Amazon Prime Video zeigt erstmals die Champions League, der FC Bayern gewinnt beim FC Barcelona 3:0. Ähnlich souverän wuppte der Streamingdienst das eigene Debüt. Die Macher setzten beim Konzept und bei der Besetzung auf ein funktionierendes Format und bewährte Kräfte, aber auch auf neue Gesichter. Stark waren die Experten Matthias Sammer und Mario Gomez, harmonisch das Kommentatoren-Duo Jonas Friedrich und Benedikt Höwedes.

Eine Kritik
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Der FC Bayern ist souverän in die neue Saison der Champions League gestartet, der deutsche Rekordmeister gewann beim FC Barcelona mit 3:0. Einen ähnlich reibungslosen Auftakt erlebte auch Amazon Prime Video. Der Streamingdienst feierte beim Bayern-Sieg sein Debüt in der Königsklasse– und hatte im Anschluss tatsächlich etwas zu feiern.

Format, Moderatoren, Kommentatoren und Experten: Wir haben den ersten Amazon-Auftritt in der Champions League näher unter die Lupe genommen.

Das Team vor dem Spiel

Amazon Prime hatte für die Premiere groß aufgetischt. Moderator Sebastian Hellmann begrüßte am Pult am Rasen des Camp Nou seine Experten Kim Kulig, Matthias Sammer und Mario Gomez. Zur Vorstellungsrunde gehörten auch die Kommentatoren Jonas Friedrich und Benedikt Höwedes sowie das Studio in Köln mit Moderatorin Annika Zimmermann und den Experten Patrick Owomoyela (Ex-Nationalspieler) und Steffen Baumgart (Trainer 1. FC Köln). Einen Halt gab es auch bei Regel-Experte Wolfgang Stark. Der kam an diesem Abend aber erst in der Highlight-Sendung nochmal zum Einsatz.

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Das Experten-Trio bot fachlich und auch modisch drei verschiedene Typen: Kulig sportlich-schick, Sammer mit Pullover über dem Hemd als "Anpacker" und Gomez seriös mit Anzug und perfekt sitzender Frisur. Es ist eine gute Mischung: Sammer hat als Experte schon oft brilliert. Bei seinen Erklärungen bot er viel Hintergründiges, argumentierte mal gestenreich, dann wieder taktisch und sachlich, immer auf den Punkt, verständlich für den Zuschauer. Er war weniger Taktik-Professor, sondern gut aufgelegter Fachmann.

Überraschend stark daneben Experten-Neuling Mario Gomez, dessen entspannte und unaufgeregte Art gut zu Sammer passte. Der Ex-Stürmer bewies dabei einen angenehmen, trockenen und pointierten Humor. Dass er in einer Statistik besser als Messi war, kommentierte er lapidar mit: "Und dann hat Matthias mich verkauft." Unter dem damaligen Sportvorstand Sammer hatte Gomez den FC Bayern im Sommer 2013 verlassen.

Sammer stark, Gomez überrascht, Kulig nervös

Ex-Nationalspielerin Kim Kulig, Co-Trainerin bei den Frauen des VfL Wolfsburg, wirkte zunächst nervös, blieb etwas blass, "rettete" sich mit Plattitüden wie "Auf die Details kommt es an", "Es wird spannend, das sind großartige Spiele" oder "Barcelona hat auch ohne Messi eine gute Mannschaft". Sie "arbeitete" sich aber in die Sendung rein, taute mehr und mehr auf.

Die 90-minütige Vorberichterstattung war (ohne Werbung) kurzweilig. Sammer, Gomez und Kulig ("Man durfte mich nicht ansprechen!") gaben zum Beispiel nette Einblicke in die Gemütslage eines Spielers vor so einem großen Spiel. Sammer stimmte die Zuschauer auch taktisch ein, sezierte die Aufstellungen beider Mannschaften.

Ein verstärkter Fokus wurde auch auf den Gegner gelegt, und auf das Fehlen von Lionel Messi. "Das kann für eine Mannschaft Fluch und Segen sein", verriet Gomez: "Es kann eine Belastung sein, aber defensiv könnte Barca jetzt besser aufgestellt sein." Sammer sah unter Messi "eine völlige Disbalance. Auf Toplevel konntest du die Highlightspiele deshalb nicht mehr gewinnen."

Format nicht neu erfunden

Generell hat Amazon Prime Video den Vorlauf nicht neu erfunden, sondern setzte auf Bewährtes, hat sich Kritiken der Sky-Zuschauer aber zu Herzen genommen. Zwischendurch gab es Schalten nach Köln, wo Baumgart und Owomoyela über das zweite Spiel mit deutscher Beteiligung des VfL Wolfsburg in Lille sprachen und später einen weiteren Einsatz in der Highlight-Show nach dem Bayern-Spiel hatten.

Field-Reporterin Shary Reeves ("Wissen macht Ah") wurde zwischendurch unter anderem aus dem Barca-Museum eingebunden, dazu gab es Interviews mit Trainer Julian Nagelsmann und Sportvorstand Oliver Kahn. Ein gutes Tempo, viel Programm, viel Meinung, reichlich Abwechslung.

Boulevard bleibt (ein bisschen)

Durch die Verpflichtung von Hellmann gab es die Prise des boulevardesken Sky-Stils, wodurch aus Kahn aber kein weiteres Öl für das Feuer im Zoff zwischen dem FCB und Borussia Dortmund herausgekitzelt werden konnte. Auch eine erhoffte offizielle Bestätigung der Vertragsverlängerung von Leon Goretzka ließ sich Kahn nicht entlocken.

