Alle Welt spricht von der Fußball-WM 2022 in Katar und den Missständen im Emirat. Doch schon vier Jahre vorher soll die Weltmeisterschaft in Russland stattfinden - trotz Ukraine-Krise, Krim-Annexion und katastrophalen Bedingungen in Sachen Meinungsfreiheit. Die Rufe nach einem Boykott werden immer lauter. Muss die Fifa nun reagieren?

Eine Aussage des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko zur für 2018 geplanten Fußball-Weltmeisterschaft in Russland bewegte gestern die Sportwelt: "Solange russische Truppen in der Ukraine sind, halte ich eine WM in diesem Land für undenkbar." Im Interview mit der "Bild"-Zeitung fügte Poroschenko hinzu: "Ich denke, es muss über einen Boykott dieser WM gesprochen werden." Moskau wies die Forderungen aus Kiew umgehend zurück. Alle Verpflichtungen als Organisator der WM würden rechtzeitig erfüllt, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Montag in St. Petersburg. "Russland hat mehr als einmal gezeigt, dass es in der Lage ist, die besten Sportereignisse der Welt zu organisieren", meinte er nach Angaben der Agentur Itar-Tass.

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Doch selbstverständlich geht es bei einem so großen Ereignis wie der Fußball-WM nicht nur um bestmögliche Organisation. Das Turnier dient im besten Fall als Schaufenster einer offenen Gesellschaft, die sich der Welt als fröhlicher Gastgeber präsentieren kann. So wie 2006 in Deutschland. Im schlechtesten Fall nutzt ein Regime den Event, um von desaströsen Zuständen im Gastgeberland abzulenken. Wie 1978 in Argentinien, als alle Welt wusste, dass die Militärjunta sich propagandaträchtig inszenierte, während in den Gefängnissen des Landes politische Gegner zu Tode gefoltert wurden.

Der Ruf, den Wladimir Putins Staatsapparat in der westlichen Welt genießt, ist seit langer Zeit ramponiert. Bereits die Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Badeort Sotschi wurden von extrem kritischen Stimmen begleitet. Auch damals war von Boykott die Rede. Die Spiele fanden trotzdem statt. Und der russische Präsident konnte sich als glanzvoller Demokrat und weltgewandter Gastgeber an der Schwarzmeerküste inszenieren.

Sportfunktionäre gegen einen Boykott

Doch würde ein Boykott überhaupt etwas bewirken? Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees glaubt das natürlich nicht: "Aus eigener leidvoller Erfahrung mit dem deutschen Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau weiß ich: Boykotte von Sportveranstaltungen führen zu nichts. Ein Boykott widerspricht dem Sinn des Sports, Brücken zu bauen", sagt der 62-Jährige in der "Bild". Auch Karl-Heinz Rummenigge, Chef des FC Bayern München, schlägt in der Zeitung in die gleiche Kerbe: "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Boykotte im Sport nicht die beabsichtigte Wirkung erzielt haben."

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Es ist nicht verwunderlich, dass sich Sportfunktionäre gegen ein Fernbleiben von einer solchen Großveranstaltung aussprechen. Es geht ja um ihr täglich Brot. Umso erfreulicher ist es, dass sich Deutschlands "Chef-Fußballer" Wolfgang Niersbach etwas differenzierter äußert. Der "Bild" sagte der DFB-Boss: "Wir beobachten mit großer Sorge die Entwicklung. Wir wissen, dass ein Boykott letztlich nur den Sportlern schadet. Es ist sinnvoller, die weltweite Strahlkraft großer Turniere zu nutzen, um sich für Menschenrechte einzusetzen und wo nötig auf politische Veränderungen zu drängen."

Genau das ist der Effekt, auf den man hoffen muss. Mit Ausnahme der Olympischen Spiele gibt es keine Sportveranstaltung, die von der weltweiten Wirkung mit einer Fußball-WM mithalten kann. Sollten Teilnehmer, Medien, Funktionäre und Zuschauer es schaffen, den Event nicht als Propagandaveranstaltung missbrauchen zu lassen, kann eine Veränderung angestoßen werden. Das liegt in der Verantwortung der internationalen Sportgemeinschaft.

