• Noch vor wenigen Monaten hätte das der SPD wohl kaum jemand zugetraut: In aktuellen Umfragen zieht sie an den Grünen vorbei, Kanzlerkandidat Olaf Scholz ist bei den Deutschen im Direktvergleich der beliebteste Kandidat.
  • Dabei hatte die SPD noch im Januar bei Umfragewerten von 13 Prozent gedümpelt.
  • Woran liegt der jetzige Höhenflug? Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann hat Antworten. Einen Kanzler Scholz hält er nicht für ausgeschlossen.
Eine Analyse
von Marie Illner

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Wenige Wochen vor der Bundestagswahl lassen die aktuellen Umfragewerte ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwarten: Laut "Forschungsgruppe Wahlen" liegen SPD und Grüne mit 19 Prozent gleichauf, im RTL/ntv-Trendbarometer haben die Sozialdemokraten mit 21 Prozent sogar zwei Prozentpunkte Vorsprung vor den Grünen. Auch die Union ist mit Werten zwischen 22 und 30 Prozent auf Schlagdistanz der SPD und Grünen.

Dass die SPD realistisch in der Kanzlerfrage mitmischen würde, hätte wohl vor wenigen Wochen noch kaum jemand erwartet. Noch Ende Mai waren CDU (28) und Grüne (27) in den Umfragen fast auf die doppelten Werte der Sozialdemokraten (15) gekommen, im Januar hatte die SPD mit 13 Prozent ein neues Allzeittief erreicht. Warum die SPD überhaupt einen Kanzlerkandidaten nominierte, fragten sich im vergangenen August viele.

Scholz überrascht in Umfragen

Nachdem Scholz auf Twitter mit den Worten "Jetzt ist es raus" seine Kandidatur verkündet hatte, schlug ihm auch viel Kritik entgegen: Ein Kandidat der SPD sei "aus Marginalitätsgründen" uninteressant und das "Projekt 4,9 Prozent" laufe, twitterten User als Reaktion damals beispielsweise.

Nun aber überrascht Scholz in den Umfragen alle: Er war im August nicht nur beliebtester Politiker nach Angela Merkel, sondern liegt auch in der Frage nach der Kanzlerpräferenz ganz vorn: Könnte man in Deutschland den Kanzler direkt wählen, würden laut "Forsa" 26 Prozent der Deutschen Olaf Scholz ihre Stimme geben – und nur 16 Prozent Annalena Baerbock (Grüne) und 12 Prozent Armin Laschet (CDU).

Ist die SPD lachender Dritter?

Im ARD-Sommerinterview hatte sich Scholz entsprechend optimistisch gegeben: Er traue seiner Partei deutlich mehr als 20 Prozent zu, hatte er am Sonntag in Berlin gesagt. Wie erklärt sich das Umfragephänomen SPD? Ist die Partei von der Lachnummer zum Lachenden Dritten mutiert?

"Nein, im Gegenteil", sagt Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann. Die Partei sei eher zum "Nicht-Lachenden-Dritten" mutiert. Von Alemann erklärt: "Scholz grinst zwar ab und an recht schlumpfig, aber er macht nicht den Fehler wie Armin Laschet, in Krisensituationen lauthals zu lachen."

Scholz steht nicht im Schatten

Im übertragenen Sinne hätte die SPD derzeit aber mehrere Gründe, sich als Nutznießer ins Fäustchen zu lachen. "Während die Kanzlerkandidaten von Union und Grünen noch immer im Schatten anderer Figuren stehen, ist die SPD die einzige Partei, die wirklich einen alleinigen Spitzenkandidaten hat", meint der Experte.

Baerbock stehe derweil noch immer im Schatten von Robert Habeck, Laschet wiederum werde noch ständig mit Markus Söder und Friedrich Merz verglichen. "Das behindert die Kandidaten", ist sich von Alemann sicher.

Zwar habe die SPD auch einen langwierigen Prozess hinter sich, um eine Parteispitze zu wählen und Scholz sei dabei auch seinen Konkurrenten Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken unterlegen, aber: "Jetzt im Wahlkampf halten sie sich sehr weise zurück und spielen nicht die Schattenspitzen. Sie pfuschen Scholz nicht ins Konzept, sodass er die SPD alleine präsentieren kann", ist von Alemann überzeugt.

SPD fährt fehlerlos

Insgesamt sei es um die SPD und in der Partei deutlich ruhiger als bei den Konkurrenten. Während Baerbock mit nichtgemeldeten Nebeneinkünften und abgeschriebenen Passagen in ihrem Buch zu kämpfen hat und Armin Laschet sein Krisenmanagement nach dem Hochwasser auf die Füße fällt, fährt die SPD derzeit relativ fehlerlos. "Die SPD hat früher auch gerne öffentlich Flügelkämpfe ausgetragen, aber derzeit wirkt sie sehr geschlossen", analysiert der Experte.

Doch die SPD zieht nicht nur Erfolge aus der Schwäche der anderen: "Es wird viel kritisiert, dass Baerbock keine Regierungserfahrung hat und auch Laschet hat noch keine ganze Legislaturperiode in NRW regiert", erinnert von Alemann.

Punkte für Regierungserfahrung

Scholz hingegen sei nicht nur regierender Bürgermeister in Hamburg gewesen und habe damit ein Spitzenamt vergleichbar dem eines Ministerpräsidenten innegehabt, sondern er sei auch Vizekanzler in der jetzigen großen Koalition und Bundesfinanzminister. "Damit hat er geballte Regierungserfahrung, auch auf europäischem Parkett", so der Politikwissenschaftler.

Scholz wirke insgesamt nüchtern, effektiv, pragmatisch und ernst. "Das gibt ihm einen Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsvorsprung. Außerdem sind das Eigenschaften, die wir auch Kanzlerin Angela Merkel zuschreiben", erinnert von Aleman.

Doch noch Kanzler Scholz?

Dieser Politiker-Typus sei in Deutschland sehr verbreitet und beliebt: "Auch Bürgermeister Peter Tschentscher in Hamburg und die Ministerpräsidenten Stephan Weil in Niedersachsen und Daniel Günther in Schleswig Holstein sind solche nüchternen und effektiven Typen", sagt von Alemann. Jemand wie Markus Söder in Bayern, der gerne provoziere und nicht besonders berechenbar sei, bilde eher die Ausnahme.

Die Regierungskoalitionen in den 16 Bundesländern

Von Alemann hält es deshalb nicht für ausgeschlossen, dass am Ende doch noch ein Kanzler Scholz aus der Bundestagswahl im September hervorgehen könnte. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir eine Dreierkonstellation bekommen, die Scholz führt", sagt er.

Eine Koalition aus zwei Parteien werde rechnerisch höchstwahrscheinlich nicht zustande kommen, sodass ein Dreierbündnis nötig würde. "Dabei sind mehrere denkbar, mit unterschiedlichen Spitzen - auch mit der SPD", so von Alemann.

Über den Experten: Prof. Dr. Ulrich von Alemann ist Politikwissenschaftler und hat in der Vergangenheit an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf, der Universität Duisburg und der Fernuniversität Hagen gelehrt.

Verwendete Quellen:

  • wahlrecht.de: Sonntagsfrage. Stand 16. August 2021.
  • Tagesschau.de: "Wir müssen schnell handeln". ARD-Sommerinterview mit Olaf Scholz. 15. August 2021.
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