Mit Lukas Podolski verlässt der letzte Mitgestalter der deutschen Fußball-Revolution die Nationalmannschaft. Ohne die "feste Größe" Poldi braucht Bundestrainer Joachim Löw bald neue Anführer in seiner Mannschaft.

Irgendwo in Budapest dürfte man am Montagvormittag große Seufzer der Erleichterung gehört haben. Lothar Matthäus wohnt seit einiger Zeit in Ungarns schöner Hauptstadt, in seiner eigentlichen Heimat Deutschland schaut der 55-Jährige nur noch beruflich vorbei, etwa als Experte beim Bezahlsender "Sky".

Matthäus ist immer noch der einzige Deutsche, der es jemals zum Weltfußballer des Jahres geschafft hat, er ist das Sinnbild des WM-Triumphs von 1990 - aber vor allen Dingen firmiert er als eine Art gebenedeite Figur: Als Rekord-Nationalspieler. Dieser Titel ist so groß und wuchtig, weil er so einzigartig ist. Weltfußballer sind und waren schon andere, Weltmeister auch. Aber dem größten Sportfachverband der Welt so oft gedient zu haben wie kein anderer: Das ist einzigartig.

Doch nicht Rekord-Nationalspieler

150 Mal lief Matthäus für den Deutschen Fußball Bund auf, aber in den letzten Jahren musste Matthäus tatsächlich Angst haben, dass ihm einer dieser gar nicht mehr so jungen Jungspunde seinen Titel streitig macht.

Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski stießen vor zwölf Jahren zur Nationalmannschaft, Schweinsteigers und Podolskis Debüt erlebte Matthäus kurioserweise sogar live mit: Beim Testspiel damals stand Matthäus als ungarischer Nationaltrainer auf der anderen Seite der Mittellinie. Per Mertesacker rutschte wenige Monate später ins Team, Miroslav Klose war schon da.

Lahm hatte keine 24 Stunden nach dem WM-Titel von Rio seinen Hut genommen, Mertesacker und Klose ebenso. Schweinsteiger sagte vor wenigen Tagen leise Servus. Und am Montag legte nun eben auch Lukas Podolski nach. Lahm bleibt bei 113 Länderspielen stehen, Mertesacker bei 107, Klose bei 137, Schweinsteiger bei 120 und Podolski bei 129.

Er war die eine letzte Bedrohung für Matthäus. Jetzt ist diese Gefahr aus Matthäus' Sicht gebannt. Für den DFB bedeutet Podolskis Entscheidung das Ende eines erfolgreichen Zyklus. Die goldene Generation ist spätestens jetzt Geschichte. Wenige Momente nach dem verlorenen EM-Halbfinale gegen Frankreich Anfang Juli entgegnete Podolski auf die Frage nach seiner Zukunft, er werde "auf jeden Fall" weitermachen.

Mehr Zeit für die Familie

Jetzt die Kehrtwende, die trotz seines Bekenntnisses von Frankreich niemanden mehr so richtig überraschte. "Ich habe dem Bundestrainer gesagt, dass ich ab sofort nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen werde. […] Ich habe aber nach der Euro/Urlaub gespürt, dass sich mein Fokus verschoben hat. Alles hat seine Zeit - und meine Zeit beim DFB ist vorbei", erklärte er auf Facebook.

Podolski hat sieben große Turniere mit der Nationalmannschaft gespielt. Er hat Tiefen wie das klägliche Aus 2004 oder die Halbfinalniederlagen 2006 und 2010 erlebt, aber auch zahlreiche Highlights: Die Heim-WM, samt Auszeichnung zum besten Nachwuchsspieler des Turniers. Er war fester Bestandteil der furiosen Mannschaft von 2010, er war Aushilfskapitän, Mitglied des Mannschaftsrats und kam 2014 später endlich ans Ziel, beim Finale von Rio.

Vorzeigeschüler der Nachwuchsausbildung

Mit Podolski geht nun auch der letzte Zeitzeuge der Revolution des deutschen Fußballs von Bord. Als er anfing, damals gegen Ungarn, rumpelte die Nationalmannschaft nur so durch ihre Partien. Er war - neben Lahm, Mertesacker, Schweinsteiger - ein erster Vorzeigeschüler der neu strukturierten Nachwuchsausbildung in Deutschland: Jung, frisch, unverbraucht, unbekümmert und gut.

Die jungen Spieler verkörperten den hoffnungsvollen Aufbruch des deutschen Fußballs in eine neue Zeit und sie vollendeten ihr Werk mit dem WM-Triumph vor zwei Jahren in schillerndster Form. Mit Podolskis Rücktritt hat diese Generation ausgedient. Sie hat ihr Werk vollbracht, jetzt ist die neue Generation an der Reihe. Viele haben in ihm in den letzten Sequenzen seiner Zeit bei der Nationalmannschaft nur mehr ein besseres Maskottchen gesehen.

Die Ulknudel, die im Camp für Spaß und Heiterkeit zu sorgen hat und ansonsten die Klappe hält und keinen Stunk macht. Aber diese Sichtweise wurde Podolski nicht gerecht und er wehrte sich zu Recht dagegen.

Zäsur bei der Nationalmannschaft

Podolskis Spiel mag seine Defizite gehabt haben. Er war nicht besonders defensivstark und konnte diesen Malus auch nie so ganz abstreifen. Er hatte nicht die Leichtigkeit eines Marco Reus oder die raumgreifende Geschwindigkeit von Andre Schürrle.

Aber Podolski war ein Killer vor dem Tor, ein Spieler mit einem unglaublich harten und präzisen Schuss, der den Fußball gerne einfach statt zu kompliziert gehalten hat. Und nicht wenige hätten ihn gerne nochmals im Angriff gesehen und nicht im linken offensiven Mittelfeld. Im Sturm ist Podolski groß geworden, hier war er am stärksten. 48 Tore lügen nicht, damit belegt er Rang vier der ewigen DFB-Torschützenliste, vor Klinsmann, Völler, Rummenigge, Seeler.

Für Joachim Löw sind die Rücktritte von Schweinsteiger und Podolski eine Zäsur. "Lukas war genauso wie Basti immer eine feste Größe für mich. Auf ihn war und ist Verlass. Bei aller Lockerheit und Leichtigkeit, für die er steht, ist er ein Vorbild an Professionalität und Einstellung. Dem Erfolg hat er immer alles untergeordnet, auch sich selbst", ließ Löw in einer ersten Reaktion verlauten.

Das erste Länderspiel seiner Mannschaft in der neuen Saison wird in wenigen Tagen schon über die Bühne gehen. Gegen Finnland beginnt dann auch personell eine neue Zeitrechnung. Die Nationalmannschaft wird sich eine neue Hierarchie stricken müssen; neue, starke Köpfe werden sich herauskristallisieren.

Spieler wie Jerome Boateng, Manuel Neuer, Mats Hummels, Mario Gomez oder Mesut Özil sind jetzt die Anführer. Lothar Matthäus kann die Länderspiele der kommenden Jahre einigermaßen entspannt verfolgen. Mesut Özil kommt seinem Rekord noch am nächsten, aber seine bislang 79 Länderspiele stellen momentan keine echte Gefahr dar.