• Seit etwa einem Jahr hat der FC Bayern seine Flügelzange wieder mit den Trikotnummern 7 und 10 besetzt.
  • Serge Gnabry und Leroy Sané haben damit zumindest symbolisch die Ablösung von "Robbery" vollzogen.
  • Doch schaffen es beide wirklich, die großen Fußstapfen von Franck Ribéry und Arjen Robben auszufüllen? Ein Zwischenzeugnis.
Eine Analyse
von Ludwig Horn

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Es war durchaus eine Nachricht mit Symbolkraft, als der FC Bayern vor knapp einem Jahr verkündete, dass Serge Gnabry seine damalige Trikotnummer 22 gegen die 7 eintauschen werde. Zusammen mit dem rund zwei Monate zuvor verpflichteten Leroy Sané, der seitdem mit der Trikotnummer 10 aufläuft, hatte der FCB damit die Nachfolge für seine legendäre Flügelzange, bestehend aus Franck Ribéry und Arjen Robben, perfekt gemacht. Die waren zuvor ebenfalls mit den Nummern 7 und 10 aufgelaufen.

Es liegt auf der Hand, dass Spieler mit einer Qualität wie Ribéry und Robben nicht eins zu eins ersetzt werden können. Dennoch hat die Position auf den Flügeln seit der Ankunft des Franzosen im Sommer 2007 und der des Niederländers zwei Jahre später große Wichtigkeit im bayerischen Spielsystem. Und dennoch haben Gnabry und Sané durchaus den Anspruch, ihrerseits dem Spiel des FCB ihren Stempel aufzudrücken.

Beide hatten zwar regelmäßig mit teilweise schweren Verletzungen zu kämpfen, schafften es aber trotzdem, das Spiel des FC Bayern nachhaltig zu prägen. Ribéry, der aktuell vereinslos ist, wurde in seiner wohl stärksten Bayern-Saison 2012/13, als der Verein das Triple gewann, zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. 23 Vorlagen und elf Tore standen am Saisonende in 43 Pflichtspielen für zu Buche. Robben wiederum erzielte im damaligen Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund kurz vor Schluss den Siegtreffer. Das nahmen die Fans zum Anlass, ihm ein eigenes Lied zu widmen.

Auch Serge Gnabry ist Triple-Sieger

Einen Champions-League-Triumph kann auch Gnabry vorweisen. In der Corona-Saison 2019/20 gewannen seine Teamkollegen und er ebenfalls das Triple. Es war vermutlich die bisher beste Saison des 26-Jährigen im roten Trikot. Allein in der Champions League schoss er neun Tore in zehn Spielen. Unvergessen ist dabei sein Viererpack beim 7:2-Sieg bei Tottenham. In der Bundesliga gelangen ihm starke zwölf Tore und elf Vorlagen.

Das sind ähnliche Werte, wie sie Ribéry und Robben in einigen Saisons erreichten. Letzterer steuerte in seiner Debüt-Saison in München 16 Tore und sieben Vorlagen in der Bundesliga bei. Insgesamt lief Robben 309 Mal für Bayern auf, schoss dabei 144 Tore und bereitete 101 vor.

Von der Scorerwerten her ähnelt Gnabry eher Robben, das heißt er schießt mehr Tore selbst, als er vorbereitet. Die klassische Robben-Bewegung, bei der er von rechts nach innen zieht und den Ball mit links ins Tor befördert, ist aber eher Sache von Sané, der auch Robbens Trikotnummer trägt.

Leroy Sané kann hohe Erwartungen noch nicht erfüllen

In seiner ersten Saison bei Bayern München ist Sané allerdings noch hinter den - zugegebenermaßen sehr hohen - Erwartungen zurückgeblieben. Nach langen und zähen Verhandlungen mit Manchester City war der 25-Jährige im vergangenen Sommer endlich in München gelandet.

Dort fügte er sich gleich am ersten Spieltag mit einem Tor und zwei Vorlagen gegen seinen ehemaligen Klub Schalke 04 gut in die Mannschaft ein. 44 Mal kam er insgesamt für den Deutschen Rekordmeister zum Einsatz und sammelte dabei zehn Tore und zwölf Vorlagen. Das sind durchaus solide Werte, aber trotzdem weniger als man sich von dem 45-Millionen-Euro-Transfer erwartet hat.