Dafür seine Emotionen, wenn er das Stadion betritt, in dem er 1999 mit dem FC Bayern das Champions-League-Finale gegen Manchester United dramatisch in der Nachspielzeit 1:2 verlor. "Dieser Moment hängt einem immer im Nacken. Und er ist sofort präsent, wenn ich das Stadion betrete."

Das Team während des Spiels

Auch in der Kommentatoren-Kabine ging Amazon keine Risiken ein, denn Friedrich kennen viele Fans von Pay-TV-Sender Sky. Er harmonierte gut mit seinem Co Höwedes, der sich als Ex-Profi immer wieder einbrachte, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Das Zusammenspiel stimmte vom Timing her und auch inhaltlich.

Friedrich gab in erster Linie den typischen Kommentator, während Höwedes viele Blitz-Analysen einstreute, erklärte, warum sich das Spiel so zäh entwickelte, was die Bayern besser machen müssten und wie sich beide Teams taktisch aufstellten und auf Situationen reagierten. Er setzte seine Expertise sachlich und pointiert ein, auch in der zweiten Halbzeit, in der das Duo das gute Niveau halten konnte.

Witzig wurde es auch. Als die Hose bei Nagelsmann anfangs zwickte, stellte Friedrich treffend fest: "Es sitzt noch nicht, dieses Spiel." Und Weisheiten aus dem Sepp-Herberger-Fundus gab es inklusive. "Ein weiser Trainer hat mir mal gesagt: 'Wer nicht schießt, kann auch keine Tore machen. Plumper Spruch, aber wirklich wahr'", verriet Höwedes.

Das Team in der Halbzeit

Ganz stark und pure Unterhaltung die klare Kante in der kurzen Halbzeit-Analyse von Sammer, der feststellte: "Ich habe meine Brille nicht auf. Vielleicht sehe ich nicht richtig, aber für mich ist Bayern total dominant", sagte er und warf den "Blödsinn von Ballbesitz" mal eben in die Tonne. "Das Loch im Mittelfeld bei Barca ist größer als der Mount Everest."

Die Bayern hätten Sane viel zu wenig gefunden, deshalb habe es noch keine gute Staffelung gegeben, so Sammer: "Die Bayern sind total überlegen, Barcelona fast nur mit Kontern, in der Box nur einen Schuss, sonst nichts."

Weiteres Sammer-Highlight: "Sergi Roberto gegen Alphonso Davies, da bekomme ich ja fast Mitleid. Das Giftige, die Schnelligkeit, das ist Wahnsinn." Wie er mit vollem Körpereinsatz die ersten 45 Minuten erläuterte – damit steckte er seine Experten-Kollegen in die Tasche. Großes Kino.

Das Team nach dem Spiel

Sammer machte den Mahner. "Wir müssen aufpassen, was wir analysieren." Denn während er Barca nicht in Grund und Boden reden wollte, sorgte der Amazon-Reporter beim Interview mit Joshua Kimmich für einen Schmunzler, denn die Frage "Wer soll diese Bayern schlagen?" war dann auch Kimmich zu viel des Guten. Es war ein bisschen zu viel Euphorie für einen ersten Spieltag.

Wobei: Sammer hatte die Bayern schon vor dem Spiel als einer der Titelkandidaten auf dem Zettel. "Die Bayern gehören zu den Favoriten, wenn sie alle zur Verfügung haben. Gegen die Bayern in dieser Verfassung verlieren die meisten", glaubt er.

Gomez lobte dabei vor allem den Torschützen Thomas Müller. "Er ist der beste Mitspieler, den du dir wünschen kannst. Er quasselt auf dem Platz, aber es hat Hand und Fuß, was er erzählt. Es ist sicher auch ein großes Kunstwerk von Hansi Flick, der ihn da wieder hingeholt hat." Und Kulig stellt Kimmich in den Fokus: "Mir gefällt seine Persönlichkeit, er ist reflektiert, ist nie zufrieden, kennt die nächsten Ansätze. Was zeigt, dass die Spieler immer weiter wollen." Auch die zweite Analyse des Abends nach der Halbzeitpause verlor unter dem Strich nichts von der vorherigen Tiefe und Qualität.

Der Spruch des Abends

"Jetzt sollte es auch losgehen. Wir können das jetzt nicht noch weiter zerquatschen." Matthias Sammer kurz vor dem Anpfiff nach 90 Minuten Vorberichterstattung.

Das Fazit

Amazon Prime Video wollte ein vom Grundsatz her funktionierendes Format nicht neu erfinden, sondern drehte an kleinen Stellschrauben. Dass man im Vorlauf auf Werbung verzichtete, sorgte für einen angenehmen Fluss der Sendung. Auch sonst waren Anzahl und Dauer der Blöcke im Vergleich zu Sky zu verkraften. Viele Köche (hier: Moderatoren, Experten, Reporter) verdarben den Brei nicht, weil die Gesamt-Komposition (die Sendung) stimmig war.

Die Protagonisten haben dem Start Expertise und Fachwissen verliehen, wobei vor allem Sammer mit seinen Ausführungen glänzte und für Entertainment sorgte. Da die Experten vor und nach dem Spiel viel Sendezeit bekamen, haben sie dem Start den Stempel aufgedrückt und dabei eine gute Figur abgegeben.

Wie auch Friedrich und Höwedes. Die Highlight-Sendung mit den Bildern von den anderen Spielen mit Zimmermann, Owomoyela und Baumgart sorgte alleine durch die personelle Abwechslung für einen neuen Dreh. Insgesamt ein guter Auftakt für den Streamingdienst.

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