Marc-Andre ter Stegen wird am Mittwoch das deutsche Tor im Testspiel gegen Argentinien hüten, der Zwist mit Manuel Neuer liegt aber wohl nur kurzzeitig auf Eis. Das lehrt die Geschichte der Nationalmannschaft, in der es schon teilweise erbitterte Kämpfe um die Nummer eins gegeben hat.

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In der Elf-Freunde-Zeit, da war alles noch anders. Das Wunder von Bern soll ja die Geschicke einer ganzen Nation beeinflusst haben, die junge Bundesrepublik erst auf den richtigen Weg gebracht haben, so kurz nach dem Krieg.

Der Fußball erlebte damals jedenfalls seine unbeschwerte Zeit, weit weg vom Profitum, das erst Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre Einzug halten und damit alles verändern sollte.

So war das auch in der Nationalmannschaft, wo der alte Sepp sich dieser neuen Entwicklung kaum verschließen konnte. Sepp Herberger ist der "Erfinder" des Mythos von den elf Freunden, die es brauche, um Spiele zu gewinnen. Das gilt im Grunde auch heute noch, nur dass aus den elf Freunden eben elf Ich-AGs geworden sind. Ober besser: 22 Ich-AGs.

Torhüter-Position in der DFB-Elf besonders

Unter den Feldspielern ist die Rivalität trotzdem kein besonders ausgeprägtes Merkmal innerhalb einer Mannschaft. Bei den Torhütern sieht das aber schon ganz anders aus. Und handelt es sich dann noch um diesen einen zu vergebenden Posten im Torhüter-Land Deutschland, dann ist es eigentlich schon immer um den innerbetrieblichen Frieden geschehen.

Die jüngste Episode schreiben derzeit Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen - aber schon lange vor dem aktuellen Streit gab es in der Nationalmannschaft teilweise erbittert geführte Duelle um den Platz im Tor. Wo andere Nationen händeringend nach wenigstens einer vorzeigbaren Nummer eins suchen, war und ist das Angebot in Deutschland traditionell üppig, der jeweilige Bundestrainer kann aus einer vergleichsweise luxuriösen Position heraus entscheiden. Das Problem ist nur, dass dabei immer mindestens ein Spieler auf der Strecke bleibt ...

Herkenrath gegen Kwiatkowski:

Nach Bern-Held Toni Turek ging das los. Turek hörte kurz nach dem Sensationstriumph von Bern auf, Fritz Herkenrath und Heinrich Kwiatkowski teilten sich quasi den Platz im deutschen Tor. Herkenrath war Lehrer und als "fliegender Schulmeister" bekannt.

Kwiatkowski firmierte wegen seiner Stärke beim Fausten des Balles als "Heini Fausten", stand unter anderem beim legendär-schlauen 3:8 gegen die Ungarn in der Gruppenphase 1954 im Tor. Danach wechselten sich beide ab, Herkenrath durfte bei der WM 1958 in Schweden aber dann das Tor hüten.

Kwiatkowski bekam wieder nur ein Spiel, jenes um Platz drei gegen Frankreich. Nach sechs Gegentoren und enttäuscht von Herberger bat er danach um seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft - ebenso wie Herkenrath, der nur wenige Wochen später beim DFB aufhörte.

Tilkowski gegen Fahrian:

Hans Tilkowski war schon in Herkenraths und Kwiatkowskis letzten Jahre der legitime Nachfolger der beiden, Günter Sawatzki sein Vertreter. Wolfgang Fahrian kam erst kurz vor der WM 1962 in Chile noch dazu, als Jüngster des Trios aber offenbar ohne jede Chance zu spielen.

Nach der Vorbereitung verteilte Herberger die Trikotnummern, Tilkowski bekam die 1, Sawatzki die 21, Fahrian die 22. Am Abend vor dem Auftaktspiel gegen Italien dann die überraschende Entscheidung: Fahrian spielt, Tilkowski ist draußen. Ein Affront gegen den gesetzten Tilkowski, der in der Nacht sein Zimmer in der Militärakademie "Bernardo O'Higgins" zerlegt haben soll.

