• Die Europameisterschaft ist mit dem Final-Sieg der Italiener gegen England zu Ende gegangen.
  • Olaf Thon hält Italien für einen verdienten Sieger und spricht über seine Erfahrungen bei seinem Elfmeterschießen bei der WM 1990.
  • Die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft sieht er trotz des Trainerwechsels nur bedingt optimistisch.
Olaf Thon
Eine Kolumne
von Olaf Thon
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Von Anfang an war ich von Italien beeindruckt. Man hat gesehen, dass da etwas Besonderes heranwächst, mit tollen Spielern wie zum Beispiel Immobile. Wobei ich gedacht hatte, dass dieser dann der entscheidende Faktor sein würde. Am Ende aber hat in Leonardo Bonucci ein Abwehrspieler seinen Fuß für den Ausgleich hingehalten.

Italien hatte mit Gianluigi Donnarumma einen tollen Torhüter und mit dem Kapitän Giorgio Chiellini und Bonucci eine super Abwehr. Dieses Gerüst da hinten hat zusammengehalten und am Ende den Ausschlag gegeben, um im Finale auch zu gewinnen.

Aber auch die erfrischende Spielweise von den Italienern, die wir in der Vergangenheit gar nicht kannten. Früher haben sie, wenn sie ein Tor gemacht haben, nur versucht, zu verteidigen, und das war diesmal anders. Das war schön anzusehen und Italien am Ende sicherlich der verdiente Sieger. Wobei England in nichts nachstand und durchaus hätte auch Europameister werden können. Es ist sehr traurig, gerade im Elfmeterschießen so bitter unterzugehen.

"Ich weiß, wie groß die Anspannung ist"

Ich selber habe zwei wichtige Elfmeter-Entscheidungen in meiner Karriere gehabt: 1990 im Halbfinale gegen England, wo ich den letzten deutschen Elfmeter geschossen habe, der Gott sei Dank reinging, und 1997 mit dem FC Schalke gegen Inter Mailand beim UEFA-Pokal-Sieg.

Ich weiß, wie groß die Anspannung ist - auch bei Weltklasse-Spielern - und gerade bei den jungen, die von England-Trainer Gareth Southgate benannt wurden und die dann versagt haben. Ich möchte dem Trainer eigentlich keinen Vorwurf machen. Der wird seinen Grund gehabt haben, warum er Jadon Sancho und Marcus Rashford kurz vor Schluss gebracht hat fürs Elfmeterschießen.

Aber das hat unter dem Strich nicht gezogen, und er hat die Verantwortung dafür zu Recht übernommen. Aber trotzdem wächst auch in England etwas für die nächsten Jahre heran. Und wenn ich dann auf Deutschland komme, dann muss ich sagen, dass sie uns im Moment anderthalb Schritte voraus sind.

Bei der Wahl der Elfmeterschützen gab es offenbar eine Strategie. Sie haben ja sehr oft Elfmeter geübt, wie sie gesagt haben. Die negative Geschichte der Engländer beim Elfmeterschießen hatten sie dabei bestimmt im Hinterkopf. Southgate hat dann auf die Jungen gebaut, die höchstwahrscheinlich die besten Elfmeter im Training geschossen haben. Sonst hätte er das nie gemacht. Und wenn andere Ältere sich stark gefühlt hätten, die Verantwortung für die Jugendspieler, fürs Team, für England zu übernehmen, dann hätten sie das getan. Es war wahrscheinlich keiner da.

Die Frage ist auch, inwieweit entscheidet das der Trainer. Ich bin 1990 zu Franz Beckenbauer gegangen und wollte schießen. Der hatte mich gar nicht auf dem Zettel: Elfmeterschießen hat nichts mit Erfahrung und Alter zu tun, sondern man muss den Mut haben, zum Elfmeterpunkt zu gehen. Das macht 80 Prozent aus. Der Rest ist Technik und Voraussetzung. Und einen Elfmeter kann jeder schießen, außer Chiellini von Italien vielleicht.

"Die Dümmsten schießen die besten Elfmeter"

Bei einem Elfmeterschießen nimmt man sich den Ball an der Mittellinie oder bekommt ihn kurz vor dem Sechzehner. Man hat viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe mal gesagt: "Wer am meisten nachdenkt, verliert." Also die Dümmsten schießen die besten Elfmeter ironischerweise.

Ich habe mich stark geredet, weil mir im WM-Halbfinale 1990 der 40-jährige Torhüter Peter Shilton gegenüberstand. Ich habe ihn mir während des Elfmeterschießens angesehen, und er sprang immer erst dann in die Ecke, wenn der Ball im Netz war. Ich dachte mir: "Triff einfach das Tor" - und er flog dann auch meinem Ball hinterher.

Das Foul von Jorginho an Grealish in der Verlängerung war für mich übrigens eine Rote Karte. Er nimmt mit offener Sohle billigend in Kauf, dass sein Gegenspieler verletzt wird. Der Schiedsrichter stand gut, und es war aus seiner Sicht dann wohl eine "Kann-Entscheidung". Aus meiner Sicht wäre Rot ein Muss gewesen. Allerdings hätte eine andere Entscheidung den Spielverlauf nicht mehr groß beeinflusst.