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Unionspolitiker stellen sich gegen Russland

Deshalb greifen die plumpen Boykottforderungen, die vor allem von Seiten der Union in der "Bild" geäußert werden, viel zu kurz. So meint beispielsweise Hessens Sport- und Innenminister Peter Beuth: "Bei der Rolle, die Russland und Präsident Putin im Ukraine-Konflikt spielen, ist ein weiteres großes Sportereignis wie die WM 2018 in Russland unvorstellbar." Frank Steffel, CDU-Obmann im Sportausschuss des Bundestages, schließt sich an: "Solange russische Soldaten völkerrechtswidrig in der Ukraine Zivilisten ermorden, kann es keine Fußball-Weltmeisterschaft in Russland geben." Bereits im vergangenen Herbst forderte Bayerns Ministerpräsident Seehofer im Interview mit der "Welt": "Bleibt Putin bei seiner bisherigen Linie, kann ich mir eine Fußball-WM in Russland nicht vorstellen."

Etwas zurückhaltender bewertet Bayerns Sport- und Innenminister Joachim Herrmann (CDU) die Lage: "Ein Boykott muss dann überlegt werden, wenn Russland weiterhin und dauerhaft Völkerrecht verletzt und Putin seine Aggressionen gegen die Ukraine nicht beendet. Russland sollte alles dafür tun, dass im Sommer 2018 die Fußball-WM entspannt gefeiert werden kann. Bis dahin muss die Krise in der Ukraine endgültig beendet sein." Bundeskanzlerin Angela Merkel weicht der Thematik gleich komplett aus. Bei einem Treffen mit Poroschenko am Montag in Berlin verwies sie darauf, dass im nächsten Jahr in Frankreich zunächst einmal die nächste Fußball-EM stattfinden werde, "auf die ich mich schon freue". Bereits vor einigen Tagen machte Bundesliga-Legende Stefan Effenberg in der TV-Sendung "Hart aber fair" klar: "Ich würde mir Sorgen über die WM 2018 in Russland machen."

Bleibt die Frage, wie realistisch ein Boykott der WM überhaupt ist. Ein Fernbleiben der großen Fußballnationen wie Deutschland, England, Frankreich und Co. ist undenkbar. Alleine aus ökonomischer Sicht, denn Großsponsoren, TV-Sender und die heimische Wirtschaft rechnen mit Milliardeneinnahmen durch das Turnier. Und nicht zu vergessen: Fußball hat einen religionsartigen Status. Einen gangbaren Weg beschreibt Werder Bremens ukrainischer Cheftrainer Viktor Skripnik in der "Bild": "Wenn ein Boykott oder Sanktionen helfen, dass keine Angriffe gegen mein Land geführt werden, bin ich dafür. Andererseits bin ich dagegen, wenn es nicht hilft. Denn es schadet dem Sport. Politik und Sport sollten eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Meine Hoffnung ist, dass sich das Thema hoffentlich erledigt. Mein in der Ukraine lebender Bruder wurde schon zwei, drei Mal angerufen, um in den Krieg gezogen zu werden. Davor habe ich Angst. Wir müssen Patriotismus zeigen. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass die Ukraine am Ende auf die WM verzichtet, wenn sie sich denn für das Turnier qualifiziert."

Die Fifa hält die Füße still

Und die Fifa? Der Weltverband nimmt Forderungen nach einem WM-Boykott gewöhnlich nur zur Kenntnis. Eine Option ist die Aberkennung der Gastgeberrolle aber derzeit nicht. Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste: Die FIFA hat mit ihren WM-Ausrichtern und Sponsoren milliardenschwere Verträge. Ein Entzug würde den Weltverband in juristische Auseinandersetzung mit hohem ökonomischen Risiko stürzen.

Im speziellen Fall der Russland-WM haben die Fußball-Funktionäre auch überhaupt kein Interesse, an der Vergabe zu rütteln, denn die Beziehungen nach Moskau sind eng. FIFA-Boss Joseph Blatter und Russlands Staatschef Wladimir Putin sind sich freundschaftlich gewogen, Russlands Sportminister Witali Mutko ist Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees und Gazprom ist ein FIFA-Sponsor.

Poroschenkos Forderung gleicht zudem einem bekannten politischen Reflex. Nach der WM 2006 in Deutschland wurde jedes WM-Turnier von Gegnern als Thema instrumentalisiert. 2010 in Südafrika herrschten Sicherheitsbedenken, vor dem Turnier 2014 in Brasilien gingen Millionen auf die Straße, um gegen die eigene Regierung und deren Prestige-Produkt WM zu demonstrieren. Die WM 2022 in Katar steht seit Jahren aus mehreren Gründen massiv in der Kritik. Auch hier sieht die FIFA derzeit keine Veranlassung oder Handhabe für einen WM-Entzug.

Erst einmal wurde eine Fußball-WM neu vergeben: Für das Turnier 1986 verzichtete Kolumbien aus ökonomischen Gründen. Mexiko sprang ein und stemmte das Turnier trotz eines schweren Erdbebens wenige Monate vor WM-Beginn.

Mit Material der dpa