Tilkowski schreibt in seinem Buch "Und ewig fällt das Wembley-Tor": "Einer der Stühle steht mir im Weg, als ich ins Zimmer stürzte. Mit aller Kraft, die einen Ball bis in den gegnerischen Strafraum befördert hätte, trete ich den Stuhl quer durch den Raum. Daraus wird dann in einigen Presseberichten, der randalierende Tilkowski habe im Trainingsquartier der deutschen Mannschaft das Mobiliar zerlegt. Da war nicht viel zu zerlegen."

Der Streit wird fortan öffentlich ausgetragen - aber nicht etwa zwischen den Torleuten Tilkowski und Fahrian, die stets ein gutes Verhältnis hatten. Sondern zwischen Tilkowski und Herberger. Der schreibt Beschwerdebriefe an den DFB-Präsidenten, will Tilkowski nach dessen vermeintlichen Verleumdungen vor dem Bundesgericht verklagen.

Erst mit Herbergers Rücktritt zwei Jahre nach dem Desaster von Chile kehrte Ruhe ein, Tilkowski stand bei der WM 1966 in England im Tor - und wurde in Wembley in der 101. Minute des Finalspiels gegen England weltweit berühmt …

Maier gegen Kleff und Nigbur:

Nach Tilkowski begann nach der WM 1966 die Ära Maier. Sepp Maier drängte ins deutsche Tor, stach seinen ersten Kontrahenten Horst Wolter problemlos aus, wurde 1970 in Mexiko zum Eckpfeiler der Mannschaft, zwei Jahre später Europameister und dann im eigenen Land Weltmeister.

Maier hatte die Bayern-Lobby als unschätzbare Unterstützer: Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Gerd Müller, Uli Hoeneß. Ohne den Bayern-Block ging bei Bundestrainer Helmut Schön gar nichts, also war auch Maier den anderen Torhütern turmhoch überlegen. Trotzdem versuchte der eine oder andere, am lebenden Denkmal zu kratzen.

Wolfgang Kleff vom großen Bayern-Rivalen Borussia Mönchengladbach gab noch vergleichsweise früh auf und tröstete sich in Galgenhumor. Sein Witz machte die Runde und schaffte es ins deutsche Fernsehen. "Sepp Maier hat seinen Dackel erschlagen. Der machte immer 'kleff, kleff'."

Deutlich fordernder war da schon Norbert Nigbur, der seinen Anspruch auf die Nummer eins auch verbal unterfütterte: "Ich bin bedeutend jünger als er, ich will Nationaltorwart werden!" Maier konterte auf seine ganz eigene Art: "An mich kommt natürlich keiner heran, es gibt halt nur einen Sepp Maier." So war das tatsächlich, ehe ein Autounfall die Karriere von Maier nach 73 Spielen für Deutschland beendete - und den Weg frei machte für ein neues Gesicht.

Schumacher gegen Stein:

Harald Anton Schumacher scharrte schon zu Maiers Zeit mit den Hufen, war mit dem 1. FC Köln bereits Double-Sieger und ein Torhüter einer jungen, aggressiven Generation. Schumacher wurde auf Anhieb Europameister, dann aber zum bösen Buben des Weltfußballs. Sein brutales Foul am Franzosen Patrick Battiston fiel in jene Zeit, in der sich Uli Stein aufmachte, Schumacher anzugreifen.

Stein spielte beim zu dieser Zeit besten Klub des Landes, gewann mit dem Hamburger SV nicht nur Meisterschaften, sondern auch den Landesmeisterpokal - und sah sich als besten Torhüter des Landes. Das schmachvolle Aus bei der EM 1984 schon in der Vorrunde bekräftigte Stein in seinen Attacken gegen Schumacher.

Beide verband eine abgrundtiefe Abneigung und beide wählten immer wieder den Weg über die Medien. "Stein kennt vor allem unfaire Methoden, also sitzen seine Hiebe vor allem unter der Gürtellinie. Ich bat den Co-Trainer, außerhalb der Blick- und Giftzone des hasserfüllten Mitspielers Stein trainieren zu dürfen", schrieb Schumacher in seinem legendären Buch "Anpfiff".