Zuschauer in den Stadien sind "das Salz in der Suppe"

Eine EM in mehreren Ländern war mal etwas anderes, aber eine einmalige Geschichte. Man hatte wirklich, was die Zuschauerzahlen betrifft, eine riesige Spanne. Aber wieder Zuschauer in den Stadien zu haben, das war das Salz in der Suppe, das hat uns allen die Freude am Fußball wiedergegeben.

Ich hoffe natürlich auch, dass dadurch nicht Entwicklungen entstehen, die uns dazu zwingen, wieder zurückzuschalten oder in einen Lockdown zu gehen. Ich habe aber ein gutes Gefühl. Wenn ich den Fachleuten jetzt wirklich Glauben schenken kann, dann ist es so, dass das Allerwichtigste ja immer war: Wie viele sind an den Beatmungsgeräten, und wie viele sterben? Das scheint durch die Impfung im Griff zu sein. Von daher bin ich optimistisch, dass es keine negativen Auswirkungen geben wird. Man muss so schnell wie möglich versuchen, zur Normalität zurückzukommen, wenn die Gefahr der Todesfälle gebannt ist.

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Nach zwei Spielminuten des EM-Finales sieht es danach aus, als könne England 55 Jahre des Schmerzes und der Enttäuschungen seit dem Gewinn der WM 1966 endlich ad acta legen. Doch am Ende werden wieder Elfmeter geschossen, und es ist Englands Kapitän, der stellvertretend für die ganze Nation seine Frau trösten muss.

Thon: Jogi Löw war "drei Jahre zu lange" im Amt

Bei der deutschen Nationalmannschaft denke ich, dass der Bundestrainer drei Jahre zu lang im Amt war. Man hat dem Weltmeistertrainer von 2014 die Chance gegeben. Das finde ich auch prinzipiell gut, weil die Trainer im Fußball generell viel zu schnell entlassen werden. Bei Jogi Löw war es dann aber ein bisschen zu lange, weil er die Wende nicht mehr geschafft hat. Die Niederlagen gegen Spanien und auch Nordmazedonien waren einfach zu viel.

Er hat es nicht geschafft, eine Mannschaft aufs Feld zu schicken, die erfolgreich sein kann. Vorne im Sturm fehlt ein echter Stürmer wie Kane bei England, Immobile bei Italien oder Lukaku bei Belgien. Wir haben gute Stürmer, aber keinen zentralen Mittelstürmer. Außerdem war Kimmich auf der rechten Seite in meinen Augen verschenkt. Löw hat den Fehler gemacht, ihn nicht auf der zentralen Mittelfeld-Position aufzustellen. Auch in der Innenverteidigung war Deutschland im Vergleich zu England und Italien schlechter. Vor allem was Kopfballspiel und Schnelligkeit angeht.

Bei der Frage, ob Hansi Flick die Wende herbeiführen kann, bin ich zwiegespalten. Die WM-Qualifikation wird kein Selbstläufer, weil neue Spieler nicht wie Phoenix aus der Asche auftauchen werden. Es wird unglaublich schwer, bis zur WM im Katar Ende 2022 eine schlagkräftige Truppe zusammenzustellen. Ich traue es Flick aber zu, eine Änderung herbeizuführen. Ich glaube nicht, dass wir zu den Favoriten zählen werden, hoffe aber, dass dann wir eine Überraschungsmannschaft sein können, wie die Dänen es geschafft haben.

Spieler aus der U21 müssen integriert werden

Junge Leute aus der U21, die Europameister geworden sind, wie beispielsweise Baku oder Wirtz, müssen unbedingt eingebaut werden. Deswegen finde ich es auch gut, dass Toni Kroos die Entscheidung getroffen hat, zurückzutreten. Die Kritik an ihm finde ich unangebracht, denn er hat vieles geleistet für Deutschland. Schuld ist in erster Linie der Bundestrainer, der ihn aufgestellt hat und nicht der Spieler, der für die Mannschaft versucht hat, alles zu geben.

Was mir von dieser EM am meisten in Erinnerung bleiben wird, sind die Ereignisse rund um Christian Eriksen. Die waren als Aufgalopp zum Turnier das Brutalste, was hätte passieren können. Gott sei Dank ist er am Leben geblieben. Ich drücke ihm die Daumen, dass er wieder Fußball spielen kann.

Ansonsten waren die einzelnen Spiele – auch mit den 24 Mannschaften – zeitgemäß und durchaus vertretbar. Da gibt es ja durchaus Personen, die das erweiterte Teilnehmerfeld kritisch sehen. Aber dieses Rad werden wir nicht mehr zurückdrehen können.

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Es sind viele Tore gefallen, die Mannschaften haben alle versucht, nach vorne zu spielen. Das war Werbung für den internationalen Fußball auf allen Ebenen. Ich fand einfach klasse, dass die Zuschauer wieder zurückgekommen sind – auch wenn ich um die Problematik der möglichen Corona-Auswirkungen weiß. Aber die Tränen der Engländer und die Freude der Italiener nach dem Finale gehören zum Fußball wie das Salz in die Suppe.

Ich bin froh, dass ich von der ersten Kolumne an immer wieder gesagt habe, dass Italien die EM gewinnt. Natürlich habe ich aber auch ein Herz für die Engländer, die Dänen oder die Schweiz. Da waren wirklich super Mannschaften dabei.

Protokoll mit Olaf Thon von Ludwig Horn

Declan Rice
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Teaserbild: © imago images/Focus Images