Bayern München fliegt seit dem Restart förmlich durch die Champions League, vor dem Finale gegen Paris Saint-Germain ist aber besondere Vorsicht geboten - und vielleicht sind auch einige taktische Änderungen notwendig.

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Es ist eine Saison der Rekorde für Bayern München. Das 3:0 gegen Olympique Lyon am Mittwoch war der zehnte Sieg im zehnten Spiel in der Champions League, das gab es noch nie in der Königsklasse. Und es war der 20. Pflichtspielsieg am Stück, das gab es noch nie im deutschen Fußball.

Robert Lewandowski (15 Tore) und Serge Gnabry (9) sind zusammen das gefährlichste CL-Sturmduo, noch gefährlicher als ihre Vorgänger Cristiano Ronaldo und Gareth Bale, die dereinst auf 23 gemeinsame Treffer kamen.

Aber das sind alles nur Zahlenspielereien, schmückendes Beiwerk vor dem Spiel der Spiele am Sonntag. Die Bayern könnten sich mit einem elften Sieg in Serie unsterblich machen, aber vor allen Dingen könnten sie: den Henkelpott zurück nach München holen. Denn nur darum geht es.

Die Bayern gehen als Favorit ins Spiel gegen Paris Saint-Germain, so viel lässt sich nach dieser Saison und wenn man die beiden Mannschaften miteinander vergleicht, wohl konstatieren.

Die Sache ist nur die: Das wahnsinnige 8:2 gegen den FC Barcelona bedarf immer noch einer nüchternen Einordnung. Die Partie gegen eine bessere Traditionself der Katalanen hat weder einen Maßstab gesetzt noch kann es als Referenzgröße dienen. Dafür war Barca in allen Belangen zu schwach und auch nicht in der Lage, die natürlichen Schwachstellen in Bayerns System zu bespielen.

Die Spielausrichtung birgt Gefahren

Praktischerweise lieferte das Lyon-Spiel dazu ein paar sehr passende Beweismittel. Denn dass es diese neuralgischen Punkte gibt und dass die Bayern dort zum Teil sehr verwundbar sind, hat dann erst Olympique Lyon gezeigt.

Während Barca aus dem eigenen Ballbesitz heraus mit kurzen Anspielen und Pässen hoch ins Feld und damit ins Angriffspressing locken wollte, um dann über einen im Zentrum abgelegten Ball, der schnell tief gespielt wurde, über die Außen zu gehen - und in der Anfangsphase auch ein paar Mal damit durch kam -, verfolgte Lyon einen etwas anderen Plan.

Die Franzosen wollten eine Spur weniger Fußball spielen als Barca, agierten im eigenen Ballbesitz vertikaler zum Bayern-Tor und streuten deshalb früher lange Bälle ein. Das Hauptaugenmerk lag aber besonders in der Startphase der Partie auf Ballgewinnen im Mittelfeld und dann einem sofortigen tiefen Pass auf einen der lauernden Angreifer Memphis Depay oder Toko Ekambi. Besonders Letzterer ist ein überragender Konterspieler, der mit seinen schlauen und sauber getimten Laufwegen für eine dauerhafte Gefahr sorgt(e).

"Dieses kurze Kommen und dann in die Tiefe Gehen von Lyon haben wir in der ersten Phase des Spiels schlecht verteidigt. Wir haben vor dem Spiel gesagt, dass wir leichtfertige Ballverluste möglichst vermeiden sollten. Davon hatten wir aber schon einige. Die müssen wir abstellen", sagte Bayern-Trainer Hansi Flick nach dem Spiel bei Sky.

Restverteidigung als Knackpunkt

Die Probleme der Bayern nicht nur gegen Lyon, sondern auch schon in zahlreichen anderen Spielen in dieser Saison, unter anderem zuletzt auch gegen Chelsea und im Pokalfinale gegen Leverkusen, sind systemimmanent.

Keine andere Mannschaft definiert sich derzeit so stark über ihr Pressing und Gegenpressing wie die Bayern. Dafür rücken die Münchener fast schon unverschämt hoch ins Feld, arbeiten mit ihrer Abwehrreihe rund um die Mittellinie und verzichten sozusagen auf diese natürlich gegebene Hilfestellung im Sinne der Abseitsregel. Stehen die bayerischen Innenverteidiger in der gegnerischen Hälfte, fällt die Option einer Abseitsfalle grundsätzlich weg.