"Schumacher witterte die Gefahr, er zog alle Register des Psychoterrors inklusive persönlicher Diffamierungen in den Medien, um die Hausmacht zu behalten", schrieb Stein später in seiner eigenen Biografie über jene Zeit. Der neue Teamchef Franz Beckenbauer jedenfalls hatte vor der WM 1986 die Qual der Wahl.

Angeblich habe Beckenbauer Stein versprochen, beim Turnier in Mexiko im Tor zu stehen. Dann war aber doch wieder Schumacher die Nummer eins. Im Vorrundenspiel gegen Uruguay provozierte Stein in aller Öffentlichkeit den Eklat, saß mit nacktem Oberkörper auf der Bank und sonnte sich.

Mit der Ernennung Beckenbauers zum "Suppenkasper" war das Maß voll, Stein musste während des Turniers den Rückflug antreten. Mit Schumachers Enthüllungsbuch und dessen Rauswurf beim DFB nur ein Jahr später wäre eigentlich der Weg für Stein frei gewesen, der sich aber selbst durch sein Verhalten selbst aus dem Rennen nahm.

Köpke gegen Kahn:

Bodo Illgner füllte die Lücke nach Schumacher und setzte sich gegen Eike Immel durch, der beleidigt seinen Rücktritt erklärte. Illgner war sieben Jahre lang die Nummer eins und es war vergleichsweise ruhig im Kampf ums deutsche Tor - ehe Andreas Köpke und besonders Oliver Kahn auf den Plan traten.

Köpke machte Deutschland 1996 zum Europameister, trotzdem feuerte Kahn da längst schon die ersten verbalen Attacken: "Der Bundestrainer weiß genau, dass ich nicht zur ewigen Nummer zwei tauge. Bei der WM 1998 will ich spielen." Bei der WM spielte aber erneut Köpke.

Kahn gegen Lehmann:

Kahns Zeit kam nach dem WM-Debakel 1998. Kahn wurde zum Titan, zum Welttorhüter und Garanten für den Vizetitel bei der WM 2002 und es gab keinen Grund für Teamchef Rudi Völler, an der Hierarchie etwas zu verändern. Kahn war die klare Nummer eins, Jens Lehmann die Nummer zwei, Ende der Diskussion.

Dann kam der Niedergang bei der EM 2004 und mit ihm der Rücktritt von Völler - und plötzlich hatte sich die Wetterlage grundlegend gedreht. Kahn wurde beim DFB stets auch protegiert von seinem Bayern-Torwarttrainer Sepp Maier, mit dessen Ansetzung und der Wahl von Andi Köpke als neuem Bundestorwarttrainer wendete sich langsam das Blatt. Es begann eine neue Dimension der Schlammschlacht, die mit allen Mitteln geführt wurde.

Lehmann könne sich "aufhängen, der wird nie die Nummer eins", keifte der entmachtete Maier. Lehmann selbst ging Kahn wegen dessen Privatleben an. "Ich wüsste nicht, was wir reden sollten. Ich habe keine 24-jährige Freundin, ich habe ein anderes Leben", sagte er in Anspielung auf Kahns Liaison mit seiner P1-Bekanntschaft Verena Kerth.

"Kindergartenniveau" sei das, Kahn wähnte sich weiter klar im Vorteil. Wenige Wochen vor der Heim-WM, die zu Kahns krönendem Abschluss werden sollte, dann der Knall: Jürgen Klinsmann entschied sich gegen den Titan und für Lehmann, der davor bei fünf Turnieren auf der Bank geschmort hatte.

Der Rest ist Geschichte, das Bild von Kahn und Lehmann beim Shakehands vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien wird bis heute auch immer noch überhöht. Ein halbes Jahr nach dem Sommermärchen und Platz drei kartete Kahn jedenfalls nochmal nach: "Mit mir wäre Deutschland Weltmeister geworden."

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