Selbst im Rücktritt hat es CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer noch schwer: Parteifreund Norbert Röttgen kritisiert bei "Hart aber Fair" ihren Zeitplan heftig. Zwischen den Groko-Vertretern knirscht es gewaltig.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Der Karneval muss warten: Statt der Verleihung des "Ordens wider den tierischen Ernst" hievt die ARD "Hart aber fair" in die Primetime, weil die berühmt-berüchtigte Büttenrednerin Annegret Kramp-Karrenbauer aka "Putzfrau Gretel" ihren Rückzug von der CDU-Spitze verkündet hat.

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Das ist das Thema bei "Hart aber fair"

Bei seinem Comeback nach zwei Wochen Pause wollte Frank Plasberg eigentlich über Thüringen und die Nachwirkungen sprechen, nun konzentriert er sich auf das größte Nachbeben von allen: die akute Führungskrise im Konrad-Adenauer-Haus. "Jetzt auch die CDU - stürzt die nächste Regierungspartei ins Chaos?", will Plasberg von seinen Gästen wissen, eine rhetorische Frage, denn das Chaos, es ist schon da. Die Frage lautet eher: Wie lange noch, und mit welchem Ende?

Das sind die Gäste

Der Zeitplan von Kramp-Karrenbauer, die ihre Nachfolge erst auf dem Parteitag im Dezember regeln will, stößt bei CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen auf Ablehnung: "Wir sollten diese Fragen deutlich vor der Sommerpause entschieden haben. Das kann ja nicht ein Jahr so gehen."

Der Ex-Grünen-Chef Cem Özdemir nimmt Kramp-Karrenbauer in der Causa Thüringen in Schutz: Sie habe zwar viele Fehler gemacht als CDU-Vorsitzende, aber ihre Reaktion auf das Wahl-Desaster von Erfurt sei nicht falsch gewesen. "Sie hat das klar verurteilt. Es gibt andere Parteivorsitzende, die waren da nicht so klar."

FDP-Chef Christian Lindner wird die Breitseite schon verstanden haben, sicherheitshalber legt Bundestags-Vizepräsident Thomas Oppermann (SPD) noch einmal nach: "Es tut mir leid, dass Frau Kramp-Karrenbauer das Opfer ist, eigentlich hätten andere Leute zurücktreten müssen."

Die Journalistin Kristina Dunz von der "Rheinischen Post" hat einen Interviewband mit Annegret Kramp-Karrenbauer vorgelegt, der Titel: "Ich kann, ich will und ich werde." Um das Erbe von Angela Merkel anzutreten, habe sie aber zu viele Fehler gemacht, sagt Dunz - einer davon: die Vertrauensfrage beim Parteitag in Leipzig im November 2019. "Das war überflüssig."

Normalerweise weigern sich Politikwissenschaftler, genaue Prognosen abzugeben, Karl-Rudolf Korte macht an diesem Abend eine Ausnahme: Er sieht Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Armin Laschet im Rennen um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur vorn – wenn ein Parteitag entscheidet. "Die Mitglieder sind in der Regel konservativer als die Wähler", ergänzt Korte, soll heißen: Bei einer Befragung der Basis hätte Friedrich Merz bessere Karten.

Die ehemalige Piraten-Geschäftsführerin Marina Weisband hält den Zeitpunkt von Kramp-Karrenbauers Rückzug für richtig: "Weil es die CDU für eine Richtungsentscheidung öffnet, die jetzt sehr wichtig wird."

Das ist der Moment des Abends bei "Hart aber fair"

Wenn es in Berlin tatsächlich einmal wie in Österreich zu einer Koalition aus Konservativen und Grünen käme, Özdemir und Röttgen gehörten zu den Pionieren: Sie kennen sich aus der "Pizza Connection", den informellen Gesprächsrunden von Jungpolitikern von CDU und Grünen.

Über die Parteigrenzen hinweg würdigt Cem Özdemir ganz im Geiste der "Pizza Connection" den CSU-Vorsitzenden Markus Söder und Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, die sich klar gegen jede Form der Zusammenarbeit mit der AfD positioniert hatten.

