Luca Waldschmidt hat es innerhalb eines Jahres vom Ergänzungsspieler in der Bundesliga bis in den Kader der deutschen Nationalmannschaft geschafft. Wie war das möglich - und wie könnte Waldschmidt bei Joachim Löw eingesetzt werden?

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Natürlich ist da dieses Tor. Wie er den Ball aus dem Stand raketenartig beschleunigt und der dann aus gut 25 Metern in den Knick rauscht. Ein Tor wie eine Urgewalt, rücksichtslos, ansatzlos, einfach rein damit. Ein Treffer wie dieser ist ein Spektakel, nicht umsonst wurde er von den Fans der "Sportschau" später zum Tor des Monats Juni gewählt.

Seitdem wird Luca Waldschmidt immer wieder mit dieser sagenhaften Einzelleistung in Verbindung gebracht, das Tor wird rauf und runter gezeigt im Fernsehen. Dabei hat er bei der U21-Europameisterschaft in diesem Sommer, als ihm auch der berühmte Schuss gegen Österreich geglückt ist, noch ganz andere Dinge gezeigt:

Fußballerisch deutlich anspruchsvoller, genialer, außergewöhnlicher. Sein Lupfer gegen Dänemark zum Auftakt etwa, aus vollem Lauf gespielt, formvollendet ins lange Eck gelegt. Ein Traum von einem Treffer.

Und er hat schon wichtigere Tore geschossen als jenes im Gruppenspiel gegen den Nachbarn. Vor zwei Jahren rettete Waldschmidt den Hamburger SV vor dem Abstieg, ein Kopfball ein paar Minuten vor dem Abpfiff brachte den erlösenden Sieg.

Es war Waldschmidts erstes Bundesligator überhaupt, zuvor hatte er in 30 Spielen vergeblich Anlauf genommen. Das Tor feierte er wie Antoine Griezmann, aber der war damals, im Mai 2017, noch gefühlte Lichtjahre entfernt. Waldschmidt hatte Probleme, in der rauen Wirklichkeit von Deutschlands höchster Spielklasse Fuß zu fassen.

Wechsel nach Freiburg war entscheidend

In den Leistungsklassen der Jugend schoss er die Gegner für Eintracht Frankfurt reihenweise von den Plätzen. In der U17-Bundesliga erzielte er 30 Tore in nur 40 Spielen, bei den A-Junioren waren es dann 14 Treffer in 29 Partien. Mit 18 erfolgte deshalb auch schon der Sprung zu den Profis, dort so richtig angekommen ist Waldschmidt aber erst seit einem Jahr.

"In der Jugend war es so, dass ich gesetzt war", hat er mal erzählt. "Bei den Profis musst du deinen Platz erkämpfen. Es ist nicht so einfach, wenn du eine ganze Saison auf 110 Prozent läufst und es gefühlt niemand merkt. Da fällt's dir schwer, dich immer wieder hoch zu ziehen."

Ihm fehlten der nötige Körperbau und die Wettbewerbshärte. Allein mit seinem feinen Fußball konnte sich Waldschmidt in der Bundesliga nicht durchsetzen.

Mit dem Wechsel ins Freiburger Biotop begann der Aufschwung, im Breisgau bekommen die Spieler eben noch ein bisschen mehr Zeit und Vertrauen und vielleicht auch Nestwärme, um sich zu entfalten. Die EM in Italien und San Marino wurde nach seinem nationalen Durchbruch dann zu seinem Durchbruch auf internationalem Parkett.

Auf allen offensiven Positionen zu Hause

In Europa war der schmächtige Junge mit dem Wuschelkopf plötzlich eine große Nummer. Die italienischen Zeitungen, bekannt für ihre teils blumigen, teils knüppelharten Überschriften, tauften ihn in Anlehnung an den unerreichten und in Italien gefürchteten Gerd Müller "Il Bomber".

Wegen der vielen Tore natürlich, bei der EM waren es immerhin sieben und am Ende durfte Waldschmidt deshalb die Torjägerkanone entgegennehmen. Unter Gleichaltrigen ist er - mal wieder - einer der Besten. Sein Spiel hat mit Bomber Müller aber so gar nichts gemein.