Obendrein agierte Sané oft glück- und phasenweise auch lustlos. Dieser Eindruck, der sich durch die gesamte Saison zog, fand seinen Gipfel bei der letztlich für die deutsche Nationalmannschaft erfolglosen Europameisterschaft. Dort stand er nur im dritten Gruppenspiel gegen Ungarn in der Startelf und blieb nur in Erinnerung, weil er einen vielversprechenden Konter in der Schlussphase in den Sand setzte. Sané ist im DFB-Team, wo er im Vorfeld der WM 2018 noch ausgebootet worden war, noch nicht angekommen.

Julian Nagelsmann freut sich auf Zusammenarbeit mit Leroy Sané

Der neue Bayern-Trainer Julian Nagelsmann blickt trotzdem erwartungsvoll auf seine Zusammenarbeit mit Sané, will ihm nach der EM aber auch Zeit geben. "Wir tun alle gut daran, Leroy ein bisschen in Ruhe zu lassen", bat Nagelsmann. "Er hat herausragende Qualitäten und einen unfassbaren Speed, ist einer der besten Eins-gegen-Eins-Spieler und unglaublich stark im Dribbling", befand der neue Coach. "Ich bin mir relativ sicher, dass wir einen stärkeren und besseren Leroy sehen, der dann hoffentlich einen großen Impact auf die Erfolge vom FC Bayern nächstes Jahr haben wird." Mit dieser Hoffnung dürfte er im Verein nicht allein dastehen.

Im Training wolle Nagelsmann entsprechend mit Sané arbeiten, aber es sei "natürlich auch der innere Antrieb eines jeden einzelnen Spielers gefordert", sagte er.

Bei der EM spielte auch Gnabry, wie die gesamte deutsche Mannschaft glücklos und blieb in den vier Partien ohne Torbeteiligung. Gnabry ist für Nagelsmann kein Unbekannter. Beide arbeiteten in der Saison 2017/18 bei der TSG Hoffenheim zusammen. Dort lief er unter Trainer Nagelsmann sowohl als hängende Spitze als auch als Außenstürmer auf und kam in 22 Bundesligaspielen auf starke 17 Torbeteiligungen.

Kingsley Coman schoss den FC Bayern zum Champions-League-Titel

Und was ist eigentlich mit Kingsley Coman? Der Franzose spielt seit sechs Jahren bei Bayern und hat in dieser Zeit bereits alle Titel gewonnen, die man gewinnen kann. Beim Champions-League-Sieg 2020 erzielte er im Finale gegen Paris Saint-Germain den 1:0-Siegtreffer - wie es sieben Jahre zuvor auch Robben gelungen war.

Dennoch hat der ebenfalls verletzungsanfällige 25-Jährige noch nicht den Legendenstatus des Niederländers erlangt. Seine Scorerwerte in seiner Bayern-Zeit: 41 Tore und 50 Vorlagen in 200 Spielen.

Immerhin war die vergangene Spielzeit seine persönlich beste für den FC Bayern, weil er ausnahmsweise weitestgehend verletzungsfrei blieb. Am Ende kam er auf acht Tore und 15 Vorlagen in 39 Pflichtspielen. Ganz unabhängig von den Trikotnummern gibt es also noch einen dritten Kandidaten für das "Robbery"-Erbe.

Bereits zwei Jahre ist der Abschied der Bayern-Größen Ribéry und Robben her. Mittlerweile haben in Gnabry, Sané und auch Coman andere Spieler ihre Position eingenommen. Auch wenn alle drei durchaus gute Scorerwerte beim FC Bayern nachweisen können, scheint eine endgültige Wachablösung noch nicht vollzogen zu sein. Allerdings sind sie auch gerade erst in dem Alter, in dem Ribéry und Robben waren, als sie zum Verein stießen. Es bleibt also noch genug Zeit für die Flügelflitzer, um ihrerseits zu Klublegenden zu werden.

Verwendete Quellen:

Mickaël Cuisance
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