• Roman Abramowitsch will die Kontrolle über den FC Chelsea abgeben und damit harten Sanktionen gegen sich und die Blues zuvorkommen.
  • Was bedeutet Abramowitschs Rückzug aber wirklich - und ist das alles nicht mehr als nur ein Taschenspielertrick?

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Am Anfang war das alles noch ganz witzig: In den Fan-Shops des FC Chelsea wurden in den ersten Monaten nach dem Einstieg Roman Abramowitsch‘ bei den Blues Devotionalien und Souvenirs mit russischem Anstrich verkauft, der absolute Renner waren die berühmten russischen Fellmützen Uschanka. Im Umlauf des Stadions an Stamford Bridge wurde für die ganz wichtigen Fans ein Nachtclub gebaut, im Stadion selbst lief unmittelbar vor den Spielen Ivan Larionovs Volkslied Kalinka.

Die Engländer machten sich einfach einen großen Spaß aus der Übernahme ihres fast 100 Jahre alten Klubs, einer Institution des englischen Fußballs. Aber zur damaligen Zeit auch einer grauen Maus: Chelsea war in der Premier League ein Klub unter vielen, der FC Arsenal, Manchester United, Newcastle United, Leeds United oder Liverpool machten die Champions-League-Teilnahmen und die Meisterschaften unter sich aus.

Dann kam Abramowitsch. Über den wussten sie in England nicht viel, nur dass er nach dem Zerfall der Sowjetunion mit unterschiedlichen Unternehmen und womöglich sogar auf halblegalen Wegen zu unglaublich viel Geld gekommen war. Abramowitsch verkaufte Gummienten und Toilettenhäuschen, stieg später ins Ölgeschäft ein, wurde Gouverneur der Tchukotka und spätestens damit auch eine wichtige Figur für den damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin.

Abramowitsch läutete eine Zeitenwende nicht nur für den Chelsea Football Club ein, sondern für die gesamte Premier League und indirekt auch für den europäischen Fußball. Mit dem Einsatz ungeheuerlicher Summen transformierte er die Blues zu einem Wettbewerber in der heimischen Liga und in der Champions League und wurde damit zum Vorbild für zahllose andere Klubs, die sich nach und nach ebenfalls in die Hände wohlhabender Oligarchen oder Investoren begaben - in der Hoffnung auf einen ähnlichen Aufstieg, wie ihn Chelsea hinlegte.

Wegen Krieg in der Ukraine: Abramowitsch gibt offiziell die Kontrolle ab

Sagenhafte 2,4 Milliarden Euro hat Abramowitsch in den fast zwei Jahrzehnten seines Engagements allein für Spielerkäufe ausgeben, die Transferbilanz weist seitdem ein Minus von rund 1,1 Milliarden Euro aus. 21 Titel hat der Russe damit sich und den Blues erkauft, unter anderem fünf Meisterschaften und FA-Cups, zwei Siege in der Europas League und natürlich die beiden Triumphe in der Königsklasse 2012 und 2021. "The Roman Empire" nennen die Fans Abramowitschs Regentschaft und irgendwie auch ihren Klub seitdem - aber damit könnte nun bald Schluss sein.

Wenige Stunden vor dem Finale des englischen Ligapokals gegen den FC Liverpool hat Abramowitsch die Kontrolle über den FC Chelsea abgegeben. In einer Mitteilung heißt es, der 55-Jährige habe die Verwaltung des Premier-League-Klubs an die Treuhänder seiner gemeinnützigen Stiftung übergeben. Damit will Abramowitsch offenbar Forderungen zuvorkommen, die Kontrolle über den FC Chelsea nach russischen Invasion in der Ukraine vollständig aufzugeben.

Er habe seine "Entscheidungen immer im besten Interesse des Klubs getroffen. Ich bleibe diesen Werten verpflichtet. Aus diesem Grund übertrage ich heute den Treuhändern der gemeinnützigen Chelsea-Stiftung die Verwaltung und Betreuung des FC Chelsea." Diese seien "derzeit am besten in der Lage, die Interessen des Vereins, der Spieler, der Mitarbeiter und der Fans zu wahren."

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Roman Abramowitsch bleibt in Hintergrund der starke Mann

Was sich auf den ersten Blick wie ein Rückzug liest, dürfte zumindest vorerst aber nur ein Taschenspielertrick sein, um der größtmöglichen Sanktion zu auszuweichen. Abramowitsch hat nicht vor, seinen Klub nun zu verkaufen und der Vorsitzende der Stiftung, Bruce Buck, gilt nicht nur als enger Vertrauter Abramowitsch, sondern sitzt gleichzeitig bei den Blues auch in den Gremien. Buck könnte ein Schattenmann werden, der ganz im Sinne Abramowitsch weiter die Geschicke lenkt - und natürlich jede Menge Geld investiert.

