• Ein Neustart der deutschen Nationalmannschaft ist dringend notwendig - aber das erste Ziel ist nicht ganz klar.
  • Nur eines ist sicher: Auf den neuen Bundestrainer Hansi Flick wartet jede Menge Arbeit.
Eine Analyse
von Stefan Rommel

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Mittlerweile ist es ruhig geworden um die deutsche Nationalmannschaft. Knapp eine Woche nach dem EM-Aus sind die Spieler längst im Urlaub, Joachim Löw ist untergetaucht und wird so schnell auch nicht mehr auftauchen.

Anfang August wird Hansi Flick übernehmen, spätestens dann werden die Planungen der Zukunft auch spürbar Fahrt aufnehmen. Aber schon jetzt steht ja die zentrale Frage im Raum: Wie sieht der Fahrplan der Nationalmannschaft in den kommenden Jahren mit Trainer Hansi Flick aus?

In 17 Monaten beginnt die Weltmeisterschaft in Katar, und Hansi Flick wird sich, eine Qualifikation der deutschen Mannschaft vorausgesetzt, auf dieses Turnier vorbereiten müssen.

Zwei Jahre später folgt dann das große Highlight mit der Heim-EM - die erste nach dann 36 Jahren und das erste Großereignis der Männer in Deutschland seit dem Sommermärchen 2006.

Wie passt das alles zusammen mit der unbedingten Notwendigkeit eines Neuaufbaus? Oder wird der Umbruch im Team wieder nur bruchstückhaft vollzogen?

Es wird eine große Aufgabe für Hansi Flick, das Spannungsfeld zwischen sportlichem Erfolg und sportlicher Entwicklung der Mannschaft gesund auszutarieren. Daran sind schon andere Trainer gescheitert, und gerade bei der Nationalmannschaft, mit ihren wenigen Lehrgangsterminen in einem völlig vollgestopften Rahmenterminkalender, sind die Probleme noch einmal ungleich größer als bei Klubmannschaften.

Es fehlt ein Gegenpart zu Oliver Bierhoff

Insofern wäre es interessant zu wissen, welche Prioritäten der DFB im Hinblick auf die beiden Turniere legt. Und vor allen Dingen: Wer nun genau den Fahrplan definiert. Der größte Sportfachverband der Welt hat, abgesehen von Bierhoff und vielleicht noch U-21-Trainer Stefan Kuntz, auf Entscheidungsebene ein Kompetenzdefizit - und zudem kein gut funktionierendes Präsidium.

Es fehlt seit Jahren ein Gegenpart zu Bierhoff, der gefühlt überall mitmischt: Bei der A-Nationalmannschaft, bei der Nachwuchsreform, beim DFB-Campus. Nun sind das gemäß seiner Jobbeschreibung auch seine Kerngebiete - es gibt aber kein Korrektiv im Verband, eine möglicherweise auch streitbare Instanz mit hoher sportlicher Kompetenz. Einen wie Matthias Sammer, vielleicht auch Ralf Rangnick.

Vermutlich wird es also auch in der nahen Zukunft an Bierhoff und am neuen Bundestrainer liegen - unterstützt von dem einen oder anderen Macher aus der Nachwuchsschmiede -, den Fahrplan für die nächsten Jahre zu entwickeln.

Und die müssen sich mit der Kernfrage auseinandersetzen, die kaum lösbar scheint: Es wird nur schwer realisierbar sein, eine fundierte sportliche Weiterentwicklung der Mannschaft einzuleiten und gleichzeitig maximalen sportlichen Erfolg einzufahren. Vielleicht hilft deshalb auch ein Blick in die Geschichtsbücher oder auf andere Nationen.

Ein Blick ins Ausland könnte helfen

Deutschland hatte bereits Mitte der 90er Jahre ein massives Problem, das durch den EM-Titel 1996 aber noch einmal überlagert wurde. Die Dürreperiode dauerte, trotz der Vize-Weltmeisterschaft sechs Jahre später, bis zur Übernahme von Jürgen Klinsmann und Joachim Löw an. Der DFB hat sich also ein Jahrzehnt blenden lassen von wenigen punktuellen Erfolgen - und dabei den Anschluss verpasst.

Ähnliches droht auch jetzt, darüber sollten die Titel mit der U-21-Nationalmannschaft nicht hinwegtäuschen - eingefahren gegen Gegner, die etliche ihrer spielberechtigten Akteure längst zur A-Nationalmannschaft abstellen mussten.