Nicht ohne das parteiübergreifende Lob mit einem Appell an Norbert Röttgen zu verbinden: "Das Erbe von Adenauer, Kohl und Merkel ist ein pro-europäisches und pro-westliches, eins, das in der Mitte ist. Nicht im Fanatismus rechts außen. (…) Deswegen müsst ihr klarmachen, dass die Werte-Union den Weg in die Schrumpfung bringt. Ihr braucht keine zweite AfD."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Schwarz-Grün (oder Grün-Schwarz) könnte nach dem Paukenschlag aus dem Adenauer-Haus ohnehin schneller zu einer ernsthaften Option werden als gedacht. Die Groko-Vertreter in der Runde machen jedenfalls nicht den Eindruck, als hingen sie aneinander.

Thomas Oppermann schreibt seinem CDU-Kollegen Röttgen gleich mal eine To-Do-List, wichtigster Punkt: "Erstmal muss die Union den Richtungsstreit lösen." Der sei nämlich nicht nur Ursache aller Krisen in der Koalition, sondern auch Schuld am Erfolg der AfD. Und wenn Kristina Dunz nicht eingeschritten wäre ("Die SPD ist nicht ganz unschuldig am Bild, das die Regierung abgibt."), hätte der Richtungsstreit wahrscheinlich auch noch das Sturmtief Sabine verursacht.

Norbert Röttgen reagiert aber auch so schon maximal genervt: "Die AfD kann ihr Glück gar nicht fassen, dass wir ihren Erfolg immer größer machen durch Beiträge wie ihren."

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Zwei Wochen Talkshow-Abstinenz, da kann sich schon einiges aufstauen bei einem wie Frank Plasberg. Zeitweise wirkt der Gastgeber so aufgekratzt, als müsse er sein Pensum an steilen Thesen ganz dringend innerhalb einer Sendung aufholen: Erst will er unbedingt in Angela Merkels Einmischung aus Südafrika ("Die entdeckt plötzlich eine Lust an der Macht.") ein "unanständiges" Manöver sehen, eine Einschätzung, mit der er allein bleibt.

Später fragt er, warum nichts an Merkel hängen bleibe, obwohl Kramp-Karrenbauer "ihre Vorsitzende" gewesen sei: "Was ist los, ist der Hosenanzug neuerdings aus Teflon?" Zu Armin Laschet fällt Plasberg ein, dass der CDU-Mann als engagierter Integrationsminister den Beinamen "Türken-Armin" verpasst bekam – ohne das als "Kampfbegriff" (Özdemir) einzuordnen.

Spott, Polemik, Provokationen: Wie so oft balanciert Plasberg zwischen launiger und populistischer Gesprächsführung – aber seine Gäste retten ihn über den Abend, weil sie sich nicht als Vorprogramm für den Karneval verstehen.

Das ist das Ergebnis

Nicht am Tisch vertreten, aber als Fluchtpunkt der Diskussion mit dabei ist die AfD: Sie stehe jetzt als "lachende Dritte" da, sagt Cem Özdemir. "Wir sollten deshalb jetzt nicht die Diskussion um Neuwahlen führen." Es gebe tausend Gründe für ein Ende der Groko, Thüringen gehöre nicht dazu. "Den Erfolg gönne ich diesem Höcke oder wie er heißt nicht."

Marina Weisband warnt die Parteien davor, "die Geschichten der AfD" zu erzählen – so wie es Christian Lindner mache, wenn er sage, er könne beim Bäcker nicht wissen, welcher Kunde rechtmäßig in Deutschland sei. "Das sind nicht die Worte eines großen Liberalen, sondern die eines rassistischen Schildbürgers."

CDU-Mann Röttgen hält den Kurs seiner Partei für klar: Mit den Rechtsaußen wollten in der Union "nur vereinzelte Stimmen" zusammenarbeiten. Die immerhin rund 4.000 Mitglieder der ultrakonservativen "Werteunion", die für eine Annäherung zur AfD werben, will er offenbar aus der Partei ausschließen oder sie zumindest isolieren: "Wir brauchen einen Trennungsstrich." Eine delikate Aufgabe für den neuen Chef der CDU - wie auch immer er heißen mag.

AKK verzichtet auf Kanzlerkandidatur und will bald CDU-Vorsitz abgeben

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer will nicht Kanzlerkandidatin der Union werden und den CDU-Vorsitz in absehbarer Zeit abgeben. Das soll sie laut Parteikreisen in einer CDU-Präsidiumssitzung mitgeteilt haben. Erst am 7. Dezember 2018 war sie zur CDU-Parteichefin gewählt worden.