• Nationalspielerin Lina Magull blickt zusammen mit uns auf die WM in Katar und die Chancen der deutschen Nationalmannschaft.
  • Die Vize-Europameisterin vergleicht die Stimmung im Männer-Team mit der erfolgreichen EM im Sommer.
  • Ein hartes Urteil fällt Magull über die Fifa.
Ein Interview

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die WM in Katar?

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Lina Magull: Ich bin deutlich weniger euphorisch als bei den letzten Weltmeisterschaften. Das muss ich schon zugeben. Ich habe gestern mit Freunden mal reingeschaut in das Eröffnungsspiel. Da war aber auch wenig Begeisterung vorhanden. Wir haben uns nicht mal die Zeremonie vorher angeguckt, sondern einfach eingeschaltet. Es ist ein komisches Gefühl, auch wegen der Jahreszeit. Man spürt das im ganzen Umfeld, dass da weniger Begeisterung und mehr Redebedarf ist, mehr kritische Themen angesprochen werden. Deshalb rückt leider das Sportliche in den Hintergrund und die Themen drumherum in den Vordergrund.

Wie haben Sie denn die Fans und ihr frühes Verlassen des Stadions beim Eröffnungsspiel erlebt?

Ich muss ehrlich sagen, dass wir nur 30 bis 40 Minuten vom Eröffnungsspiel angeschaut haben, auch weil es sportlich nicht sehr packend war. Ich habe aber über Social Media mitbekommen, dass Leute vorzeitig das Stadion verlassen haben. Das spricht natürlich nicht für die WM in Katar. Es ist ein weiterer Kritikpunkt. Und es spricht auch gegen Infantinos Aussage, dass es die spektakulärste WM aller Zeiten wird. Denn da gehören die Fans ganz stark dazu und wenn die schon frühzeitig abhauen, dann ist das kein gutes Zeichen – auch gegenüber dem Land und der Mannschaft, die da auf dem Platz steht.

Haben Sie sich jemals mit dem Thema Boykott auseinandergesetzt?

Nein. Man muss auch sagen, dass das nicht der richtige Weg ist, die Weltmeisterschaft zu ignorieren. Es ergibt schon Sinn, viel darüber zu reden, sich viel damit zu beschäftigen, um auch den Kontext zu verstehen. An sich geht es immer noch um den schönsten Sport der Welt, der so viele Menschen begeistert und viel Positives mit sich bringt. Von daher macht es, meiner Meinung nach, wenig Sinn zu boykottieren, sondern stattdessen genauer hinzuschauen, was in dem System Fußball gerade vor sich geht und wie die Fifa mit dem Sport umgeht.

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Die "Fan-Flucht" beim WM-Eröffnungsspiel zwischen Katar und Ecuador (0:2) hat Verwunderung ausgelöst und Anlass zu Spott gegeben. "So etwas habe ich noch nie gesehen - und das ist meine zehnte Weltmeisterschaft", sagte ZDF-Kommentator Bela Rethy. Bereits zu Beginn der zweiten Hälfte hatten sich die Tribünen merklich geleert, 15 Minuten vor dem Ende war nur noch rund die Hälfte der Plätze besetzt - und zum Schluss war das Stadion Al-Bayt fast gänzlich verwaist.

Magull: "Die Fifa tut sich keinen Gefallen"

Fifa ist ein gutes Stichwort. Wie erleben Sie aktuell den Fußballweltverband?

Es ist sehr schwierig, sich ein Gesamtbild davon zu machen. Man will nicht zu negativ sein, weil man selbst in dem System mit drinsteckt. Aber letztendlich können die Fußballer und Fußballerinnen nichts dafür, wie bei der Fifa im Hintergrund gearbeitet wird, oder was darüber hinaus finanziell fließt, wovon wir gar nichts mitbekommen. Aber klar, die Fifa tut sich keinen Gefallen damit, gerade bestimmte Äußerungen zu tätigen, die die Menschen befriedigen sollen, aber überhaupt keinen Sinn ergeben; die einfach nur gesagt werden, damit was gesagt wird. Das ist wenig authentisch und nicht ehrlich und das ist es, was nervt. Gefühlt kann man wenig gegen die Fifa unternehmen. Man kann sich nur für das einsetzen, für das man steht, die Werte, die man vertritt. Ich habe das Gefühl, dass die Länder das immerhin versuchen und auch, dass gerade das DFB-Team das immer wieder versucht mit Aktionen und Aussagen.