Deutschland hat immer noch eine enorme Breite, aber in der absoluten Spitze werden die Toptalente immer weniger. Der DFB hat dieses Problem schon länger erkannt und will mit dem "Projekt Zukunft" gegensteuern - sofern die Landesfürsten das überhaupt zulassen. Die Reform befinde sich in der Schwebe, so ist zu hören.

Andere große Nationen hatten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen und haben sich die nötige Zeit genommen, um einen Neustart mit Hand und Fuß zu konzipieren. Frankreich verpasste Mitte der 90er Jahre die Weltmeisterschaft in den USA, nutzte die Jahre danach und arbeitete gezielt auf den Triumph bei der Heim-WM zu.

England verpasste die EM 2008, aus dem großen Chaos danach gebaren die FA und die Premier League ihr Nachwuchs- und Trainerförderkonzept, das nun mit zahlreichen Topspielern und einer erstarkten Nationalmannschaft Früchte trägt.

Spanien dominierte um das Ende der Nuller- und den Beginn der Zehnerjahre mit drei Titeln bei Großereignissen in Folge. Danach verliefen die Turniere enttäuschend, aber den Umbruch hat die Seleccion nach vier, fünf Jahren nun abgeschlossen: Bei der aktuellen EM ist nicht ein Spieler von Real Madrid dabei, dafür mehr als ein Dutzend hoffnungsvoller Spieler Anfang zwanzig, die eine neue Epoche prägen könnten.

Einen anderen Weg gehen offenbar die Italiener: Die verpasste WM vor drei Jahren war ein letztes Signal für den Aufbruch in eine neue Zeit. Die Serie A hat sich seitdem massiv verbessert und die Lücke zur Premier League, La Liga und auch der Bundesliga wieder verkleinert.

Und die Italiener hatten das Glück, dass in Roberto Mancini der perfekte Baumeister zur rechten Zeit verfügbar war. So, wie auch Hansi Flick nun der beste Trainer für die deutsche Nationalmannschaft sein könnte. Dass der in kurzer Zeit eine Mannschaft entwickeln und Erfolg haben kann, hat er beim FC Bayern gezeigt.

Wirtz, Baku, Nmecha: Wer rückt nun bald nach?

Es ist Zeit für Veränderung, für einen neuen Ansatz, eine andere Herangehensweise. Für eine aktivere Spielweise ohne Abwarten und für Vertrauen auf eigene, frühere Stärken. Dass Flick eine Mannschaft aus den verschiedensten Charakteren und Altersstufen einen und mitreißen kann, hat er mit seinen sieben Titeln in München inklusive der Krönung mit dem Champions-League-Triumph 2020 in Lissabon bewiesen.

Viele Nationalspieler, so ist zu vernehmen, sollen sich schon freuen auf den Neustart unter Flick. Und auf eine frische und doch bekannte Idee: nicht nur die Schwächen zu kompensieren, sondern die Stärksten dort spielen zu lassen, wo sie auch am stärksten sind.

Helfen könnten dann auch ein paar Spieler aus der U 21. Florian Wirtz ist ein klarer Kandidat für die A-Nationalmannschaft, Ridle Baku hätte schon bei der aktuell noch laufenden EM helfen können. Mit dem Wolfsburger ist eine Lösung für die rechte Außenbahn in Sicht, was im Umkehrschluss Joshua Kimmich wieder fürs Mittelfeld freimachen könnte.

Ganz vorne kann Lukas Nmecha eine Option werden, als klarer Stoßstürmer in einem Land, das die illustre Reihe von Uwe Seeler, Gerd Müller, Klaus Fischer, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff bis zu Miroslav Klose seit Jahren nicht fortsetzen konnte.

Auf Hansi Flick wartet jede Menge Arbeit. Die hat ihm sein Vorgänger als Abschiedsgeschenk überlassen. Flick hat nun wenig Zeit, sich durch das Chaos zu wühlen. Er wird sich an die neuen Zyklen gewöhnen müssen und an die Tatsache, dass er nicht jeden Tag mit einer Mannschaft auf dem Platz arbeiten darf.

Aber vielleicht ist der Druck bei der WM im kommenden Jahr ja gar nicht mehr so groß. Denn die Europameisterschaft 2024 im eigenen Land: Das dürfte das erste große Etappenziel sein.

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