Katerstimmung beim FC Bayern: Nach drei sieglosen Pflichtspielen befindet sich der Rekordmeister in der ersten Mini-Krise der Saison. Vor dem Champions-League-Spiel gegen PSV Eindhoven läuft die Suche nach den Ursachen.

Zunächst zu den Fakten: Der FC Bayern geht als ungeschlagener Bundesliga-Tabellenführer in das Champions-League-Duell mit der PSV aus Eindhoven (20:45 Uhr LIVE bei Sky und bei uns im Ticker). Das ist eine wissenswerte Information, denn nach dem 2:2 bei Eintracht Frankfurt türmten sich Reaktionen, die auf eine dringende Staatsaffäre hindeuteten.

Es sollen bitteschön keine Probleme herbeigeredet werden, wo keine sind, mahnte Trainer Carlo Ancelotti vor dem Auftritt am Main. Karl-Heinz Rummenigges Replik auf die lasche, ja konfuse Vorstellung des FCB in Frankfurt dokumentierte die Wandelbarkeit des Geschäfts. "Das war des FC Bayern nicht würdig! Man muss hin und wieder den Finger in die Wunde legen, wenn eine Wunde da ist", schimpfte der Vorstandsboss.

Dass Pep Guardiola David Alaba vom FC Bayern gerne in seinem Team Manchester City haben möchte, ist nichts Neues. Nun kommt aber Bewegung in die Personalie. Alabas Berater haben sich anscheinend mit City-Verantwortlichen getroffen, ein Wechsel im Sommer wird forciert.

So ist das in München, wo der Sieg bekanntlich Standard und der Misserfolg alles außer gewöhnlich ist. Drei nicht gewonnene Pflichtspiele in Folge gab's gefühlt um die Jahrtausendwende (und tatsächlich 2015 unter Pep Guardiola), sie provozieren die Fahndung nach Gründen. Inklusive dazugehöriger Erklärungsansätze.

Ancelotti: lange Leine, kurze Wirkung?

Offenbar gestaltet sich der Übergang vom penetranten Optimierer Guardiola zum Gemütsmenschen Ancelotti schwieriger als gedacht. Peps Schlinge wich mehr Eigenverantwortung, das Team scheint jedoch zur strammen Gefolgschaft erzogen.

"Wir vertragen auch einen Tritt in den Hintern", sagte Thomas Müller kürzlich im "kicker", Manuel Neuer tadelte vor zwei Wochen, dass 95 Prozent Leistungsbereitschaft nicht ausreichen.

In Frankfurt kritisierten Rummenigge und Ancelotti unverblümt die Einstellung der Herren Angestellten. Fehlen nun Prozente des Willens nach Guardiolas intensiv-schlauchenden Jahren? Qualität braucht Mentalität zur Entfaltung, gelaufene Kilometer (durchschnittlich 109,5 statt 113) und Sprints (191 statt 200) sanken im Vorjahresvergleich. Bei der Eintracht siegte Bayern erstmals seit Oktober 2008 trotz zweimaliger Führung nicht.

FC Bayern lebt von Individualmomenten

Zuvor zehrten die Münchner in dieser Saison von individuellen Glanzlichtern. Gegen den FC Schalke 04, den FC Ingolstadt und den Hamburger SV gewann Bayern, ohne zu überzeugen. Mal dribbelte Franck Ribéry fidel, dann schlug Thiago einen hübschen Ball, und wenn es sein musste, wie gegen Ingolstadt, rettete Keeper Neuer. Das kaschierte. Zumal Robert Lewandowski traf, wie ein Robert Lewandowski eben trifft: häufig und turnusmäßig.

Beim Angreifer klemmt's seit dem 3. Spieltag, Ribéry ist verletzt, ebenso Douglas Costa, während Arjen Robben, der dritte von vier Dribblern, gerade genesen ist. Kingsley Coman ist momentan kein Faktor. Er spürt die Nachwehen der EM, physisch wie mental. Ähnlich ist die Situation bei Einkauf Renato Sanches, dem bisher überhaupt kein Zugriff gelang.

Bayern beschäftigt den ältesten Kader der Liga, das aber kann - zumindest zu diesem frühen Zeitpunkt - kein Argument sein. Erstens rotiert Ancelotti, zweitens hakt's auch bei den Jungen, siehe Coman (20) und Sanches (19). David Alaba stagniert in seiner Entwicklung, das DFB-Duo Jérôme Boateng/Mats Hummels wackelte bei der Eintracht, und Thomas Müller agiert so glücklos wie bei der EM 2016. Sowas spürt in Summe sogar der FC Bayern.

Bayern-Gegner werden frech

Zugleich wagen sich die Kontrahenten aus der Höhle. "Frankfurt hat teilweise das Heft des Handelns in die Hand genommen", staunte Müller, "daran will man sich als Bayern-Spieler nicht gewöhnen". Könnten sie aber, zwangsweise.

Ingolstadt hätte in der Allianz Arena punkten müssen, Köln nahm ein Remis mit, Frankfurt presste ungeniert. Es fällt auf, wie keck die demütigen Untertanen plötzlich antreten, um den Souverän zu triezen - was diesen verunsichert. "Wir müssen zu alter Form finden, damit die Gegner nicht das Gefühl haben, dass man gegen uns gewinnen kann", fordert Robben.

FC Bayern München: Gesichter der Mini-Krise

Seit Wochen wartet der FC Bayern auf einen Sieg in der Bundesliga und der Champions League. Wer ist Schuld an der Krise?

Abkehr von Guardiolas Spielstil

Eine Münchner Schwäche ist die schwindende Dominanz, speziell im Mittelfeld, der Herzkammer von Guardiola-Mannschaften. Ancelotti änderte behutsam, keine Revolte, doch die Ball- und Spielkontrolle aus Peps Tagen hat sich verblüffend rasant verflüchtigt.

Guardiola ließ die Außen einrücken, um das Zentrum durch Überzahlsituationen zu stärken; Ancelotti präferiert Flügelspieler im ureigenen Sinn, also an der Seitenlinie orientiert. So liegt die Last der kreativen Lösungsfindung umso mehr auf den Mittelfeldakteuren.

Schwierig wird es dann, wenn Thiago weiterhin nur anreißt, welch Begabung in ihm steckt, wenn Arturo Vidal unpässlich ist, wie in Frankfurt, und wenn Xabi Alonso zeigt, warum er fast 35 ist. Aushilfstorjäger Joshua Kimmich (sechs Pflichtspieltreffer!) kann nicht alleiniger Impulsgeber sein.

Lahm mit Arbeitsauftrag für Ancelotti

Nein, dem FC Bayern München wird keine Krise eingeredet. Das erledigt er schon selbst. "Wir müssen uns die Frage stellen, warum wir das, was uns in den vergangenen Jahren ausgemacht hat, gerade nicht hinbekommen", sagt Kapitän Philipp Lahm. Ein Arbeitsauftrag für Ancelotti.

Immerhin, für die nahe Zukunft hat der Coach einen ziemlich simpel gestrickten Plan: "Ich werde Wechsel vornehmen."

Diese sollten gegen Eindhoven besser greifen und dem FCB zum Sieg verhelfen - damit das Krisen-Gerede schon bald ein Ende hat.