Für Abramowitsch wurde die Gemengelage schon in den letzten Jahren immer etwas heikler. Seit einigen Jahren besitzt er kein Visum mehr für seine Wahlheimat, zeigte sich auch deshalb erst seltener, zuletzt kaum noch bei Spielen der Blues oder offiziellen Terminen. Die Nähe zum russischen Präsidenten und seit einigen Tagen auch Kriegstreiber Putin hat Abramowitsch nun vollends in den Fokus des britischen Parlaments gerückt. Der Vorschlag steht im Raum, wie anderen russischen Milliardären auch Abramowitschs Konten einzufrieren und die gesamten Besitztümer zu beschlagnahmen - wozu eben auch der FC Chelsea gehört.

Die britische Regierung schreckt dabei offenbar auch nicht vor Maßnahmen zurück, die den eigenen Marktplatz London schwer treffen könnten. Der Zufluss russischer Gelder in Milliardenhöhe, der massenhafte Kauf teurer Immobilien, das viele zwischengeparkte Geld hat der englischen Hauptstadt in Finanzkreisen längst den Spitzennamen "Londongrad" eingebracht, die teilweise undurchsichtigen Finanzströme will Premierminister Boris Johnson nun trockenlegen. Mehr als 100 russische Personen und Unternehmen sind seit letzten Donnerstag sanktioniert, die Konten eingefroren.

Ein Verkauf des FC Chelsea steht nicht im Raum

Abramowitsch will dem als Privatperson und als Besitzer der Blues zuvorkommen, deshalb nun der Rückzug light. "Während meiner fast 20-jährigen Eigentümerschaft vom Chelsea FC habe ich meine Rolle immer als Hüter des Klubs gesehen, dessen Aufgabe es ist, sicherzustellen, dass wir so erfolgreich sind, wie wir es heute sein können und auch für die Zukunft gerüstet zu sein, während wir auch eine positive Rolle für die Gesellschaft spielen", formulierte Abramowitsch in salbungsvollen Worten in seiner Erklärung. Faktisch wird sich für die Blues aber in naher Zukunft wohl nicht viel ändern.

Buck, die beiden Direktoren Guy Laurence und Eugene Tenenbaum und vor allen Dingen auch Abramowitschs Statthalterin und Sportdirektorin Marina Granovskaia werden die Blues schon auf Kurs halten. Die Distanz, die Abramowitsch nun vordergründig zu seinem Lieblingsspielzeug aufbaut, dürfte allenfalls gespielt sein. Noch dürfte der Druck nicht groß genug sein, Abramowitsch hat sich fürs Erste etwas aus dem Fokus genommen - das kann sich im weiteren Verlauf der russischen Kriegshandlungen in der Ukraine aber auch noch ändern.

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Schließlich bleibt der Russe ja noch Eigentümer des Klubs: Wie die "BBC" berichtet, stehe der Klub aktuell nicht zum Verkauf. Abramowitschs Darlehen in Höhe von rund 1,8 Milliarden Euro soll nicht eingezogen werden. Sollte die britische Regierung im Zuge weiterer Sanktionen tatsächlich Abramowitschs Vermögen - das auf rund elf Milliarden Euro geschätzt wird - beschlagnahmen, dann würde davon auch der FC Chelsea betroffen sein. Und die sprudelnde Geldquelle damit versiegen.

Chelsea-Coach Tuchel: "Die Situation ist schrecklich"

Eine sehr reelle Gefahr für einen Klub, der in den letzten 20 Jahren nur drei Mal mehr Geld durch Spielerverkäufe einnehmen konnte, als er für Zukäufe ausgegeben hatte. "Wir sollten nicht so tun, als sei dies kein Thema. Die Situation für mich und meine Mitarbeiter, die Spieler ist schrecklich", sagte Chelseas Trainer Thomas Tuchel auf einer Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Liverpool am Sonntag.

Die Situation brächte "eine große Unsicherheit. Viel schlimmer ist es aber für die wirklich betroffenen Menschen. Unsere besten Wünsche, unsere Gedanken sind bei ihnen, das ist das absolut Wichtigste", so Tuchel.

"Es gibt so viele Ungewissheiten rund um unseren Klub und die Situation in Großbritannien, dass es keinen Sinn macht, wenn ich dies kommentiere." Allerdings verhülle die Gesamtlage "unsere Gedanken" und auch die "Vorfreude auf das Endspiel". Das allerdings dürften im Moment eher noch die kleinsten Sorgen des gesamten Konflikts sein.

Verwendete Quellen:

  • Twitteraccount des FC Chelsea
  • Spiegel.de: Chelsea-Trainer Tuchel über russischen Klubeigner: "Die Situation hier ist schrecklich"
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