Stattdessen stellen die Bayern teilweise sieben Feldspieler für das höchstmögliche Angriffspressing ab und verlassen sich in ihrer Restverteidigung auf die individuellen Qualitäten im Eins-gegen-Eins und die Schnelligkeit der Spieler.

In der Regel können Spieler wie Alphonso Davies, Benjamin Pavard, David Alaba oder Jerome Boateng in den dann unvermeidbaren Laufduellen vieles noch löschen und die Situation klären - immer gelingt das aber nicht. Lyon hat gezeigt, wie man schnörkellos und ohne sich im gegnerischen Pressing zu verzetteln in die Spitze spielt und dort mit stets an der Abseitslinie lauernden Angreifern oder in die Tiefe startenden Mittelfeldspielern vors gegnerische Tor kommt.

Gegen Barca mussten die Bayern keine Angst vor der Endgeschwindigkeit der gegnerischen Angreifer haben, gegen Lyon gab es erste heftige Warnschüsse - und gegen Paris dürfte sich eine deutlich abgewandelte Defensivausrichtung zeigen. Zwar werden die Bayern im Prinzip ihre mutigen Herangehensweise im Pressing und Gegenpressing wohl beibehalten, die Absicherung in der Restverteidigung gegen Kylian Mbappé und Angel di Maria - mit einem der besten Passgeber der Welt, Neymar, dahinter - wird aber ziemlich sicher eine etwas andere sein.

Defensive anders organisieren

"Unsere große Stärke ist es, dass wir den Gegner unter Druck setzen. Das wird uns, denke ich, gegen Paris auch gelingen und wenn wir dann Ballgewinne haben, ist das eine Stärke von uns", sagt Flick. Er sagt aber auch: "Wir werden die Dinge analysieren und wissen natürlich schon, dass Paris sehr schnelle Spieler hat. Wir müssen also schauen, dass wir die Defensive noch ein bisschen anders organisieren."

Vielleicht wird Flick gezwungen, personell umzustellen. Der Einsatz von Boateng ist nach dessen Muskelverletzung aus dem Halbfinale nicht gesichert. Gegen Lyon holte Flick deshalb etwas überraschend Niklas Süle aufs Feld und nicht etwa Lucas Hernandez. Süle fehlt nach seinem Kreuzbandriss etwas die Spielpraxis, das konnte man in ein paar kleinen Situationen gegen Lyon ganz gut sehen.

Vielleicht überdenkt der Trainer aber auch die Besetzung im zentralen defensiven Mittelfeld. Joshua Kimmich wäre eine Alternative für Thiago, der genesene Benjamin Pavard könnte dafür auf seinen Posten rechts in der Viererkette zurückkehren.

Der richtige Mix wird entscheidend sein

Die Bayern benötigen einen sauber abgestimmten Mix aus Risiko und Verlässlichkeit gegen PSG. Allein auf Manuel Neuer zu hoffen oder darauf zu vertrauen, dass Mbappé, Di Maria oder Neymar ebenso schludrig mit ihren Chancen umgehen werden wie Lyon, wird vermutlich nicht reichen.

Die Bayern könnten generell gut und gerne auch etwas anders spielen, etwas vorsichtiger, eine Spur weiter nach hinten gezogen und würden trotzdem ihre grundsätzliche Dominanz behalten. Das wollte Flick bisher aber nicht, der Trainer blieb stets seiner riskanten Linie treu und verzichtete auf grundlegende Änderungen.

Das kann man konsequent nennen, wenn es gut geht. Oder eben stur, wenn es nicht gut geht. Es wird Flicks größte Aufgabe zu entscheiden, inwieweit er seine Stärken etwas einschränken will, um die Schwächen besser zu kontrollieren.

Ein gutes Beispiel dafür ist Pep Guardiola, dem sein vermeintlicher Eigensinn nun allenthalben zum Vorwurf gemacht wird. Dass Manchester City aber im Achtelfinale gegen Real Madrid auch dank einiger Umstellungen des Trainers beide Spiele gewinnen konnte, wird dabei geflissentlich übersehen. Am Ende wird es auch für Hansi Flick so sein, wie es schon immer war: Holen die Bayern den Titel, hat er alles richtig gemacht. Aber dafür muss es eben gut gehen.