Waldschmidt ist ein Freigeist, auf allen offensiven Positionen zu Hause, mal Angreifer in vorderster Linie, dann Spielgestalter im Zentrum oder vom Flügel kommend. Der 23-Jährige ist weder besonders schnell, noch besonders robust, geschweige denn zweikampfstark.

Aber im Kopf schneller als andere, in den kurzen, wendigen Bewegungen flinker als seine Gegner und mit einer herausragenden Technik und einem Spielverständnis gesegnet, wie es nur wenige andere Spieler in der Bundesliga haben. Und dann noch dieser linke Fuß: Fast schon klinisch präzise im Passspiel und im Torabschluss eiskalt.

Ein bisschen wie Kruse

Dieses Schwimmen über den Platz, das schlaue Anbieten, die Drehungen, seine Spielverlagerungen, der linke Fuß als Waffe, die gefährlichen Standards und sogar sein Bewegungsablauf erinnern doch frappierend an Max Kruse, nur eben in deutlich jüngeren Jahren.

Für Kruse war bei der deutschen Nationalmannschaft nach ein paar Aussetzern abseits des Rasens irgendwann kein Platz mehr, Joachim Löw kann da durchaus nachtragend sein.

Selbst der beste Kruse bei Werder war nicht mehr gut genug für Löw, beziehungsweise wurde er vom Bundestrainer geflissentlich übersehen. Wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft in Russland wurde dann auch das kleine Hintertürchen von Löw verriegelt, von da an war das Thema Kruse im Kreis der DFB-Auswahl keines mehr.

Dabei fehlte der Mannschaft ein Spieler wie Kruse, nicht nur bei der schauderhaften WM hätte so ein Spieler ein paar Akzente setzen können, die vom Rest der Mannschaft nicht zu erwarten waren.

Mit dem jungen Waldschmidt hat der Bundestrainer nun jedenfalls einen Spielertyp für die EM-Qualifikationsspiele gegen die Niederlande und Nordirland berufen, den es in der mittlerweile auf höchstes Tempo ausgerichteten Mannschaft nicht mehr gibt.

Der eher Lösungen in kleinen Zonen sucht, auch gegen tief stehende Gegner Ideen hat und dessen Spiel nicht ausladend und weiträumig angelegt ist. Viele sehen in Waldschmidt eine Art Ersatz für den lange verletzten Leory Sané, was aber schon im Ansatz eine falsche Überlegung ist.

Zunächst beim Schnupperkurs

Waldschmidt ist ein ganz anderer Spielertyp, dazu auch abseits des Platzes eher introvertiert und schüchtern. Und er muss nach "nur" einer guten Saison seine Leistungen auf höchstem Niveau erst noch bestätigen - was schwer genug werden dürfte nach seinem ersten Sommer fast ohne Pause.

Waldschmidt könnte der 103. Neuling in der Ära von Bundestrainer Löw werden, aber vermutlich wird er auf sein Debüt im Adler-Dress noch ein paar Wochen warten müssen.

Es wäre überraschend, wenn Löw den Spieler in den beiden wirklich richtungweisenden Spielen gegen die Niederlande und bei Tabellenführer Nordirland aufs Feld schicken würde.

Dafür war Löw in den letzten Jahren zu konservativ und auch loyal verdienten Spielern gegenüber. Zumal mit zwei Siegen das Ticket für die EM im kommenden Jahr quasi schon gebucht wäre.

Für Waldschmidt geht es derzeit darum, beim DFB-Team mal reinzuschnuppern und die Kollegen auch persönlich kennenzulernen. Und natürlich um seine weitere Entwicklung im Klub, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

"Er ist ein riesiges Talent, aber er ist noch in der Entwicklung. Er kann und muss noch viel lernen. Zum Glück, denn dann kann ich ihm vielleicht noch so einiges beibringen", sagt sein Trainer Christian Streich.

Wie lange der Waldschmidt aber überhaupt noch anleiten darf, ist ungewiss. Im Sommer waren schon einige nationale und internationale Klubs hinter ihm her, dieser Tage wurde eine angebliche Ausstiegsklausel über 23 Millionen Euro publik. Dass Luca Waldschmidt seinen bis 2022 datierten Vertrag in Freiburg erfüllen wird, darf man angesichts der Entwicklungen der letzten Monate stark bezweifeln.

Verwendete Quelle:

swr.de: L wie Luca - SC-Freiburg-Talent Luca Waldschmidt im Porträt

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