede Mannschaft hat sich einmal präsentiert - mal besser, meist schlechter als erwartet. Was bisher hängen blieb von der Endrunde in Frankreich.

Trends des Spieltags

Die EM hatte noch nicht begonnen, da ächzte der Gastgeber unter der Last der Erwartung. "Unglaublich hoch" fand Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps den Anspruch auch nach dem 2:1 über Rumänien, ein irreguläres und ein Glückstor (wenn auch wunderschön) mussten herhalten, damit der Favorit wankte, ohne zu stürzen.

Verband: TV-Bild von Löws Griff in Hose hätte nicht gezeigt werden dürfen.

Es ist der erste Trend dieses Turniers: Die Kleinen mucken auf. Rumänien war dran, Russland luchste den Engländern ungeniert ein 1:1 ab, Tschechien erwehrte sich Titelverteidiger Spanien mit Mauertaktik bis zur 87. Minute, Island ärgerte Portugal und Ungarn schockte Österreich.

Das DFB-Team wäre von der Ukraine beinahe böse überrascht worden, selbst Wales will plötzlich nicht mehr Wales sein, ein Synonym für Fallobst. "Wenn wir sieben Spiele gewinnen, sind wir Europameister", rechnete Gareth Bale nach dem 2:1 über die Slowakei vor.

Der gar nicht mehr geheime Geheimfavorit Belgien musste erleben, wie die "Seniorentruppe" aus Italien zu einem 2:0 gondelte. Mamma mia! Schon prophezeit Legende Alessandro del Piero: "Warum soll nicht alles möglich sein?" Gute Frage.

Highlights des Spieltags

Klar, die Ouvertüre gehörte Dimitri Payet, mit einem Traumtor und Tränen des Glücks. Der eingesprungene Jérôme Boateng, festgehalten aus der Hintertor-Perspektive - famos. Luka Modrić, per Volley ins Netz - virtuos. Groß und artig, abseits des Rasens: die schwedischen und irischen Anhänger mit der voluminösen Choreografie eines Fan-Festes. So soll's sein!

Und dann war da noch dieses: Wie Gianluigi Buffon jubelnd im zarten Alter von 38 Richtung Tor sprintet, völlig losgelöst, wie er sich im Rausch der Sinne ans Aluminium hängt - und zu Boden plumpst. "Die Latte war rutschig, ich konnte mich nicht festhalten. Aber ich habe nichts gespürt, da der Adrenalinspiegel so hoch war", berichtete Buffon. Zutiefst goldig, diese Leidenschaft fürs Fußballspiel.

DFB-Star hat kein Problem mit dem Hosengriff seines Trainers.

Enttäuschungen des Spieltags

Es ist zu früh für Urteile, aber Zwischenbilanzen sind erlaubt. Wer im Voraus mit Getöse zum Star erkoren wird, entpuppt sich meist als Mitläufer. Antoine Griezmann und Paul Pogba, Cristiano Ronaldo und Thomas Müller, Robert Lewandowski und David Alaba, einer der nassforschen Engländer um Dele Alli oder einer der nassforschen Belgier um Kevin De Bruyne, alles Hausmannskost statt Kaviar. Sogar Super-Zlatan Ibrahimovic erdete sich zur irdischen Gestalt: "Ich kann viel besser spielen."

Ebenfalls zu bekritteln sind die wenigen Treffer, keine Nation schoss über zwei Tore. Das hängt mit arg defensiven Grundordnungen der Außenseiter zusammen, was als Beleg für das Qualitätsgefälle durch die Aufstockung auf 24 Teilnehmer dient.

Zudem ist - konträr zur Vereinsebene - ein deutlich geringeres Maß an Offensivpressing zu registrieren. Müdigkeit nach der langen Saison? Oder dosierte Risikobereitschaft zum EM-Start? Die Folgetage werden es zeigen.

Schatten des Spieltags

Leider kann der Blick nicht ausschließlich beim Sport verharren, er muss darüber hinaus wandern, zu Bildern, die keiner sehen will, aber die meisten befürchtet hatten. Krawalle in Marseille, russische Schläger gegen britische Widersacher, im Hafen und im Stadion, Auseinandersetzungen in Lille zwischen Deutschen und Ukrainern. Hooligans instrumentalisieren die bunte Bühne, widerlich.

Der nächste Brandherd lauert bei England gegen Wales - in Lens, dem kleinsten EM-Ort, nachdem Russland zuvor im nahen Lille spielte. "Es benötigt nicht das allergrößte Gehirn, um festzustellen, dass Lens Probleme haben wird, eine solche Menschenmenge unterzubringen", fürchtet die "Daily Mail".

Diese Statistik dürfte dem deutschen Nationalspieler gar nicht gefallen.

Zensur des Spieltags

Der Flitzer in Kroatiens Jubeltraube war bloß im Ansatz zu erspähen, dann schwenkte die Kamera um. Die schlimmen, jedoch zur Wahrheit gehörenden Ausschreitungen bei England gegen Russland wurden verschwiegen. Die Uefa kanalisiert Schnipsel zum Zwecke eines Heile-Welt-Eindrucks, diese Masche greift seit Jahren, endlich lehnen sich die Öffentlich-Rechtlichen auf. Derartige Zensur, kritisieren sie, sei unglaubwürdig. Und so plump wie peinlich.

Skandal des Spieltags

Unbegreiflich, was Igor Lebedew, russischer Parlaments-Vizepräsident und Vorstandsmitglied des Fußballverbandes, auf Twitter verzapfte. "Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so", schrieb er. Die Hooligans hätten "die Ehre ihres Landes verteidigt und es den Engländern nicht gestattet, unser Land zu entweihen. Wir sollten unsere Fans verstehen." Nein, sollten wir nicht. Ganz. Sicher. Nicht.

Bayern-Profi konnte gegen Ukraine nicht überzeugen. Das ist der Plan B.

Sprint des Spieltags

Zum Schluss nochmal Sport. In Form eines Sprints, den sie diesem Mann mit den grauen Schläfen nicht mehr zutrauten. Bastian Schweinsteigers Lauf mit anschließender Veredelung zum 2:0 war ein persönlicher Meilenstein. In seinem 14. EM-Einsatz (deutscher Rekord von Philipp Lahm eingestellt) ließ Schweinsteiger das missliche, weil verletzungsgeplagte Halbjahr 2016 hinter sich - kaum, dass er eingewechselt war.

"Das gibt ihm, aber auch uns allen Auftrieb", sagte Bundestrainer Joachim Löw, der seine hübsche Auftaktbilanz ausbaute (jetzt 13:0 Tore seit der EM 2008). Als Mahnung freilich dieses: Das zweite Turnierspiel haben Löws Mannen bei bisher vier Versuchen lediglich einmal gewonnen ...