Die Niederlage gegen Hoffenheim verschärft den Ton beim FC Bayern. Zu den sportlichen Problemen und der Kritik an Trainer Carlo Ancelotti gesellen sich auch einige Nebenkriegsschauplätze. Sind die Münchener so schon bereit für einen erfolgreichen Start in die Champions League?

So ein bisschen erinnert die Gemengelage an damals, als sich Philipp Lahm aus der Deckung traute und für ein explosives Interview sorgte.

In der "Süddeutschen Zeitung" monierte Lahm, damals noch nicht Kapitän der Bayern oder bei der deutschen Nationalmannschaft, eine andere Klubphilosophie der Bayern an.

Schiri schickt Spieler eines steirischen Regionalliga-Teams vom Feld.

Es war die Zeit, als Louis van Gaal gerade erst ein paar Monate Trainer in München war. Bei den Bayern lief es schlecht, die Mannschaft konnte sich noch auf van Gaals Stil einlassen, die Bosse waren nervös.

Dann das Interview, vorbei an Münchens Medienabteilung geführt und angeblich, so die Darstellung der Bayern, initiiert von Lahms Berater Roman Grill.

Lahms zackige Fehleranalyse - es fehle an einer klaren Philosophie, man dürfe Spieler nicht einfach nur kaufen, weil sie gut seien - hallte noch wochenlang nach.

Es war eines der wenigen nicht chemisch gereinigten Interviews der letzten Jahre. Und es bescherte Lahm erheblichen Gegenwind aus den Reihen seiner Vorgesetzten und die Rekordstrafe von 100.000 Euro.

Rummenigge kontert Lewandowski

Ein wenig dürfen sich nun auch Robert Lewandowski und Thomas Müller so fühlen wie Lahm dereinst. Besonders Lewandowski sorgte mit einem Interview im "Spiegel" für großes Aufsehen, das wie nicht anders zu erwarten nicht lange unbeantwortet blieb.

Lewandowski hatte unter anderem Bayerns eher zurückhaltende Art auf dem Transfermarkt kritisiert, wonach die Bayern die ganz großen Summen für die ganz großen Spieler nicht zu zahlen bereit wären - und damit auf mittelfristige Sicht nicht mehr besonders wettbewerbsfähig.

"Wer öffentlich den Trainer, den Verein oder die Mitspieler kritisiert, kriegt ab sofort Stress mit mir persönlich", raunzte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge jetzt in der "Bild" zurück.

Er wisse schon, "wie man Spieler zur Räson bringt." Wenige Stunden nach dem 0:2 gegen Hoffenheim bringt das unüberhörbare Nebengeräusch eine neue Schärfe in eine ohnehin schon angespannte Situation.

Auch wenn Präsident Uli Hoeneß unmittelbar nach Rummenigges deutlicher Replik gleich versuchte, etwas Dampf aus der Angelegenheit zu nehmen.

Wie bekommt Carlo Ancelotti den Umbruch hin?

Die Bayern haben ein Bundesligaspiel zu einem vergleichswiese frühen Zeitpunkt der Saison verloren. Sie sind nicht Tabellenführer und bleiben immer noch weit unter ihren spielerischen Möglichkeiten.

Das alleine genügt schon, um in München eine mittlere Staatskrise auszulösen. Da passen unzufriedene oder quengelnde Spieler schon gar nicht ins Konzept. Zuletzt hatte ja Müller seinem Trainer Carlo Ancelotti zwischen den Zeilen einen kleinen Seitenhieb verpasst.

Die Meisterschaft ist in Gefahr, Spieler proben den Aufstand - die Langeweile ist vorbei.

Diese erstaunliche Unruhe wenige Tage vor der Wiesn und wenige Stunden vor dem Auftakt in die Champions League mit einem Spiel gegen den RSC Anderlecht (hier finden Sie den Live-Ticker) erreicht für Bayern-Verhältnisse eine neue Qualität.

Teile der Fans gehen schon seit einiger Zeit nicht mehr mit einigen Personalentscheidungen mit, dazu sei Ancelotti der falsche Trainer für diese letzte verbliebene Saison der goldenen Generation.

In einem Jahr dürften Franck Ribery oder Arjen Robben nicht mehr Bestandteil des Kaders sein. Oder sogar beide.

Der Umbruch ist im vollen Gange und Ancelotti hat bisher nicht unbedingt bewiesen, dass er diesen auch mit inhaltlichen Konterpunkten moderieren kann.

In Hoffenheim etwa hat sich der Italiener tatsächlich zu einigen taktischen Änderungen durchringen können, die Bayern spielten in der Anfangsphase auch stark. Aber ein paar Anpassungen von Julian Nagelsmann brachten Ancelottis Überlegungen schnell ins Wanken und am Ende zum Einsturz.

Einige Spieler außer Form oder verletzt

Einige Spieler sind immer noch auf der Suche nach ihrer Form oder der notwendigen körperlichen und geistigen Frische (Vidal, Müller, Thiago), andere sind verletzt (Alaba, Bernat) oder nach langer Rehabilitation gerade erst wieder auf dem Weg zurück in die Mannschaft (Neuer, Martinez, Boateng, James).

Der umstrittene neue Sportdirektor Hasan Salihamidzic wird zwar von Hoeneß und Rummenigge gelobt, passt aber nicht in die Rolle des Mahners und wirkt für so manchen Beobachter mit seinen Maßnahmen eher aktionistisch.

Eine Niederlage wie die in Hoffenheim hätte Vorgänger Matthias Sammer nicht stillschweigend hingenommen. Der hätte sich in der Mixed Zone gestellt und vielleicht ein paar Botschaften an die Spieler formuliert. Salihamidzic schlenderte am Samstag wortlos durch das Spalier der Journalisten. Und verlor kein Wort zu einigen Dingen, über die sich Fans und neutrale Beobachter wunderten.

Jubel, Zweikämpfe, Emotionen: Diese Aufnahmen bleiben im Gedächtnis.

Dass im Spitzenspiel gegen Hoffenheim, gegen die der Meister bereits in der letzten Saison keines der beiden Spiele gewinnen konnte, die Flügelzange Ribery-Robben zunächst nur auf der Bank saß, war einigermaßen überraschend. Ancelottis Formation im 4-3-3 auch.

Der FC Bayern erzwingt keine Tore

Den Bayern geht ihre gefürchtete Qualität ab, Tore einfach auch mal zu erzwingen. Gegen Leverkusen waren es drei Standards, gegen Werder Lewandowskis individuelle Klasse, die zu den Treffern führten.

In Hoffenheim reichte beides nicht mehr, um wenigstens ein Tor zu erzielen. Das ist, neben den vielen anderen kleineren Schauplätzen, eine wirklich ernstzunehmende Erkenntnis der ersten Spieltage.

Aber wie fast immer soll ja die Königsklasse die Königsdisziplin der Bayern sein in dieser Saison. Anderlecht ist da ein dankbarer Gegner, aber bereits in zwei Wochen kommt es zum Aufeinandertreffen mit Paris Saint-Germain.

Das wird nicht nur aus sportlicher Sicht ein besonders reizvoller Vergleich, gelten doch die neureichen Franzosen als einer der Favoriten aus den Triumph in der Champions League.

Es ist ja auch so etwas wie der Kampf des alten gegen das neue System, die seriöse wirtschaftenden Bayern gegen die von Petrol-Dollars subventionierten Franzosen.

Eine gute Gelegenheit also, die Machtverhältnisse zumindest auf dem Rasen nochmals zurechtzurücken.

Aber dafür müssten die Bayern auch langsam mal in die Spur finden.