Aber wäre es nicht gerade deshalb wichtig gewesen, an der One-Love-Binde für Manuel Neuer festzuhalten? Hätten Sie eine sportliche Strafe der Fifa riskiert?

Gute Frage. Ich glaube, eher nicht. Es wäre natürlich trotzdem ein schönes und wichtiges Zeichen gewesen, an der Binde festzuhalten, da diese eben ein starker Ausdruck nach außen ist. Auf der anderen Seite kann man es aus sportlicher Sicht nachvollziehen, wenn mit Sanktionen gedroht wird. Ich finde auch diese Strafandrohung seitens der Fifa nicht in Ordnung. Auch die Werte anderer Nationen, die ins Land Katar kommen, müssen respektiert werden, ebenso wie man versucht offen, für das Land des Gastgebers zu sein.

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Ein Boykott hätte bei der Vergabe noch einen Effekt gehabt

Ist das auch die Erwartungshaltung, die Sie an das DFB-Team haben? Dass man sich klar positioniert und für die eigenen Werte einsteht, auch während man im Land ist?

Absolut. So nehme ich das aber auch wahr. Dass die Jungs nicht wegschauen und sich nur auf den Fußball konzentrieren – auch wenn sie das eigentlich tun sollen, um ihre Höchstleistung abzuliefern. Aber gerade bei diesem speziellen Turnier geht das nicht, und deshalb bekommt man schon viel mit, dass sich die Jungs dazu äußern, kritisch damit umgehen und auch keine Scheu haben, ihre Meinung zu äußern. Man muss einfach das Beste aus diesem Turnier machen, denn der Zug ist schon lang abgefahren. Ein Boykott hätte vielleicht bei der Vergabe noch einen Effekt gehabt. Aber jetzt sitzen wir alle im selben Boot und müssen versuchen, den Fußball wieder mehr in den Vordergrund zu rücken und gleichzeitig kritisch die Dinge zu hinterfragen, anzusprechen und auch vor Ort etwas Gutes zu tun.

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Haben Sie sich in Katar wohlgefühlt, auch gerade vor dem Hintergrund der schwierigen Frauenrechtslage im Land?

Ich war schon zweimal in Katar, weil wir mit der Mannschaft ins Trainingslager hinreisen mussten. Ich habe mich wohlgefühlt, wir wurden nicht angegriffen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir unterdrückt wurden. Wir haben allerdings überwiegend abgeschottet trainiert, deshalb hatten wir keine negativen Erlebnisse. Aber natürlich ist es ein komisches Gefühl, wenn du dann durch die Stadt gehst und viele Frauen dort vermummt sind. Das ist nicht mein Frauenweltbild. Ich bin allerdings mit den Frauen vor Ort nicht ins Gespräch gekommen, deshalb weiß ich nicht, ob sie sich unterdrückt oder ob sich vielleicht wohlfühlen. Das kann ich mir allerdings kaum vorstellen. Es ist schwierig, sich ein komplett eigenes Meinungsbild zu machen, wenn man nicht mit den Menschen vor Ort sprechen kann. Ich kann von mir aus nichts Negatives sagen, aber wenn ich dort eine Einheimische wäre, würde ich mich vermutlich weniger wohlfühlen, denn auch die Missachtung von Menschenrechten und die Intoleranz Homosexuellen gegenüber entspricht nicht meinem Weltbild.

Magull vergleicht WM-Gefühl mit EM

Die deutsche Nationalmannschaft gilt vielen als Wundertüte. Gefühlt ist vom Aus nach der Gruppenphase bis zum Finale alles drin. Was sagt Ihr Gefühl?

Mein Gefühl ist ähnlich, wie wir das bei der Frauennationalmannschaft vor der EM hatten. Wir wussten auch nicht, wo wir überhaupt stehen und hatten eher das Gefühl, dass es nach der Gruppenphase schon vorbei sein kann. Es wird auf das erste Spiel ankommen, wie sie drauf sind. Dass sie eine überragende Mannschaft haben, steht außer Frage. Mit den Ausfällen, die das deutsche Team noch vor der WM verkraften musste, gibt es jetzt die Chance für andere Spieler, sich in den Vordergrund zu spielen. Ich habe ein gutes Gefühl und denke schon, dass sie am Mittwoch ein gutes erstes Zeichen setzen werden.

Welcher deutsche Spieler könnte sich denn in den Vordergrund spielen, der WM wie etwa Müller 2010 seinen Stempel aufdrücken?

