Im ZDF-WM-Studio bekommt es Oliver Bierhoff mit einigen unangenehmen Fragen zu tun. Vor allem Experte Oliver Kahn greift den Manager der deutschen Nationalmannschaft immer wieder scharf an. Es entwickelt sich ein offener Schlagabtausch.

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Oliver Bierhoff wollte in seinem Interview mit der "Welt" einige Unklarheiten nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2018 in Russland aus der Welt schaffen, sich der Öffentlichkeit stellen. Es ist ihm nicht wirklich gelungen, stattdessen hat der Manager der deutschen Nationalmannschaft vor allem mit seiner Aussage zu Mesut Özil für weitere Empörung gesorgt. Und so sah sich Bierhoff offenbar genötigt, sich nun auch im ZDF-WM-Studio den Fragen von Oliver Welke und Oliver Kahn zu stellen.

Wer sich allerdings sicher war, Oliver Kahn würde seinen ehemaligen Nationalmannschaftskameraden Bierhoff doch sicherlich, um der alten Zeiten willen, mit Samttorwarthandschuhen anfassen, der wurde von dem Ex-Torhüter schnell eines besseren belehrt.

Denn schon während Bierhoff eine Art Eröffnungsmonolog halten durfte, sah man Kahn an, dass es gewaltig in ihm brodelte und er mit einigen Aussagen des Europameisters von 1996 überhaupt nicht einverstanden war.

Als ihn Oliver Welke - der vermutlich schon Kahns heißen Atem im Nacken gespürt haben dürfte - endlich zu Wort bittet, macht Kahn erst einmal sehr deutlich, dass er von den recht flotten Nicht-Rücktritten des Bundestrainers und auch Oliver Bierhoffs nicht besonders viel hält.

Kahn: "Das wirft Fragen auf"

Ein erster kurzer Schlagabtausch zwischen Bierhoff und Kahn entspinnt sich:

Kahn: "Wir alle wissen, dass Teams und Gruppen über so eine lange Zeit degenerieren, sich abnutzen. Dass sich Dinge einschleifen, die nicht so optimal sind. Es wäre besser gewesen, zu sagen, wir verkünden gar nichts und begreifen uns als Teil des Problems. Und danach schauen wir mal, wie denn die Gesamtlösung aussieht. Es wundert, dass Löw sofort weiter macht. Es ging sehr, sehr schnell. Das wirft Fragen auf."

Bierhoff: "Das sehe ich auch so, dass wir Teil dieses Problems sind. Ich hoffe, dass ist auch richtig rübergekommen. Deshalb habe ich auch gesagt, wir müssen erst einmal bei uns anfangen."

Kahn: "Es verwundert dann aber, dass dann der Bundestrainer sofort weitermacht. Ich weiß nicht, ob das besonders klug war. Das wirft Fragen auf."

Später wird Kahn noch einmal deutlich:

Kahn: "Wenn man die Mannschaft spielen sah, ist die Ratlosigkeit und die Apathie aufgefallen. Phasenweise hatte man das Gefühl, dass die Spieler unterschiedliche Vorstellungen und Überzeugungen hatten, welcher Fußball gespielt werden soll. Durch diese unterschiedlichen Überzeugungen innerhalb der Mannschaft kommt es zur Gruppenbildung."

Wer nach Kahns Meinung Schuld an dieser Ratlosigkeit hat, dürfte wohl allen Zuschauern klar geworden sein.

Kahn kritisiert die Kaderzusammenstellung

Doch der Experte ist noch lange nicht am Ende mit seiner Kritik. Auch mit der Zusammenstellung des deutschen Kaders ist Kahn im Nachhinein alles andere als zufrieden. Sogar Kapitän Manuel Neuer hätte er zuhause gelassen, um Unmut in der Mannschaft zu vermeiden.

Zwar will Bierhoff die Vorwürfe zunächst nicht auf sich und Jogi Löw sitzen lassen, doch am Ende behält Kahn wieder das letzte Wort:

Kahn: "Manuel Neuer ist für mich immer noch der beste Torwart der Welt. Doch wenn ein Spieler acht Monate verletzt ist, trainiert dann ein paar Wochen und kommt anschließend zum Einsatz, dann weiß ich aus eigener Erfahrung, wie die anderen Spieler das aufnehmen. Das ist genau das, wo dann die Spieler sagen: Nach welchen Kriterien geht es eigentlich? Geht es hier wirklich nach Leistung? Ich habe das 1994 mit 1990er Weltmeistern selbst erlebt. Natürlich haben die einen Bonus.

Das ist völlig menschlich, dass Jogi Löw auf die Spieler setzt, mit denen er den größten Erfolg hatte."

Bierhoff: "Jetzt muss ich nur eins sagen: Jogi trifft die Entscheidungen, weil er einfach glaubt, dass das in dem Moment das Beste für die Mannschaft ist."

Kahn: "Aber was sind denn die objektiven Kriterien für die Kaderauswahl? Die waren für mich nicht mehr hundertprozentig nachvollziehbar. Natürlich ist es leicht, jetzt danach zu sagen, man hätte Sané, der bester Nachwuchsspieler vor Harry Kane in der Premier League geworden ist, mitnehmen müssen. Aber was sind denn die Kriterien?"

Bierhoff: "Sané muss man mit Sicherheit diskutieren, das wissen wir auch. Welcher weitere Kreis aber unbedingt hätte mitfahren müssen, da möchte ich gerne mal eine Liste von dir als Experte hören. Nenn mir mal ein paar, die unbedingt noch hätten mitfahren müssen."

Kahn: "Über Neuer und Sané haben wir ja schon gesprochen. Es gibt in Augsburg noch einen Außenverteidiger, Philipp Max, der wesentlich bessere Statistiken hat als Jonas Hector, der ja immerhin abgestiegen ist. Es gibt Petersen. Im Sturm hätte es noch mehr Alternativen gegeben. Da erklärt sich mir nicht die Kaderauswahl nicht immer hundertprozentig."

Rumms. Diese Kritik saß. Falls es tatsächlich Bierhoffs Absicht war, sich mit seinem ZDF-Auftritt von einigen Kritikpunkten freizuschwimmen und damit langsam aber sicher ungestört zusammen mit Jogi Löw in den Neuaufbau der deutschen Nationalmannschaft starten zu können, so ist ihm das größtenteils nicht gelungen.

Stattdessen ist, auch dank Oliver Kahn, noch einmal deutlich geworden, mit wie vielen Baustellen sich der DFB nach dieser blamablen WM tatsächlich konfrontiert sieht.

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