Ich bin ein Riesenfan von Jamal Musiala, weil der diese Leichtigkeit hat und tollen Fußball spielt, ohne groß nachzudenken. Darüber hinaus ist er effektiv vor dem Tor, gibt viele Vorlagen, trifft selbst. Ich glaube, dass er sich sehr in den Vordergrund spielen wird. Ähnliches traue ich Serge Gnabry zu. Er ist nach einem kleinen Tief auf einem richtig guten Weg und hat gerade die richtige Form fürs Turnier gefunden. Und als Drittem würde ich es Mario Götze wünschen.

Schaut man eigentlich als Spielerin des FC Bayern auch besonders auf die Kollegen aus dem eigenen Verein?

Ich persönlich schon. Ich bin auch immer noch Bayern-Fan. Ich kann mich sehr für den Verein und auch die Jungs begeistern. Das sind einfach die besten Spieler und deshalb macht es mir Spaß, den Blick auch mehr auf sie zu richten. Von daher werde ich da auch sehr genau drauf gucken und auch schauen, inwiefern ich mir eine Scheibe davon abschneiden kann.

"Müller und Neuer werden im Alter besser"

Mit Thomas Müller und Manuel Neuer werden zwei Bayernspieler und Weltmeister von 2014 in Katar ihre letzte WM erleben. Was trauen Sie den beiden noch zu?

Ich habe das Gefühl, dass die beiden mit dem Alter immer besser werden, wie es auch bei vielen anderen guten Spielern der Fall ist. Messi zum Beispiel, aber auch ein Benzema oder ein Modric. Die erfahreneren Spieler wirken auf mich so, als wären sie nochmal wertvoller für das Teamgefüge und können auf diesem Topniveau mithalten. Es ist keine Frage des Alters. Sondern es kommt darauf an, wie man sich fühlt, sich pflegt, trainiert und wie man mental drauf ist. Müller und Neuer machen auf mich immer noch einen sehr jungen Eindruck. Von daher traue ich ihnen auch zu, dass sie noch ein paar Jahre dranhängen – ob in der Nationalmannschaft oder nur im Verein kann ich natürlich nicht sagen.

Die deutsche Aufstellung gilt noch lange nicht als fix. Unter anderem gibt es in der Offensive noch mehrere Optionen. Was wäre Ihre bevorzugte Aufstellung?

Damit habe ich mich gar nicht so genau auseinandergesetzt. Das macht meiner Meinung nach auch keinen Sinn, weil noch so viele Fragezeichen da sind. Aber natürlich hat man immer Lieblingsspieler und wünscht sich, dass die auflaufen. Auch weil man als Außenstehende das Vertrauen hat, dass diese Spieler das Spiel für die ganze Nation gewinnen. In der Offensive kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Hansi Flick gleich Niclas Füllkrug von Anfang an bringt. Ich glaube, dass er eher auf Müller setzen wird.

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So wichtig ist die Stimmung

Sie haben vorher schon kurz einen Vergleich zur EM der Frauen im Sommer gezogen. Dass Sie mit dem DFB-Team ins Finale eingezogen sind, war – zumindest in der Außenwirkung – auch der sehr guten Stimmung im Team zu verdanken. Wie groß ist der Anteil der Stimmung am Erfolg?

Die Stimmung ist sehr, sehr wichtig. Es steht immer noch ein Team auf dem Platz und auch drumherum. Und wenn man da eine gute Stimmung hat, macht das auch mit jeder und jedem Einzelnen nochmal was. Es schweißt zusammen, man gibt mehr Gas für die Mädels und es beflügelt einen. Ich finde, man hat dann eine gewisse Energie in der Mannschaft, die nach außen vielleicht nicht spürbar ist, aber die ganz viel hilft. Das kommt aber nur, wenn sich alle gut verstehen, es keine Zickereien gibt, keine Nicklichkeiten, keine Egoisten. Es müssen alle dasselbe Ziel vor Augen haben. Es müssen Freundschaften vorhanden sein, weil das Ganze dann nochmal viel an Bedeutung gewinnt. Uns hat das bei der EM sehr geholfen.

Zum Abschluss noch eine Tipprunde: Wie spielt Deutschland gegen Japan?

Ich bin ehrlich gesagt sehr schlecht im Tippen, aber ich sage jetzt einfach mal 3:0 für Deutschland, damit sie gut reinstarten.

Und wer wird Weltmeister?

Katar. (lacht) Nein, Quatsch. Das ist auch sehr schwierig zu sagen, aber ich unterstütze natürlich Deutschland. Ansonsten würde ich es noch Messi mit Argentinien gönnen.

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